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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-23 · Heft 47 (23.11.1894) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 47 (23.11.1894)
Date
1894-11-23
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 Litteratur" abgehalten. Herr Lehrer A. Levy sprach über „Die ältesten Staatsverfassungen der Hebräer". An der Hand der Bibel zeigte Referent, wie schon in der ältesten Geschichte unserer Vorfahren die Verfassung greifbare Formen angenommen hatte und auf eine hoch entwickelte Kultur Hinweise. Für alle seine Behauptungen erbrachte er treffende Beweise, so daß die in der Diskussion erhobenen Einwendungen sachlich widerlegt wurden. In geistvoller und herzerfreuender Weise zeigte. Referent in seinem Vortrage, besonders aber in seiner Entgegnung auf bibelkritische Bemerkungen seitens einiger an der Diskussion sich lebhaft betheiligenden Gelehrten, wie die Bibel als Quelle für Geschichtskenntniß aufzufassen und zu behandeln sei. Das überaus fesselnde und lehrreiche Referat 'wurde mit großem Beifall ausgenommen. Vor Schluß der Sitzung machte der Vorsitzende, Herr Dr. Karpeles, die erfreuliche Mit- , theilung, daß der Plan zur Gründung einer jüdischen Volksbibliothek und Lesehalle vor seiner baldigen Verwirklichung steht. X Bromberg, 13. November. Der Königliche Kommissionsrath Lippmann in Labischin hat der Gemeinde in Labischin 30,000 Mark testamentarisch zur Verfügung gestellt; von den Zinsen soll ein Rabbiner besoldet werden; ebenso 3000 M. zur Wiederherstellung des Lehrhauses. — In Wreschen sind der Lehrer Wolf und Büreauvorsteher Wiels zu Mitgliedern des Ehrenraths des dortigen Landwehrvereins gewählt worden. Kp Aus der Provinz Posen, im November. In Pleschen feierte am 23. v. M. der „Kraukenverpflegungs- und israelitische Leichenbestattungs-Verein" in Gemeinschaft mit dem „Gebrüderkranken - Verpflegungsverein" imNosenbaum'schen Lokale sein diesjähriges Stiftungsfest. Die Bet Heiligung der Mitglieder an demselben war eine recht rege. Der Verlauf des Festes hat alle Theilnehmer befriedigt. — Tags darauf fand in demselben Lokale dortselbst die seitens des Regierungspräsidenten genehmigte Verloosung der von dem israelitischen Jungfrauenverein veranstalteten Lotterie statt. - Die Wahl des Herrn Dr. Werner in Danzig zum Rabbiner der israelitischen Gemeinde in München ist von der bayerischen Regierung bestätigt worden. Herr Dr. Werner hat nun seine Seelsorgerstelle bei der jüdischen Gemeinde in Danzig zum 1. April 1895 gekündigt und wird von diesem Zeitpunkt an sein neues Amt übernehmen. — Der, israelitische Wohlthätigkeitsverein „Eintracht" in Schildberg feierte am 23. v M. im Waldeckffchen Lokale daselbst sein diesjähriges Stiftungsfest. Das Fest wurde durch einen von einer Dame gesprochenen Prolog eröffnet. Alsdann gelangten zwei Theaterstücke zur Aufführung, an welche sich ein gemüthliches Kränzchen anschloß. Die Einnahmen fließen in die Kasse des Vereins, der die Aufgabe hat, arme jüdische Schulkinder zu unterstützen. Der Verein zählt gegenwärtig 35 Mitglieder. - In, W oll st ein ist nach Mittheilung des „Postep" ein polnischer antisemitischer Verein unter dem Namen „Gwiazoa" gebildet worden. — Am 28. v. M. ist in Danzig der in den weitesten Kreisen bekannte Kaufmann Aschenheim im Alter von 80 Jahren gestorben. Er hat den größten Theil seines Vermögens für wohlthätige Zwecke bestimmt So hat er sein Heumarkt 6 belegenes Grundstück der von ihm gegründeten Stiftung für arme jüdische Frauen und Männer vermacht. Auf dem Grundstück hat er einen Neubau aufführen lassen, in dem schon 15 Personen Aufnahme gefunden haben. Außer aerschiedenen Legaten fällt noch ein Betrag , von 200000 Mark dieser Stiftung zu. — Der Rentier Tuch in Wreschen, welcher vor einigen Jahren dort starb, vermachte der Synagogen-Gemeinde daselbst ein Legat, dessen Zinsen im Betrage von 195 Mark jährlich am Todestage des Testators zu wohlthätigen Zwecken verwendet werden sollen. Der Todestag des Erblassers wurde am 29. v. M. in würdiger Weise begangen. Nach Beendigung des Schulunterrichts vertheilte Herr Lehrer Wolff an einige Schulkinder Kleidungsstücke und andere Gegenstände für den Würter. — Ein Prozeß, der auch, weitere Kreise interessiren wird, wird in nächster Zeit vor dem Amtsgericht in Flatow zum Austrage kommen. Bei der Reichstags-Ersatz-,, wähl im Wahlkreise Schlochau-Flatow im Mai d. I. agitirten einige auswärtige Herren der deutschsozialen Reformpartei in Krojanke für die Kandidatur des antisemitischen Herrn von Mosch und hielten zu diesem Zwecke mehrere Versammlungen in einem Lokale ab, das auch das Vereinslokal des hiesigen Kriegervereins ist. Bald darauf nahmen die jüdischen Mitglieder des Vereins Veranlassung, ein die Verlegung des Vereinslokals beantragendes Schriftstück abzufassen und für diesen , Antrag auch unter den Mitgliedern des anderen Bekenntnisses Anhänger - zu werben. Da aber nach Ansicht des Vorstandes Massenanträge tu.; diesem Sinne das kameradschaftliche Gefühl beeinträchtigen, auch der Pflege des militärischen Geistes znwiderlausen und folglich mit dem Zwecke des Vereins in Widerspruch stehen, wurden fünf Petenten, die eine Rechtfertigung ihrerseits verweigerten, vom Verein ausgeschlossen. Einer derselben hat nun, ohne von dem ihm zustehenden Rechte, Berufung bei der Generalversammlung eiuzulegen, Gebrauch zu machen, zum Zwecke seiner Wiederaufnahme die gerichtliche Entscheidung angerufen, und es ist in dieser Sache auf den 19. November ein Termin festgesetzt. K Hannover, int November. Die offizielle Einführung des Herrn Dr. Kn oller in sein Amt als Direktor der hiesigen Lehrer- Bilduugsanstalt erfolgte am 1. November durch den Herrn Geheimen Negierungs- und Provinzialschulrath Wendland in Gegenwart des Herrn Lattdrabbiners Dr. Gronemann, des Herrn Rechtsanwalts Benfey I., als Mitglied der Verwaltungsbehörde, und mehrerer geladener Herren vom Vorstand der Gemeinde und des Seminaristen-Vereins. Nach einem einleitenden Gesänge der Seminaristen ergriff der Herr- Pro vinzialschulrath das Wort und hielt an den einzuführenden Direktor eine Ansprache, in der auch dieses Mal, wie bei allen früheren ähnlichen Anlässen, sein Wohlwollen und sein Interesse für die Bildungsaustalt zum Ausdruck kamen. Die Ziele, nach denen die Anstalt bei der Heianbildung der Zöglinge zu streben habe, seien, sie zu glaubenstreuen Juden, guten Patrioten und tüchtigen Lehrern zu erziehen. Herr Landrabbiner Dr. Gronemann schloß sich diesen Wortett voll und ganz au und wies noch auf den weiteren Beruf des jüdischen Lehrers hin, auch zu Zeiten den Geistlichen in seinem Kreise zu vertreten; er hob die Bedeutung der Anstalt für die Provinz, in der die Schüler in erster Reihe zu wirken berufen seien, hervor, konnte jedoch mit 'Genugthuung konstatiren, daß, im ganzen Reiche zerstreut, Lehrer, die hier ihre Ausbildung empfangen haben, Anstellung gefunden und segensreich schaffen. Aus der Erwiederung des Herrn Dr. Kn oller sprach der Ernst und die Entschlossenheit, mit der er seine Ausgabe erfaßt hat, und es lag in ihnen eine Bürgschaft, daß auch unter der neuen Leitung der gute Ruf der Anstalt sich erhalten und immer mehr ausbreiten wird Mit einem Schlußgesang und der Aufnahme eines Protokolls schloß der feierliche Akt; nach der dann folgenden Besichtigung der neuen Schulrättme und deren Einrichtung sprachen sich der Herr Schulrath sowie die anwesenden Herren in sehr anerkennender Weise über das Gesehene aus. — Ende Oktober tagte hier die Generalversammlung und Konferenz des evangelischen Vereins, Hauptvereins für innere Mission, auf welcher der Herr Abt von Loccum, Dr. Uhlhorn, über die Stellung der evangelisch-lutherischen Kirche zur sozialen Frage sprach. Aus der hochbedeutenden Rede des als erste kirchliche Autorität geltenden Redners dürften einzelne Sätze auch für uns nicht ohne Werth sein. Der strengkirchliche Geistliche nannte im Verlaufe seiner Rede die Sozialdemokraten, die Grundreformer und die Antisemiten politische Parteien, welche die Träumerei besäßen, eine günstige Umgestaltung unserer Verhältnisse durch ein eittziges Mittel, die Aufhebung des Privateigenthums, Abschaffung der Grundrente, Verjagung der Israeliten, aubahnen zu können. Der Satz, daß die Kirche der sozialen, als einer wirthschaftlichen Frage neutral gegenübersteben müsse, wurde. wiederholt hervorgehoben. Im neuen Testamente z. B. lasse sich keine Stelle finden, welche die Aufhebung der Sklaverei fordere; dagegen mache Stöcker Jesus zu einem „Proletarierkönig", Naumann ihn zum größten Feinde des Kapitalismus. Christliche Sozialpolitik solle man nicht fordern; eine christliche Nationalökonomie oder ein nationalökonomisches Christenthum erklärte Dr. Uhlhorn für ein Unding und warnte aufs Allerernstlichste vor dem sich immer weiter verbreitenden Dilettantismus in derartigen Fragen. — Was werden die Christlich-Sozialen zu dieser Zurechtweisung sagen? Die hiesige antisemitische Presse weiß sich zu helfen, indem sie die betreffende Stelle bei Wiedergabe der Rede einfach wegläßt! Ein trefflicher Ausweg! OO Hannover, 16. November. Der antisemitische Reichstagsabgeordnete Leuß, seiner Zeit mit der Redaktion des Stöckerschen Blattes „Das Volk" betraut, ist stets beflissen gewesen, für Verbreitung der Sittlichkeit, wie er sie verstand, thätig zu sein, und hat auch dafür sich eingesetzt, daß der Eid vor Gericht mit besonderen Feierlichkeiten umgeben und konfessionell formulirt werde. Diesem Herrn Leuß nun ist gestern das Mißgeschick begegnet, auf Beschluß des königlichen Landgerichts wegen dringenden Verdachts des Meineides vor-

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