Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1894)
- Date
- 1894-11-30
- Page
- Seite 568 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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568 nasialoberlehrer Dr.HöroWitz, Rechtsainvalt Dr. Stein und Kaufmann Louis Kali scher, welcher über „Thierschutz in Bibel und Talmud", Kanfmaim Wiener, der über „Maimonides" sprach, große Verdienste erworben. Der Thorner Verein bildet sich gerade zu einer Debattirschule aus, in der auch jüngere Kräfte sich Mühe gebe», sich das wissenschaftliche Material anzueignen. In vielen kleinen Gemeinden in Pose» und Westpreußen steht es nicht so gut. Die akademisch gebildeten Glaubensgenossen ziehen sich dort oft von dem jüdischen Gemeindeleben ostentativ zurück, die wenigen Vertreter der Jnteüigenz, z. B. die meisten Amtsrichter, Rechtsanwälte, sowie an die kleinen Städte angrenzenden Gutsbesitzer schämen sich oft geradezu ihres Jndenthums. Hier hat der Verband eine große Aufgabe zu erfüllen, die er mit dem nothwendigen Takt und der noch uothwendigeren Vorsicht auch bereits in die Hand genommen hat. Am Sonntag den 18. November folgte der Verbandssekretär einem Rufe des Litteraturvereins in Won groWitz. Der Vortrag behandelte die Ethik des Talmuds. Der Redner zielte n. A. auch auf die oben genannten indifferenten Kreise, denen er zu beweisen suchte, das die Wissenschaft des Judenthnms keine Mumie ist und daß unsere gebildeten Glaubensgenoffen durch ihre ostentative Geringschätzung eine Sünde begehen, die sich schwer rächen könnte.— Der Verband kann eine große Aufgabe erfüllen, wenn er auf solche Gemeinden, die von der großen Heerstraße etwas abseits liegen und die doch vom Antisemitismus nicht verschont bleiben, auch weiterhin sein Augenmerk richtet. In den größeren Gemeinden des deutschen Ostens haben die hervorragenden Vertreter der jüdischen Intelligenz denn auch ihre Aufgabe begriffen und deren Erfüllung thatkräftig in die Hand genomnien, der jüngeren Generation das wissenschaftliche Rüstzeug für den schweren Kampf mit der antisemitischen Hydra in die Hand zu geben und das jüdische Bewußtsein zu stärken. So auch die Großgemeinde Bromberg. Bereits am Freitag den 16. November hatte der Verbandssekretär mit einigen einflußreichen Persönlichkeiten der Gemeinde konferirt. Es bildete sich auch sofort ein Komitee, aus deffeu Einladung am Montag Abend sich im Saale des Moritzschen Hotels fast die ganze Gemeinde zusammenfand. Der einleitende Vortrag des Herrn A. Katz hatte die Wirkung, daß selbst Männer, welche vorher gegen die Begründung eines „exlusiv-jüdischeu" Vereins aufgetreten waren, nunmehr für die Konstituirung eines Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur in Bromberg sprachen. Es traten zu einem Komitee folgende 12 Herren zusammen: Landgerichtsrath Peltasoh n, Rabbiner Dr. Walter, Rechtsanwalt Bärwald, Kaufmann Brock, Kaufmann Fränkel, Dr. med. Großberger, Kaufmann Leweck, Dr. med. Hirschberg, Kantor Blaustein, Rentier Cohnfeld' Bankier Friedländer, Kaufmann Jacobowski. An materiellen Mitteln fehlt es solchen Großgemeinde», die für jüdische Zwecke stets eine offene Hand haben, durchaus nicht; bei der guten und in stetiger Verbeffernng begriffenen Organisation des Verbandes kann es auch an den geistigen Kräften, welche die Bewegung innerhalb dieser Vereine im Fluß halten, nicht mangeln. Es ist demnach bestimmt zu hoffen, daß schon in nächster Zeit auch in Bromberg ein Litteraturverein aufblühen wird. In der alten Gemeinde Schneidemühl, welche nach einer soeben erschienenen Schrift des Herrn Dr. M. Brann bereits 300 Jahre besteht, hatte der erste Gemeindevorsteher Herr Herz Berliner bereits im vorigen Jahre die Gründung eines Litteraturvereins aygefirebt, aber aus lokalen Gründen keinen Erfolg erzielt. In Anwesenheit des Verbandssekretärs berief derselbe mit Herrn Rabbiner Salomon Brann eine Gemeindeversammlung, in der Herr Katz einen Vortrag hielt, wonach sich der neue Verein alsbald konstituirte. Es . traten sofort dein Verein über 80 Mitglieder bei. Der Vorstand besteht aus den Herren Herz Berliner,' Rabbiner Brann, Kaufmann Asch, Lehrer Joseph und Buchhändler Mottek. Da der Rabbiner der Gemeinde Schneidemühl, welcher 41 Jahre dort wirkt, am 19. November seinen 80. Geburtstag beging, ernannte ihn der neubegründete Verein zum ersten Ehreumitgliede in Rücksicht auf seine hervorragenden Verdienste um die Gemeinde. Was durch rührige Propaganda hier im Osten, wie gezeigt, erreicht worden ist, kann auch in andern Bezirken des deutschen Vaterlandes erreicht werden, denn es ist nur der Anfang. Das im laufenden Vereinsjahre seitens des Verbandes errichtete Sekretariat zur Beschaffung des wiffenschaftlichen Materials wird das begonnene Werk in jeder Hinsicht weiter zu fördern bestrebt sein. Was haben die Inden non dertt Thronwechsel in Nußland zu erwartend Von Paul Dimidow. II. Der neue Herr. f er neue Czar, der gegenwärtig das Jntereffe der ganzen Welt anf sich konzentrirt, hat bisher wenig von sich reden gemacht. Er war bis vor Kurzem nur als Sohn seines Vaters von Beonitung. der im Uebrigen still und zurückgezogen im Schatten lebte. Nun aber dessen Sonne untcrgegangen ist, lenkt das sichtbar gewordene neue Gestirn unsere Blicke auf sich und fängt an, das Jntereffe des Beobachters zu erregen.. Wem wird die neue Sonne leuchten? Welche Bahnen wird sie einschlagen, und was haben die Inden von ihr zu befürchten oder zu erwarten? Das Märchen von den liberalen Kronprinzen, die, so lange sie noch nichts zu sagen haben, in gewissem Gegensatz zu ihrem Vater stehen, wurde auch vom Großfürsten-Thronfolger Nikolaus erzählt und hat seinen Weg auch in die Spalten dieses Blattes gefunden. Wir sind nicht in der Lage, die über Nikolai II. umherschwirrenden Gerüchte auf ihre Richtigkeit zu prüfen und wiffen deshalb auch nicht, inwiefern der neue Kaiser auch nur gewillt ist, die au seine Thronbesteigung so zahlreich geknüpften Hoffnungen zu rechtfertigen. Dagegen können wir untersuchen, ob nicht vielleicht der jetzige Zar von den Verhältnissen gedrängt werden dürfte, in mancher Hinsicht, namentlich aber in Bezug auf die Juden, und neue Bahnen einznschlagen. Nicht die Menschen, die Verhältniffe sind es nämlich, welche die Weltgeschichte machen. Kein Sterblicher, und wenn er selbst der Zar aller Reußen ist, kann sich der Macht dieser Verhältniffe entziehen. Solche thatsächlichen Machtverhältniffe, wie sie in Beschaffenheit des Klimas, der Natur des Bodens, dem Charakter der Bevölkerung, sowie den in Industrie, Handel und Eisenbahnwesen einen sichtbaren Ausdruck findenden Kulturzuständen eines Landes begründet sind, sind es, welche in letzter Linie die Politik einer Regierung bestimmen. Wohl gelingt es hin und wieder einem mit gewaltigen Machtmitteln und starkem Willen ausgestatteten Herrscher, das Leben eines Volkes für eine Zeit lang in andere Bahnen zu lenken, noch niemals ist es jedoch gelungen, dieses Volk auf die Dauer auf den falschen Wegen festzuhalten. Ein Rückschlag, eine Reaktion folgte regelmäßig, und die Politik des betreffenden Staates lenkte wieder in die ihr von den bestehenden thatsächlichen Verhältnissen vor- > geschriebene Bahn zurück.