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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-23 · Heft 47 (23.11.1894) · p. Seite 563

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 47 (23.11.1894)
Date
1894-11-23
Page
Seite 563 (sequence 11)
Language
German
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663 - Ich setze mich nieder zu meiuer Tasse Kaffee, zünde mir eine Cigarre an und lese in Ruhe und' Gemächlichkeit den nicht allzu laugen Aussatz, und nun begreife ich Alles. Wir Beide, meine Frau und ich, stammen aus alt- und strenggläubigen Häusern. Mein Vater war sogar ein talmudisch gelehrter Mann und hat mich sehr früh schon an der jüdischen Lehre und an dem jüdischen Leben Theil nehmen lassen. Schon mit meinem achten Lebensjahre waren mir die jüdischen Gebete völlig geläufig, auch den größte» Theil des Pentateuchs verstand ich Wort um Wort zu übersetze». Später habe ich sogar noch etwas Talmud und anderes jüdisches Schriftthum übersetzen lernen. Als ich jedoch bis zu den höheren Gymnasialklassen gelangt war, da mußte dieses Studium aufhören, und heute weiß ich davon nur noch sehr wenig, und von dem in meiner Jugend so eifrig gepflegten jüdischen Leben weiß ich fast gar nichts mehr, und meiner gleichfalls im strengsten Judenthum erzogenen Frau geht es ganz ebenso. Als ich den Aussatz der Frau Rahida Remy gelesen halte, da saß ich ivvhl auch eine Zeit lang in Jugenderiunerungen versunken still und beschaulich da, während der kleine Knabe, den ich auf den Schooß genommen hatte, fortwährend nach der brennenden Cigarre in meinein Munde griff, zur Abwechslung auch mir den gutgepflegien Schnurrbart zerzauste. Endlich begann meine Frau zu sprechen: „Wie wäre es, lieber Mann, wenn wir uns entschließen wollten, wenigstens die Freitagabmdfeier wieder bei uns eiuzuführen?" „Du hast Recht, das wollen wir thun; und, wenn es Dir paßt, gleich heute Abend damit beginnen." „Heute Abend? Heute ist ja erst Donnerstag." „Richtig, mein Kind, heute ist erst Donnerstag; allein was hindert uns denn daran, auch den Donnerstag Abend zum Freitag Abend zu machen und in schönstem gemiithlicheu Beisammensein zu vollbringen? Was hindert uns, einen jeden Abend wie den Freitag Abend zu feiern? Wenn ich es so recht betrachte, komme ich zu dem Schluffe, daß ein jeder unserer Abende, den Freitag Abend im Hause unserer Eltern an Glanz, festlicher und gemüthlicher Ausstattung bei Weitem übertrifft." „Mag sein, mag Alles sein; allein mich schmerzt cs doch bisweilen, daß wir den Sabbath so wenig in Ehren halten, und ich wüßte doch auch meinerseits die Frage jener Frau: „Was haben Sie denn nun statt des Sabbaths", ganz ebenso mit dom trostlosen „Nichts" beantworten." „Nichts — also — nichts. Weißt Du denn auch, Frauchen, daß Du mit dieser Antwort Dich schwer versündigt haben würdest? Die richtige Antwort wäre gewesen, anstatt des Sabbaths haben wir genug, eigentlich noch etwas mehr als genug. Im Grunde genommen habt ihr, besonders die Frauen der bessern Stände, jeden Tag Sabbath. Ich wüßte absolut nicht auzugebeu, wie sich Dein Sabbath von Deinen Wochentagen unterscheiden könnte, und was mich und meine Thätigkeit betrifft, so weiß ich das ebenso wenig. Freilich fehlt uns der sabbathliche Gottesdienst. Allein ich bin nicht der Meinung, daß dieser uuqualifizirbare Gottesdienst unserer Kleinstadt uns die Sabbathfeier bringen öder erhöhen könnte. Und wären wir in Berlin, wo es so viele große und schöne Gotteshäuser mit geordnetem Gottesdienst giebt, würde es gewiß ganz ebenso sein." „Du hältst also den Sabbath für eine ganz iiberflüssige Veranstaltung?" „Ich? Wo hätte ich das gesagt? Wer die Woche über keinen Tag und keine Stunde Erholung hat, ' der hat den Sabbath nothwendig, und wer ihn nothwendig hat, der soll uild kann ihn auch ganz in hergebrachter Weise feiern. Da kommen mir so einige Erinnerungen aus meiner Kindheit, die meine Worte illustriren können. Mein süddeutscher Geburtsort ist noch kleiner als hier unser norddeutscher Heimathsort, woselbst ich mich als Arzt niedergelassen und Dich, die Tochter der Großstadt, in mein Haus geführt habe. Als kleiner Junge hielt ich mich viel im Hause des Nachbars auf, der bereits ein bejahrter Mann, Tag für Tag auf das Land hinaus seinen Geschäften nachging. Wenn er Abends nach Hause kam, da waren unsere Augen auf seine Tasche gerichtet, denn er hatte uns, mir und seinen zwei Enkeln, meinen Spielgeuossen, immer etwas mitgebracht. Jedenfalls aber befand sich in seiner Rocktasche noch ein Rest des Brodes, welches er des Morgens von Hause mitgenommen hatte, denn er hielt es selbst für sündlich, vom Brode des Nichtisraeliten zu essen. Dieses Vrod war das sogenannte „Hasenbrod", denn, so sagte er, und wir glaubten.es, er habe dasselbe unterwegs einem Hasen abgejagt; uns aber mundete dieses harte, vertrocknete Brod wie der schönste Marzipan. Am Freitag Nachmittag kamen auch die beiden erwachsenen Söhne, welche oft die ganze Woche aus dem Lande zugebracht hatten, nach Haus; dann brachte die Frau des ältesten Sohnes warmes Wasser lind Seife für Alle, und der Schmutz der ganzen Woche wurde abgewaschen, ei» frischgewaschenes Hemd und die Sabbathkleider angezogen, und dann ging's, wenn die Zeit gekommen war, zum Gotteshause, um „den Sabbath zu empfangen". Die häusliche Feier verlief in allbekannter Weise und war mit dem Tischgebet zu Ende. Gesuugen wurde nicht viel. Mein Vater, der gleichzeitig Kultusbeamter war, hatte zu viel zu thun mit seiner „Sidra" (Wochenabschnitt), den er mit „Trop" (Accentuation) beim Gottesdienst vorzulesen hatte; und drüben im Nachbarhause, da war kaum gegessen und in aller Eile das Tischgebet gesprochen, da lagen die übermüdeten Menschen auch schon in irgend einer Ecke und schliefen, und schliefen so fort bis zum Schlafengehen, und dann schliefen sie weiter bis zum Morgengottesdienst des Sabbaths, und nach der Mahlzeit, die oft schon uni 10, höchstens 11 Uhr Vormittags eingenommen wurde, schliefen sie allesammt wieder ein paar Stunden. So wurde denn fast der ganze Sabbathtag durch Gottesdienst, Schlafen, Essen und Trinken ausgefnllt. Ja, diese Leute hatten noch einen Sabbath und hatten ihn auch nothwendig. Eine noch weit größere Bedeutung hatte der Sabbath für unsere Vorfahren, die mit Eintritt des Sabbaths in ihr Ghetto eingesperrt wurden, dessen Thore sich ihnen erst wieder am Montag früh aufthaten." „Du scheinst dem Sabbath, besonders für unsere Person, fast gar keine Bedeutung beiznlcgen." „Warum denn nicht, mein Kind, dem Sabbath sowohl wie einer jeden andern religiösen Veranstaltung, gerade so viel Bedeutung, als wir denselben beizulegen uns gedrungen fühlen." „Ich habe doch bei Dir nie einen ernsten Drang zur Feier des Sabbaths oder zur sonstigen Ausübung einer religiösen Handlung verspürt. Ueberhaupt scheinst Du vom frommen Sinne des Vaters wenig geerbt zu haben." „Dieses Wort könnte ich Dir übel nehmen, wenn — es der Wahrheit entsprechen würde. Der religiöse Sinn des Vaters, und noch weit mehr der der Mutter ist auch auf mich übergegangen. Je mehr ich mir aber alle die andern als fromm, sehr fromm geltenden Menschen betrachte, um so mehr hat sich die Ueberzeugung in mir gefestigt, der wahrhaft religiöse Mensch ist um so frommer, je weniger sich diese Frömmigkeit durch religiöse Handlungen nach außen hin zu bethätigen trachtet." „Das begreife ich nicht, das mußt Du mir noch näher erklären." „Das glaube ich wohl; Du wirst auch nicht begreifen, wenn ich Dir sage, daß die Frömmigkeit dieser Frommen oft nichts weiter ist als der krasseste Materialismus und die ausgesprochenste Selbstsucht. Was

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