Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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58. Jahrgang. Nr. 47. Serlin. 23. November 1894 Weikage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. Fg. Berlin, 18. November. In recht bescheidener und primitiver Weise vollzog sich heute Nachmittag auf dem Friedhofe in Weißensee die Beisetzung des am 14. er. nach kurzem Leiden verschiedenen Dr. Julius Joel, welcher zwei Jahrzehnte hindurch bei der hiesigen israelitischen Gemeinde als Inspektor des Begräbnißwesens angestellt gewesen. Joel, welcher im Jahre 1825 in Labischin (Provinz Posen) geboren wurde, genoß seine talmudische Ausbildung in Filehne, kam dann aufs „Graue Kloster" nach Berlin und erwarb sich in demselben sowie später im Köllnischen Realgymnasium die Reife für die hiesige Universität, welche er alsdann bezog. Er widmete sich bis zum Jahre 1855 philosophischen Studien und promovirte in Halle mit einer Abhandlung über Talmudexegese. Er wirkte hierauf als Dozent in Weinheim an der dortigen israelitischen Erziehungsanstalt (das jetzt nach Köln verlegte unter Leitung des Dr. Plato stehende Seminar). Doch schon im Jahre 1861 folgte er einem Rufe nach Schivelbein, wo er zwei Jahre als Prediger und Lehrer fungirte, um alsdann nach Laueuburg überzusiedeln, in welcher pommerschen Stadt er bis zum Jahre 1871 als Rabbiner und Prediger amtirte. Dann kam der Verblichene nach Berlin, wo er kurze Zeit darauf als Inspektor des Begräbnißwesens der jüdischen Gemeinde angestellt wurde. Im Jahre 1888 wählte ihn der Vorstand der jüdischen Gemeinde zum Inspektor des alten Friedhofes in der Großen Hamburgerstraße. Joel ist den Lesern unseres Blattes nicht unbekannt. Er war ein warmer Freund talmudischer Litteratur. Er lebte zurückgezogen, war ein guter edler Charakter und pflichttreu in seinem Dienst. Sein Andenken sei gesegnet! kg Berlin, 15. November. Der jüdische Frauen- und Jungfrauen- Wohlthätigkeitsverein „Mathilde" (in diesem Namen ist diedurch ihren Wohlthätigkeitssinn bekannte selige Frau Konsul Mathilde Caro verewigt), welcher-nunmehr in das vierte Jahr seiner Thätigkeit tritt, läßt augenblicklich Listen eirculiren, in welchen er edeldenkende Glaubensgenossen um Unterstützung zwecks Bekleidung und Beschuhung (Chanukahbescheerung) armer jüdischer Kinder Littet. In den verflossenen Jahren seiner Thätigkeit hat dieser Wohlthätigkeitsverein trotz seines kurzen Bestandes schon Erwähnenswerthes geleistet. So hat er zahlreichen, armen Wöchnerinnen bedeutende Unterstützungen, Aerzte und Medikamente gewährt. Alljährlich veranstaltete der Verein ein Chanukahfest, an welchem Tage auch den armen Kindern die Kleidungsstücke überreicht wurden. Auch durch Schulbücher, nützliche Geschenke und eine Kinderkaffeetafel werden alljährlich die armen Kleinen erfreut. Etwaige Geschenke wolle man freundlichste an Frau Dr. D. Neubauer, Alte Schönhauserstr. 6 oder Frau Rabb. Dr. Lipschütz, Landsbergerstr. 99, senden. W. Berlin, im November. Vereinigung Monbijou. Unter diesem Namen besteht Hierselbst seit dem Herbst er. ein Verein jüdischer junger Männer und Mädchen, welcher sich zur Aufgabe gestellt hat, unter seinen Mitgliedern die Kenntniß der jüdischen Geschichte und Litteratur, sowie der Kunst und Wissenschaft zu fördern. Es ist deshalb die Einrichtung getroffen worden, an den allwöchentlich stattfindenden Sitzungen einen kleineren Vortrag seitens der Mitglieder halten zu lassen, woran sich eine Diskussion knüpft. Hiermit wird der weitere Zweck verfolgt, die Mitglieder zu befähigen, ihre Gedanken in geordneter Weise zu äußern. Ferner werden monatlich einmal unter Betheiligung auch der inaktiven Mitglieder (Damen) und deren Angehörigen größere Borträge zu Gehör gebracht; diese Abende werden gesellig und zwar derart ausgestaltet, daß sich dem Vortrage eine Kaffeetafel mit Ansprachen re. und Tanz anschließen. Aus den kleinsten Anfängen heraus ist der Verein bis auf gegenwärtig 45 Mitglieder gewachsen. Bei der Auswahl seiner Mitglieder ließ fich die Aufnahme-Kommission von der Anschauung leiten, daß zur Lösung der gestellten Aufgaben mindestens derjenige Bildungsgrad vorhanden sein muß, welcher mit der Berechtigung zum einjährigen Dienst, bei Damen durch Absolvirung einer höheren Töchterschule erreicht wird. Dieses Prinzip ist mit einigen Ausnahmen durchgeführt worden und hat sich vortrefflich bewährt, denn fast Alles, was der Verein bisher seinem Programm gemäß geleistet hat, ging aus den eigenen Kräften der Mitglieder hervor. Was diese Leistungen des Vereins betrifft, so mögen folgende Themata, über welche Vorträge im'Verein gehalten worden sind, Zeugniß hierüber ablegen: Geschichte der Musik; berühmte Frauengestalten in Bibel, Sage und Geschichte; Leopold Zunz' Leben und Wirken; der dichtende Volksgeist; Schiller und die Jetztzeit; Dominique Cimarosa (ein jüdischer Komponist); welche Ziele hat der Mensch zu verfolgen; die sieben Weltreligionen; Moses Mendelssohn. Ferner wurden Diskussions-Abende eingerichtet und über folgende Fragen diskutirt: Was stählt mehr den Charakter, Reichthum oder Armuth? Was ist entscheidender für das menschliche Leben, das Alter oder die Jugend? Wenn man fich vergegenwärtigt, daß in'die Zeit des Bestehens der Vereinigung Monbijou die dem Vereinsleben ungünstige Sommerzeit fällt, und daß die Organisation, sowie die Ausarbeitung der Statuten eine immmerhin geraume Zeit absorbirt, so wird zugegeben werden müssen, daß der Verein eine sehr rege Thätigkeit entwickelt hat. Bisher wirkte der Verein geräuschlos, sich selbst konsolidirend; nun jedoch scheint der Zeitpunkt gekommen, mit seinen Bestrebungen an die Oeffentlichkeit zu treten, um das Interesse all' Derjenigen für sich zu gewinnen, welche über die mangelnde Begeisterung in der jüdischen Jugend für die höheren Ideale des Judenthums so vielfach und laut Klage führen. Der Vorstand des Vereins, dessen erster Vorsitzender Herr Bernhard Wolfs, Lindenftr. 15, ist, nimmt gern und jeder Zeit Anmeldungen zum Beitritt entgegen; das Eintrittsgeld beträgt 1 Mk., der monatliche Beitrag für aktive Mitglieder (Herren) 1 Mk., für inaktive (Damen) 50 Pf. Besonders dankbar wäre der Verein solchen Herren, die sich erbieten würden, Vorträge über unsere glorreiche Geschichte und herrliche Litteratur zu halten, denn gerade für solche Themata find die Mitglieder außerordentlich interessirt, während für die Behandlung derselben sich die geeigneten Kräfte in noch nicht genügender Stärke im Verein befinden. Nicht unerwähnt darf es bleiben, daß sich auch einige ältere Herren und Damen dem Verein angeschlossen haben, in der ausgesprochenen Absicht, die Bestrebungen der jungen Mitglieder zu fördern, und es soll hier dankend anerkannt werden, daß es allein diesen älteren Mitgliedern, wovon in jeder Sitzung eins, gleichsam als treibende Kraft, anwesend ist, zu danken ist, daß der Verein seinen gegenwärtigen Standpunkt erreicht hat. Der Verein will, so weit seine Kräfte reichen, an der Bekämpfung des bei unserer Jugend herrschenden Jndifferentismus witthätig sein, und er darf wohl deshalb auf die eifrige Mitwirkung aller Derjenigen rechnen, welche in der Kräftigung des jüdischen Bewußtseins in der kommenden Generation das Heil des Judenthums erblicken. In der Sitzung am 14. d. M. ist einstimmig beschlossen worden, einen Jahresbeitrag für die zu errichtende „Jüdische Lesehalle" zu bewilligen; der 1. Vorsitzende, Herr Bernhard Wolff, ist zur Vertretung der Vereinigung Monbijou in den Vorstand der „Jüdischen Lesehalle" erwählt worden. ---- Berlin, 18 November. Die Staatsanwaltschaft zu Rottweil hat die hiesige Kriminalpolizei ersucht, Erkundigungen nach dem dort in Hast befindlichen Kürschner Josef Schenk einzuziehen. Dieser, ein Mann im Alter von 42 Jahren, hat allem Anschein nach ganz Deutschland durchwandert und es besondersauf die Brandschatzung israelitischer Unterstützungskassen abgesehen, deren Verwaltungen er unter dem Vorgeben, Jude zu sein, zur Bewilligung von Geldbeträgen veranlaßte, obgleich er Katholik ist. Eine Narbe auf der linken Seite der Stirn ist ein besonderes Kennzeichen des Mannes. F. Berlin, 18. November. Am 5. d. wurde in Cassels Hotel der Diskusfionsabend unseres „Vereins für jüdische Geschichte und