Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228088--51290-3274146- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
-- ■$ 4 -- vorgelegt werden sollte und seiner Zeit abgelehnt wurde, nunmehr noch einmal der Regierung unterbreitet werden, nachdem dieser Entwurf in verschiedenen Magistraten größerer Gemeinden zirkulirte, die sich sämmtlich den Ausführungen des Entwurfs angeschlossen haben. Daß dies geschehen, darf wohl kaum Wunder nehmen, wenn man in Erwägung zieht, daß die Kassen der Gemeindeinstitutionen durch eine Einverleibung der spezifisch jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten um ein Bedeutendes bereichert werden. Höchstwahrscheinlich dürste nun die Annahme dieses Entwurfes erfolgen und wird dadurch dem russisch-jüdischen Elend auf dem Verwaltungswege auch der Zutritt zu dieser Zufluchtsstätte bedeutend erschwert. - Im Senat soll, nach einer dem „Woschod" entnommenen Notiz, in Kurzem die Frage erörtert werden, ob die Söhne derjenigen jüdischen Kaufleute, die die erste Steuergilde entrichten, die in die Firma ihrer Väter als Theilhaber mehr als 10 Jahre eingetragen sind und sich nun selbstständig etabliren wollen, die ihren Vätern eingeräumten Rechte gleichfalls genießen können. Im Besonderen soll über die Frage berathen werden, ob diese Söhne der die erste Steuergilde entrichtenden jüdischen Kaufleute wenigstens berechtigt sind, als Kaufleute zweiter Gilde in Rußland zu leben. Spanien. Gibraltar, 17. Oktober. Mit der „Mequinez" soeben hier von Mogador angekommen, muß ich Ihnen leider die Panik im JudLavier tel in der Stadt Marokko bestätigen, dieselbesteht mit den Unruhen unter den Mogador benachbarten Tribus in Zusammenhang. Die Regierung ist außer Stande, ihre Autorität unter den Volksmassen aufrecht zu erhalten, und unsere Glaubensgenossen im Innern des Landes sind vorkommenden Falls schwer bedrängt. Einstweilen sind indeß unter den Häuptlingen der rebellischen Stämme in der Nähe der Stadt Marokko Uneinigkeiten ausgebrochen, und da kein richtiger Oberbefehl vorhanden ist, ist ein Theil der Mannschaften zu ihren Wohnstätten zurückgekehrt. Hoffentlich hält diese einstweilige Beruhigung an. Afrika. ng. Mogador, im Oktober. Die Unruhen und Ausschreitungen, über welche Ihr Korrespondent in seinem letzten Briefe aus Tanger Äie benachrichtigte, haben an Ausdehnung zugenommen. Es ist wiederholt zu ernsten Ausschreitungen gegen die Juden gekommen. Die Lage unserer Glaubensgenossen, welche hier immer als eine äußerst traurige bezeichnet werden durfte, hat sich insofern verschlimmert, als momentan die Aufständischen sich nicht scheuen, mit vereinten Kräften ungeahndet und ungestraft am hellen lichten Tage in bewohnten und belebten Städten die Juden anzugreifen. Niemand bekümmert sich um die Plündernden, selbst wenn sie einen jüdischen Laden ausräumen. Jüdische Händler und Kaufleute, die auf Dörfer resp. auf Messen und Märkte ziehen, sind der Plünderung preisgegeben. Alles, was sie bei sich führen^ wird ihnen genommen, selbst ihrer Kleidungsstücke werden sie beraubt. Auch aus den breiten Landstraßen find die Leute nicht mehr sicher und einen jeden Wanderer liegt es ob, 25 Duros (150 Francs) Lösegeld zu bezahlen, falls sie nicht Beraubung und Gefangennahme vorziehen. Die Aufständischen belagern augenblicklich Marokko (Merakesch die Haupt-j stadt des Landes) und verlangen die Auslieferung Muley MuhammedÄ sowie aller gefangenen Aufständischen, widrigenfalls sie die Stadt stürmen werden. Die Israeliten aber richten ihr inbrünstiges Gebet zum Himmel empor, daß der Aufstand beseitigt und ihre Lage eine erträglichere werde, Amerika. n. Netv-Aork, 5. November. Die Gemeinde „Beth-Eolim" in Brooklyn hielt ihre Jahresversammlung ab zur Vornahme der Beamtenwahl und zur Empfangnahme von Berichten ihrer Beamten. Die Gemeinde befindet sich in blühendem Zustand und gewinnt stets m neuen Mitgliedern. Der Rabbiner Dr. Taubenhaus, welcher-sich großer Beliebtheit erfreut, wurde einstimmig wiedergewählt, fowjH Herr Rapp aport als Borbeter. Aus der sich anschließenden Vorstands Beamtenwahl ging Herr Henry Bloch als Präsident hervor^ 4-1 Zwei Rabbiner haben in Amerika abgedankt. Herr Benjamin vHy der Congregation Schore Schomajin, 15 Street in New York, indem die Gemeinde ihn zwar wieder erwählte, aber sein Gehalt reduzirt^ und Herr Dr. Sonnenschein, zuerst in Newyork, dann in St. Louis^ zuletzt in St. Francisco, weil seine Gemeinde mit seiner radikalen Ept-^ Wicklung nicht Schritt hatten will. 4,4 1 Von Nah und Fern. — Zu den neun großen Legaten, die in den letzten acht Jahren der Berliner Universität zugefallen, gehören auch die beiden folgenden:Aus der Moses Mendelssohnschen Stiftung (150,000 M.) werden alljährlich acht Stipendien im Betrage von je 6—700 M. an Studirende ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses und der Fakultät vergeben, wobei die Würdigkeit und Tüchtigkeit mehr als die Bedürftigkeit den Ausschlag geben soll Das Adolf Arnsteinsche Legat (30,000 M.) vergiebt auf 1-4 Jahre Stipendien von 3—900 M. an Juristen, Mediziner und Historiker. — Das Reichsgericht hat die Revifion des Buchhändlers Glö ß in Dresden gegen die am 25. Juni wegen Beleidigung des Grafen von Caprivi erfolgte Berurtheilung zu 500 Mark Geldstrafe verworfen. — Eine Anfrage des Magistrats an die Direktoren der Töchterschulen Hannovers, ob sich der von den Juden gewünschten Einführung jüdischen Religionsunterrichts (ähnlich, wie es für den katholischen Religionsunterricht bereits geschieht) Bedenken entgegenstellen, ist,. soweit die „Tägl. Rundschau" erfahren haben will, von einzelnen Direktoren bejahend (?) beantwortet. — In der Privatklagesache gegen Paulus Meyer und Genossen wegen Beleidigung, welcher die von Meyer verfaßte Broschüre „Wölfe in Schafsfellen" zu Grunde liegt, ist der Schriftsteller Paulus Meyer von dem Leipziger Amtsgericht zu 1 Jahr 10 Monaten Gefängniß, Dr. Wesendonk zu 50 Mark Geldstrafe verurtheilt worden. — Die Akademie der Wissenschaften in München hat den Professor Dr. Alfred Pringsheim, außerordentlichen Professor der Mathematik an der Universität München, zum Mitglied ernannt. — Anton Rubinstein, der gefeierte Komponist und Künstler jüdisch-russischer Abkunft, ist am 20. d. Mts. im 65. Lebensjahre gestorben. Wir behalten uns vor, auf diesen bedeutsamen Mann ausführlich zurückzukommen. — In einer abgehaltenen antisemitischen Versammlung zu Freiburg trat dem Abg. Liebermann v. Sonnenberg, welcher eine zweistündige Rede hielt, der Professor an der Hochschule Dr. Rosin (Jude) in entschiedener und wirksamer Weise entgegen. — Der Kaiser von Oesterreich hat dem Brunnenarzte Dr. Leopold Fellener in Franzensbad in Anerkennung seines patriotischen und humanitären Wirkens den Titel eines kaiserlichen Rathes" verliehen. — Jüdische Künstler haben zwei Denkmale ausgeführt, w'elche am 1. November enthüllt wurden. Das eine ist das Grabdenkmal des Generals Georg Klapka, das der Bildhauer Josef Rona anfertigte. Das zweite Denkmal ist das des Künstlers Ad. Huszar, welches der Bildhauer Julius Donath verfertigte. — Die Kultusgemeinde-Repräsentanz in Prag hat Herrn Dr. Moritz Popper eine Subvention zu Forschungen auf dem Gebiet der Geschichte der Juden in Prag bewilligt. — In Amsterdam sprach im Saale der freien Gemeinde Frau Nahida Remy mit großem Beifall über das Weib im Talmud. — Der italienische Deputirte Fürst B, Odescalchi veröffentlicht ein Weitere socialü“ betiteltes Werk, in dem ein bedeutendes Kapitel dem Antisemitismus gewidmet ist. Fürst Odesealchi bezeichnet denselben als absurd und erklärt, daß die Juden in den Einheitskämpfen Italiens eine rühmliche Rolle gespielt, wie auch viele unter ihnen die Garibaldinische Kriegsmedaille tragen oder, wie der brave Reiteroffizier und jetzige Abgeordnete Ulderico Levi u. A., mit Ehren in der Armee dienten. Schließlich weist der Autor noch darauf hin, daß in die sämmtlichen Bankskandale kein einziger israelitischer Rame verflochten war, und daß der Antisemitismus in Italien nicht die geringste Aussicht habe. — Die Zahl der Juden, die in Bulgarien wohnen, beläuft sich ungefähr auf 25,000 Seelen. Von diesen sind 23,000 Portugiesen und 2000 Polen und Galizianer. — Im Gouvernement Jekaterynoslaw, in der Nähe von Odessa und Jesloswiet, wurden vor einigen Monaten 125 jüdische Familien ausgewiesen, wodurch sie. in ihrer Existenz bedroht wurden. Die Ausgewiesenen richteten ein Gnadengesuch an den verstorbenen Zaren. Das Gesuch blieb unbeantwortet, und am 15. d. M. hätten sie schon ihre Heiinath verlassen müssen. Bor drei Tagen kam plötzlich eine günstige Entscheidung aus tzivadia vom Zaren Nikolaus II., welcher allen bedrohten Familien „bis auf Weiteres" den Aufenthalt in ihrem jetzigen Wohnort gestattet. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.