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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-23 · Heft 47 (23.11.1894) · p. Seite 564

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 47 (23.11.1894)
Date
1894-11-23
Page
Seite 564 (sequence 12)
Language
German
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564 ist ihre Frömmigkeit, was ist ihre Demuth und Unterwürfigkeit, was i ist ihr religiöser Dienst, was ist überhaupt ihr Gott? An ihrem Gottesdienste magst Du sie erkennen. Sie dienen doch nicht Gott, sondern suchen Gott in ihren Dienst zu zwingen. Sie zerren und reißen an ihm, setzen ihm gleichsam die Pistole auf die Brust, damit er wolle, wie sie wollen. Jeder Lump meint, daß Gott um seinetwillen die ewige Naturordnung ändern müsse. Ihre Demuth und Unterwürfigkeit ist Stolz und Hochmuth, und ihr Gott ist Vergötterung ihrer eigenen Wesenheit. Als ich zu dieser Erkenntniß gekommen war, da hat sich niein Herz dem religiösen Formalismus verschlossen. Es hat sich inimer mehr auf sich selbst zurückgezogen. Da bin ich allein, mutterseelenallein mit meinem Gotte. Ich neige mich vor ihm in tiefster Unterwürfigkeit und unbegrenzter Liebe, und mein bester Gottesdienst ist die gewissenhafte Ausübung meines Berufes und die unablässige Sorge für Weib und Kind." „Ich muß gestehen, lieber Mann, daß ich Deinen religiösen Meinungen und Anschauungen nicht zu folgen vermag, daß mich die Worte der Frau Nahida Remy auch tiefer ergriffen haben als die Deinigen." „Das brauchst Du auch nicht, das sollst Du auch nicht; ich will überhaupt für meine Meinungen und Ueberzeugungen keinen Menschen gewinnen; nur in Bezug auf die Worte jener Schriftstellerin möchte ich für meinen Theil noch etwas bemerken. Sie scheint mir ganz besonderes Gewicht auf de» gemüthlichen Theil des religiösen Lebens zu legen. Das Leben ist ernst, der Glaube aber noch viel ernster. Wo die Gemüthlichkeit anfängt, da hat die Religion meist aufgehört. Ich suche überall Gemüthlichkeit, nur nicht in meiner Glaubensbethätigung; das läßt — wenigstens bei mir — der übermächtige Ernst der religiösen Empfindung nicht zu." „Ich will mit Dir hierüber nicht weiter streiten. Wir Frauen denken und empfinden in religiösen Dingen ganz anders. Das wirst , Du mir jedoch zugeben müffen, daß die edle Frau in Bezug auf den Ausdruck ihres schmerzlichen Erstaunens über unsere völlige Unkenntniß in der Geschichte unseres Volkes Recht hat." „Recht hat? Nun ja. Ich selbst habe das oft schmerzlich empfunden. Allein so überaus erstaunlich ist die Sache doch nicht. Unsere frommen Eltern wußten nichts von jüdischer Geschichte. Alle die Gelehrten des Talmuds, die späteren und früheren, Schüler und Meister, wußten nichts von jüdischer Geschichte. Mit den Propheten war das freilich ein ganz anderes Ding. Es ist wahrhaft erstaunlich, welch' ein lebendiges und belebendes, klares und durchdringendes Geschichtsbewußtsein diese Männer beseelte. Ich möchte nur wünschen, daß unsere modernen Geschichtsschreiber und Geschichtskundigen von solchem verständnißvollen Geschichtsgeiste durchdrungen wären, wie diese alten Propheten. Ebenso pulsirt noch in ihrem Herzen das feinste und empfänglichste Naturgefühl. Das wird mit der talmudischen Periode, die bis in die allerneueste Zeit andauert und heute noch nicht ganz überwunden ist, aber anders. Aus jedem Wort des Talmuds vermeint man den Spruch eines seiner Meister herauszuhören: „Wer da seines Weges gehet und lernet (Talmud) und sein Lernen unterbricht und jaget: wie schön ist dieser Baum, wie schön ist dieser Acker, der hat sein Leben verwirkt." — Mag man dem Talmud alle nur denkbaren Vorzüge nachrühmen — für Natur und Geschichte, auch für die Geschichte des eignen Volkes ist sein Sinn meist abgestorben. Er kennt blos die Vortrefflichkeit und Gottseligkeit des Talmudstudiums und Verherrlichung und Verklärung seiner talmudischen Helden. Macht er doch selbst den König David, ja selbst den lieben Gott, und das in vollstem Ernst, zu trocknen und mürrischen Rabbinen, die da ewig sitzen und grübeln über talmudische Subtilitäten. Das, was Frau Remy unter „Geschichte unseres Volkes" versteht, das ist erst ein Erzeugniß allerneuesten Datums, ein Erzeugniß, das jetzt erst anfängt, seinen Einfluß geltend zu machen, und von dem wohl zu erhoffen ist, daß dieser sein Einfluß zu einer völligen Regeneration des Judenthums führen werde." „Das mag ja Alles wahr sein, was Dn da sagst, lieber Mann, an uns Beiden ist wohl überhaupt nichts mehr zu verderben und zu bessern; allein um dieses geliebte Kind ist mir bange. Wir haben doch noch das Erbe unserer Eltern, von dem wir. zehren; allein dieses Kind. ..." „Sei zufrieden, liebes Weib. Wir wollen unfern Jungen schon erziehen im Bekenntnisse des Judenthums, im Bekenntnisse des einigeinzigen Gottes, in der Liebe zu Gott und zu allen seinen Mitmenschen. und Frau Nahida Remy soll ihn nicht bemitleiden, auch wenn er nicht 'lai Hl OT singen lernt." Dr. R. Sprechfaal. Geehrter Herr Redakteur! bitte, folgende Richtigstellung in der nächsten Nummer zu bringen: „Mein Vortrag in Schwersenz (s. Bezirksversammlung des Reichsvereins) hat die Raschifibel nur nebenher als pium desiderium, als Anregung für eine vielleicht fernliegende Zeit behandelt. Hauptsächlich enthielt er Bemerkungen über die beste Art, Raschi in der Religionsschule zu benutzen bezw. einzuführen. Dabei ist Raschi's Stellung zum Derasch und Peschat, wie seine Nutzbarkeit zur Erkenntniß des Thorazusammenhangs, endlich seine Wichtigkeit für die Einführung ins rabbinische Schriftthum mit behandelt worden. Dies zur nothwendigen Ergänzung. Rogasen, im November. Dr. L. A. Rosenthal, Rabbiner. * Hochgeehrter Herr Redakteur! Änläßlich der Erklärung des Schriftverses: — rflöKrr'nfiK ■‘tTÄKn'ffi seitens des Herrn Kollegen Dr. Kohn - Jnowrazlaw in Nr. 44 d. gesch. Bl. möchte ich hier hervorheben, daß mein verewigter Lehrer, Prof. Dr. Kaempf in Prag, in seiner Vorlesung über Bibelexegese bei Auslegung des gedachten Schriftverses auf das arabische „Emir“ hingewiesen, welcher Titel bekanntlich einen Herrscher oder Statthalter bezeichnet. Hochachtungsvoll Pyritz, 4. November. Dr. Ludwig Pick. * Sehr geehrter Herr Doktor! <E^u der Korrespondenz aus Petersburg in Nr. 41 bez der Schwierigkeiten die zur Zeit der Vorname Peter in Rußland findet, wäre auf schlesische jüdische Grabsteine vom 14. Jahrhundert zu verweisen, auf denen sich Peter als Vor- und Zuname findet. So hieß 1722 in Glogau ein Beamter der jüdischen Gemeinde Joachim Peter, und in Herrnstadt lebte anno 1737 Peter Elias (Breslauer Staatsarchiv A. A. II. 21b.) Erst dem 18. Jahrhundert war es Vorbehalten, diesen Namen, weil er „sich wie Renatus, Anastas, Baptist, auf eigenthümliche Dogmen der christlichen Kirche bezieht", den Juden zu verbieten. (Kabinetsordre vom 9. März 1841 bei Rönel und Simon, S. 57). — In seiner Aufzählung alter jüdischer Grabsteine aus Schlesien verzeichnet Dr. M. Brann einen R. Schalom, Sohn des R Peter anno 1311. Daselbst findet sich auch anno 1328 der Name Druschnah. Frau des R. Mattatias. Zunz, Ges. Sch. II, 67, läßt den Namen unerklärt. Pankow. M. Friedeberg. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwih in Berlin.

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