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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-30 · Heft 48 (30.11.1894) · p. Seite 569

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 48 (30.11.1894)
Date
1894-11-30
Page
Seite 569 (sequence 5)
Language
German
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569 Wie liegen nun die thatsächlicheu Verhältnisse in Rußland hinsichtlich der Judenfrage? Welche Machtmittel standen dem Kriege gegen die Juden zur Seite, und >vas thaten die Verfolgten, um sich ihren übermächtigen Bedrängern gegenüber zu behaupten? Die Antwort auf diese Frage wird uns zugleich aufklären, ob Zar Nikolaus II. die Hoffnung seiner jüdischen Unterthanen, daß seine Regierungszeit für sie eine Ruhepause bedeuten wird, zu rechtfertigen gesonnen ist. Welche Machtmittel standen der Regierung in ihrem Kampfe gegen die Juden zu Gebote? Ein Blick auf den Kampfplatz in und um den Ansiedelungsrayon belehrt uns, daß die Kampfmittel der Regierung wesentlich büreaukratischer Natur waren. Die Macht der Presse, die Unterstützung der Intelligenz, namentlich aber die Sympathie der gesammten Bevölkerung, kurz Alles, was in seiner Gesammtheit die öffentliche Meinung darstellt, stand der Regierung in irhem wahrlich nicht leichten Kriege gegen die Juden nicht zur Seite. . Die russische Presse — von den in polnischer und deutscher Sprache in Rußland erscheinenden Blättern gar nicht uiehr zu reden — befand sich, mit Ausnahme einiger allerdings sehr einflußreicher Zeitungen, entweder auf Seite der Angegriffeiien oder sah dem intereffanten Ringen neugierig aber stillschweigend zu. Die Vertreter der Intelligenz befanden sich im liberalen Lager, standen also selber mit der Regierung aus dem Kriegsfüße und dachten nicht daran, ihrer allmächtigen Gegnerin zu einem Triumph gegeir die Juden zu verhelfen. Die Masse der Bevölkerung aber, ohne deren Sympathie in keinem Lande eine umfangreiche Maßregel der Regierung auf die Dauer durchführbar ist, ließ in der Judenfrage die Regierung fast völlig im Stich. Der Russe ist tolerant und läßt, tvenn er nicht irregeführt oder systematisch aufgehetzt wird, gern Jeden nach seiner Fa^ou selig jwerden; die polnischen und kleinrussischen Elemente aber, in deren Mitte die Juden am dichtesten saßen, wurden selber von der Regierung bedrängt und erblickten in den Juden eher ihren eigenen Schicksalsgenoffen als ihren Feind. Es war, seitdem Katharina II. durch die Eroberung Polens und Südrußlands plötzlich in den Besitz von einer Million Juden gekommen war, bereits das dritte Mal, daß die Romanows mit aller Macht den Kampf gegen ihre jüdischen Unterthanen unternahmen. Derselbe mußte auch dieses Mal enden, wie er unter Katharina II. und Nikolaus I. geendet hatte. Die Juden wurden wohl chikanirt und bedrängt, sie wurden an Geld und Gut, an Leib und Leben geschädigt, man hat sie von da und dort ausgewiesen, in die Fremde getrieben, nach Amerika, ins Elend gejagt, aber wie schwer der einzelne Jude dadurch auch geschädigt wurde, die Gesammtheit hat dabei wenig gelitten. Es sielen einzelne Reiser vom Stamm ab, dem kräftigen jüdischen Stamm selbst konnte aber kein Feind noch wesentlichen Schaden zufügen. ... In diesem hundertjährigen Kampfe haben die Juden von Neuem den Beweis ihrer schier aus Wunderbare grenzenden Widerstandsfähigkeit und Energie erbracht. Diese Erscheinung muß den Uneingeweihten ebenso frappiren, wie das oft angestaunte Wunder der Erhaltung des gesammten jüdischen Volkes durch die ganze schwere und ach, so lange tausendjährige Nacht des Mittelalters. Das Wunder des Mittelalters ist uns zu fern gerückt, um es jetzt noch erklären zu können, aber die Zeit der Judenverfolgung in Rußland liegt uns nahe, ja, wir sind noch mitten in der Verfolgung drin. Fassen wir das Wunder an! Halten wir es fest und sehen wir zu, ob sich nicht eine natürliche Erklärung für dasselbe finden läßt. Die Antwort ist für den Nahestehenden nicht schwer. Die Juden besitzen in der That eine Reihe von Hilfsmitteln, die sie gegen alle Angriffe stark machen. Da ist zunächst ihre hohe Intelligenz. Seit 800 Jahren jm Besitz der allgemeinen Schulpflicht, weisen sie schon seit Langem fast gar keine Analphabeten mehr auf. Wenn der Jud seiner allgeineinen Schulpflicht auch nur in dem altjüdischen Cheder genügt und er in diesem Cheder auch blos jüdisch lesen und schreiben gelernt hat, er erwarb sich doch eine Sprache und hiermit einen Schlüssel zu einer großen Anzahl von Büchern. Diese Bücher, namentlich aber das Buch der Bücher, brachten ihm eine Intelligenz, welche summirt, der seiner Feinde wohl überlegen ist. Der angestammten allgemeinen Schulpflicht verdankt der russische Jude ferner auch die Möglichkeit, am Sabbath voll den Mühsalen der Woche seinen Geist beim stillen anregenden Genuß eiirer fronimen oder belehrenden Lektüre zu erholen, während sein Nachbar Pan Thaddäus rechts und der rechtgläubige Jvaschko links es lieben, den Tag in lärmender Fröhlichkeit zu verleben, die mit Tanz und Suff im Wirthshaus beginnt und mit Raufen auf der Straße oder einem tiefen Schläfchen im Rinnstein endet. Freilich lvird der russische Jude von seinen saufenden und raufenden Nachbarn dieser seiner Enthaltsamkeit wegen arg verhöhnt. Er aber läßt sie ruhig spotten und ertrügt auch den ernsten Tadel des gebildeten Russen: „Der Jude kann kein Bier vertragen." Er weiß es besser. Diese semitische Enthaltsanikeit von Alkohol iui Verein mit seinem arbeitsamen, nüchternen und entsagungsvollen Lebenswandel hat ihn mit einer Vitalität belohnt, die seinen Stamm sich weit rascher vermehren läßt als den der Polen, ja ihil selbst hinter dem der Russen, der an Fruchtbarkeit ihm doch weit überlegen ist, nicht zurückbleiben läßt. In dein schweren Kampf ums Dasein, den der jüdische Stamm in Rußland 14 Jahre lang gegen Alexander III. und seine Paladine Jgnatiew und Pobedonoszew führen mußte, tvar diese Vitalität mit der damit verbundenen geringen Sterblichkeit der Kinder und langen Lebensdauer der Erwachsenen von nicht zu unterschätzender Tragweite 2). Endlich kam den Juden noch der Umstand zu Gute, daß sie, welche schon ohnehin ca. 6 Prozent der gesammten Einwohnerschaft des russischen Weltreichs darstellten, durch die Einrichtung und rigorose Durchführung des Ansiedelungsrayons thatsächlich sich auf 25 Gouvernements beschränkt sahen, wo sie 15 Prozent der Gesammtbevölkerung ausmachten. Das war eine wichtige Waffe, die durch keine noch so allmächtige büreaukratische Gewalt gesprengt werden konnte: die Bemühungen der Regierung, sie immer mehr in den Rayon zu pferchen, womöglich gar in einige Hundert moderne Ghettos einzusperren, mußte die schivere Masse immer mehr und mehr zusammenhämmern, bis sie schließlich in zahlreichen kleineren und größeren Städten 20 bis 90 Prozent der Bevölkerung bildeten. Hier 7 In den letzten 5V Jahren war der russische Jude bemüht, in den profanen Schulen sich auch „profanes" Wissen anzueignen. So betrug die Frequenz der jüdischen Schüler der Volksschulen im Gouvernement Grodno im Jahre 1886 25 pCt., während die gesummte jüdische Bevölkerung dieses Gouvernements nur 15 pCt. beträgt. Den Versuch der Regierung, durch gewaltsame Beschränkung der Zahl der jüdischen Schüler in Schulen und Gymnasien den Juden die Segnung und die Macht der Bildung vorzuenthalten, wußten diese durch Errichtung von Privatschulen resp. durch häuslichen Privatunterricht glatt zu vereiteln. 2) Ueber die Zunahme der jüdischen Bevölkerung in Rußland liegen keine genaue Zahlen vor. In Polen stieg ihre Zahl von 212,000 im Jahre 1816 auf 1,176,000 — 14,6 Prozent der Bevölkerung im Jahre 1888. Jm Jahre 1879 belief sich ihre Zahl noch im ganzen russischen Reiche nach amtlichen Berichten auf (mindestens) 47a Millionen. Aus Gründen, die aus Mangel an Raum hier nicht näher erörtert werden können, müßte diese Zahl inzwischen auf 7,100,000 angewachsen sein. Davon mußten 600,000 Mann ihr Heimathland «erlassen. Mehr konnte selbst Alexander III. nicht Hinauspressen. Der mächtigste russische Zar dieses Jahrhunderts mußte zusehen, wie die Zahl der Jude» in Rußland unter seiner Regierung von 4'/2 auf c>72 Millionen, also um zwei Millionen heranwuchs.

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