Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 hastet zu werden. Den Meineid soll Leuß in dem Ehescheidungsprozeß seines früheren Freundes Dr. Schnutz begarrgen haben. Inzwischen ist Herr L. gegen Hinterlegung einer Kaution von 10,000 Mark aus der Untersuchungshaft wieder entlassen worden. E. Essen a. d. Ruhr, 8 November. Auf Anregung unsres Rabbiners Herrn Dr. Samuel fand am letzten Sabbath-Nachmittag in der Synagoge in feierlichster Weise der erste Jugendgottesdienst statt. Die Einrichtung desselben, welche in andern großen Gemeinden wie Berlin, Köln re sich vortrefflich bewährt hat, ist aus der löblichen Absicht hervorgegangen, der israelitischen Jugend, insbesondere den Schülern und Schülerinnen der höheren Lehranstalten, welche nicht ohne Nachtheil den Unterricht an den Sabbath- und Festtagen versäumen können, um dem Hauptgottesdienst beizuwohnen, einen Ersatz zu schaffen. Dem erwähnten Uebelstande ist durch vorgenannte Einrichtung nun auch hier abgeholfen, und sie wird aus die Heranwachsende Jugend, einen nachhaltigen guten Einfluß ausüben und zur Erstarkung des religiösen Bewußtseins nicht wenig betragen. Die formvollendete, inhaltreiche Predigt des Herrn Dr. Samuel, sowie die Liturgie, welcher das Gebetbuch der Berliner Gemeinde zu Grunde gelegt ist, und die von Herrn Lehrer Kaufmann geleitet wurde, machten auf die andächtige jugendliche Gemeinde und auf die sehr zahlreich erschienenen Erwachsenen (Gemeindevorstand und Repräsentanten waren in corpore anwesend), einen erhebenden Eindruck. Erwähnen wollen wir noch, daß Herr Dr. Samuel jeden Morgen mit den Schülerinnen der höheren Töchterschule eine gemeinsame Andacht abhält, eine Einrichtung, welche, wo es eben ermöglicht werden ann, nachgeahmt zu werden verdient. G. Frankfurt a. M., 15. November Am 4. November feierte die Gemeinde Frankfurt a. M. ein Familienfest — das Fest der silbernen Hochzeit ihres Rabbiners Dr. Plaut. Die aufrichtige Verehrung, welche Herr Dr. Plaut in den weitesten Kreisen seiner Gemeinde genießt, kam bei diesem Feste zum großartigsten Ausdruck. Von allen Seiten strömten dem Jubelpaare die wärmsten Glückwünsche zu, sowohl von den zahlreichen Vereinen der Gemeinde,. denen Dr. Plaut ein reger Mitarbeiter und warmer Förderer ist, als auch von den einzelnen Mitgliedern der Gemeinde und deren Familien. Von den großen Häusern, an denen Frankfurt ja so reich ist, war auch nicht ein einziges unvertreten; alle fühlten es als eine Ehrenpflicht und zugleich als ein Herzensbedürfniß, an: Jubelfeste ihres Rabbiners ihrer Theilnahme und ihrer Anerkennung in Worten und Geschenken einen würdigen Ausdruck zu geben. Wenn man bedenkt, daß in unserer Zeit die Klage über den religiösen Jndifferentismus im Judenthum eine so allgemein verbreitete ist, so hat das warme Interesse, welches die höchsten Kreise der Frankfurter Gemeinde für dieses Fest ihres Rabbiners an den Tag legten, eine mehr als persönliche Bedeutung Es war dies ein neues bedeutendes Glied in der Kette der Beweise dafür, daß in Frankfurt der religiöse Jndifferentismus weit entfernt ist, Fortschritte zu machen. Herr Dr. Plaut hat in seiner bisherigen Wirksamkeit sowohl auf der Kanzel, wie im Gesellschafts- und Vereinsleben es verstanden, den großen Anforderungen des Frankfurter Rabbinats gerecht zu werden. Seine Thätigkeit war stets vom Geiste des Friedens und der Liebe getragen, und selbst aus dem Lager der strengsten Orthodoxen, unter denen er wohl prinzipielle Gegner, aber keinen persönlichen Feind hat, wurden ihm an diesem Ehrentage Ovationen vargebracht. Unter der großen Anzahl höchst werthvoller Geschenke, die dem Jubelpaare dargebrachl wurden, verdient eins hervorgehoben zu werden, zu welchem em Kreis engerer Freunde sich verbunden hatte: eine kunstvoll gearbeitete Adresse in Begleitung einer Mappe mit einer höchst werthvollen Einlage, die wohl dem drei- bis vierfachen Einkommen manches nicht unbedeutenden Rabbinats gleichkommen mag. Das - war ein echtes Frankfurter Geschenk! Aber nicht nur die Höhe des Werthes entspricht dem Geiste Frankfurts, sondern auch die Delikatesse, mit der diese Angelegenheit behandelt wurde. Es war dies in wahrem Sinne des Wortes eine Ehrengabe: es war eine Ehre für Jeden, der zur Betheiligung zugelaffen wurde. Es steht kein Name auf der Adresse, der nicht den Werth dieser Ehrengabe erhöhte. Die Ehrengabe hätte verdoppelt werden können, wenn nicht die Freunde „entre nous“ hätten bleiben wollen. Mit derselben Delikatesse erfolgte die Überreichung dieser Ehrengabe durch die ersten Männer der Gemeinde, die sich in der bescheidensten Weise entschuldigten, daß sie sich erlaubt hatten, ihrer Verehrung einen etwas praktischen Ausdruck zu geben Die politischen Blätter Frankfurts haben hierüber nichts mitgetheilt. Aber die jüdische Publizistik hat das^Recht, hiervon Notiz zu nehmen, schon um anderen Gemeinden ein leuchtendes Beispiel vor Augen zu halten Möge es Herrn Dr. Plaut und seiner ihm würdig zur Seite stehenden Gattin beschieden sein, noch^viele Jahre in bisheriger Rüstigkeit zu wirken! Oesterreich Ängarn. Lk Wien, 18. November. Ungefähr 200 russische Unlerthauen jüdischer Konfession wurden hier gestern im großen Saal der Kultusgemeinde in der Seitenstettengasse beeidigt. Der Ablegung des Eides ging eine Ansprache des im Ornat erschienenen Oberrabbiners Dr. Güdemann voraus, in welcher er ausführte, daß der Eid der Treue keinen Rückhalt, keine irgendwie geartete Zweideutigkeit dulde. Am Schlüsse der Rede sagte Dr. Güdemann wie folgt: Dem Zaren Nikolaus II. ist der Ruf vorausgegangen, daß er den Weg der Gerechtigkeit, Humanität und Menschenliebe zu betreten entschlossen sei und auf diesem Wege wird er den Dank aller seiner Unterthanen und insbesondere der Bekenner der israelitischen Religion finden. Hierauf verlas der russische Generalkonsul v. Gubastoff in russischer Sprache die Eidesformel, die von den Versammelten wiederholt wurde. Ueberdies bestätigten Alle mit ihrer Unterschrift den geleisteten Eid. — In einer der letzten Reichstagssitzungen sprach Abgeordneter Kronawetter über die Einjährigenprüfungen: Ueberhaupt soll im Verhältnisse zu den Reprobirten die Anzahl der Juden eine auffallend große sein. Von vertrauenswürdiger Seite werde behauptet, daß oft schon ein Name insbesondere bei der praktischen Prüfung die Veranlassung zur Reprobirung gebe. Wenn Einer Turteltaub oder dergleichen heißt, so sagt man: Ueber einen solchen Namen werden in der Mannschaft später Späße gemacht, der paßt nicht zu einem Offizier. Wenn die Juden um Namensänderung einkommen, so nimmt man ihnen das übel, und wenn sie nicht darum einkommen, so muß Einer, weil er Fleckeles heißt, ein Jahr repetiren und wird dann erst bei der Offiziersprüfung geworfen. Landesvertheidigungsminister Graf Welsersheimb bemerkte, es liege nicht nur im Interesse der Humanität, es liege im militärischen Interesse selbst, darauf zu sehen, daß die Behandlung der Mannschaft eine entsprechende sei. „Was die Behandlung der Einjahrig-Freiwilligen bei den Prüfungen betrifft, so ist absolut kein Anhaltspunkt bekannt, nach welchem ich zu schließen vermöchte, daß eine verschiedene Behandlung in Bezutz auf die Konfession oder Nationalität plahgegriffen hätte, und ich kann versichern, daß eine solche ganz entschieden nicht nur nicht in den allerhöchsten Intentionen, sondern auch nicht in den von der Heeresleitung erlassenen Vorschriften begründet ist." — Auf eine ganz eigenthümliche Art wußte sich der als antisemitischer Agitator bekannte Greißler Paul Zaritsch seine Waaren zu beschaffen, indem er wissentlich gestohlene Waaren für billiges Geld auskaufte. Speziell für Selchwaaren, für Würste, Zungen, Fleisch, Schmalz, Speck und dergleichen hielt er sich zwei eigene Lieferanten, die unredlichen Gehilfen eines Meidlinger Selchermeisters, welche seit Jahren ihren Herrn systematisch bestahlen. — In Prag ist unter wahrhaft tragischen Umständen heute der Bezirksarzt der königlichen Weinberge, Dr. Nathan Schwarzkopf, verschieden. Als derselbe vorgestern über die Straße ging, trug der herrschende Wind einem Passanten den Hut vom Kopf. Dr. Schwarzkopf bückte sich nach dem Hut, um ihn seinem Eigentümer zurückzugeben, zu gleicher Zeit griff aber Letzterer mit seinem Stock nach dem Hut und ritzte hierbei die Hand des Arztes. Diese schwoll an, in Folge Eintritts einer Blutvergiftung mußte eine Operation vorgenommen werden, und heute verschied Dr. Schwarzkops im 49. Lebensjahre. Das Schicksal des unglücklichen Arztes erweckt in Prag allgemeinste Theilnahme. — Eine Deputation des israelitischen Kultusvorstandes in Krems überreichte dem Oberrabbiner Dr. Güdemann eine reichverzierte künstlerisch ausgestattete Dankadresse für seine Rede aus Anlaß der Einweihung des Tempels in Krems. Rußland. g. St. Petersburg, int November. Wie die „Now. Wremja" berichtet, soll der im Jahr 1891 ausgearbeitete Gesetzentwurf, die Regelung resp. Einverleibung jüdischer Wohlthätigkeitsinstilute betreffend, welcher im vergangenen Frühjahr der Regierung