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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-23 · Heft 47 (23.11.1894) · p. Seite 562

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 47 (23.11.1894)
Date
1894-11-23
Page
Seite 562 (sequence 10)
Language
German
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562 und mit Gesang und Beten den heiligen Tag beging. Es war doch feierlich im Hause gewesen, wenn überall Reinlichkeit und Ordnung herrschten, Alle rein gewaschen und mit den besten Gewändern bekleidet im Familienkreise saßen, die inglichen Sorgen und Schmerzen vergessend, friedlich und liebevoll zusammen beteten und tafelten. Es war doch zuweilen so wohlig, so angenehm gewesen; diese Sabbathlieder haben doch schöne, poetische, hinreißende Stellen. Und jetzt in der Fremde allein, — elend und umhergestoßen. Unwillkürlich seufzte er laut, aber dies brachte ihn zur Besinnung. Tölpel, der ich bin, sagte er sich. Ist cs mir wirklich um jene Zeiten bange? Ich will doch nicht heimkehren zu den Meinen! Was denn also? Eh — früher habe ich ein Leben wie die Schnecke in ihrem Hänschen geführt. Auch solch' ei» Geschöpf besitzt seine Freuden, feine lockenden Momente. Jetzt, Ivo ich mich so wunderbar geändert habe und aus meiner engen Umgebung auf die hohe See gelangt bin, soll ich da noch bedauern! Wohl brausen hier die Weilen, die Stürme sind heftig und die ruhigen Ufer weit entfernt. Sind aber die sich thlirmenden Wogen besiegt, habe ich nur ein rettendes Brett erfaßt, kan» ich in die weite, Helle, von Leben, Farben und Schätzen strahlende Welt gelangen. . . . Das muß ich erreichen! sagte sich Jizchak wieder; zum tausendsten Mal vielleicht seit den letzten Monaten. Er erinnerte sich der Worte des Sekretärs. Jetzt empfand er aber keine Furcht mehr. Ich werde mich nicht ergebe», so rasch wenigstens nicht. Er berechnete, daß er, um in Lemberg zu leben, zehn bis elf Gulden monatlich zu haben brauchte. Ich müßte ein Schwachkopf und die Welt niederträchtig sei», wenn ich so Viel nicht erwerben könnte. Er glaubte an sich, an die Welt, und doch war es ihm traurig z» Muthe. Warum'?, Ein wenig beneidete er doch diejenigen, welche jetzt um de» Tisch herumsitzen, Sabbathfische essen und „Majufes" singen. Aber nach einem Augenblick ivar er wieder über sich selbst böse. Habe ich mich doch gewaltsam von jener Welt losgerissen. Ja, giebt es denn nicht auch außerhalb dieses Kreises Wonne und Seligkeit? Wie glücklich muß zum Beispiel dieser Moritz sein, welcher Verstand, Bücher besitzt und . . . immer mit Fräulein Lola zusammen lebt. Er ist mit ihr vertraut, nun, wie Bruder und Schwester, sie liebt ihn . . . wie eine Schwester den Bruder; ach, wie süß muß Beider Leben sein! In diesem Momente verzehrte ihn ei» wahrer Neid. Aber warum zeigt sie sich denn vor mir nicht? Meidet sie mich? Ich weiß, daß ich eine Null, ein Nichts bin; aber darf ich denn sie auch nicht auschauen? Wie hätte er jetzt dort sein mögen! Wie hätte er gern ein Jahr seines Lebens hingegeben, wenn hier Sapiecko wäre, und sie ihm wieder das Händchen zum Willkommen reichen wollte! Er lachte leise. Wie dumm bin ich. Sein Gesicht war traurig, seine Lippen aufeinandergepreßt, als er in seine Wohnung zurückkehrte. Dort hatte Alles das gewöhnliche Aussehen. In der durch die Afterparteien bewohnten Hälfte des Zimmers war es traurig, das Ehepaar saß am Bett, das ge wohnte Nachtmahl verzehrend; der Stiefelputzer bereitete seine kunstvollen Mischungen, nur der Bäcker fehlte. Jizchak beabsichtigte, sich gleich zur Ruhe zu begeben, denn das Nachtmahl hatte er aus seiner Tafelorduuug gestrichen, aber hinter der spanischen Wand kam Frau Ruchel Leie, die dicke Wirthi», hervor. Eine breite Lichtwelle überflnthete die ganze Stube, aber nur für eine Weile, denn sie schloß die Thür hinter sich und trat auf Jizchak zu. „Was ist Euch, junger Mann, daß Ihr so eigenthümlich ansseht?" Die drei Mitbewohner blickten erstaunt drein; man erinnerte sich nicht, daß irgend Jemand solcher Huld theilhaftig geworden iväre. „Mir fehlt nichts," cntgegnete Jizchak. Die dicke Ruchel Leie ergriff ihn an der Hand. „Kommt zu uns." Sie zog ihn fort, die übrigen Parteien mit weit aufgesperrten Augen zurücktnffend. Der zweite, einem Alkoven gleichende Theil der Stube hatte ei» festtägliches Aussehen. Auf dem mit einem weißen Tischtuche bedeckten Tische brannten die Sabbathkerzen. Nathan saß an den Bettrücken gelehnt, auch die Tochter des Paares war anwesend, deren üppiges schwarzes Haar sich wirksam von dem blaffen Gesichte und dem verschossene» Kleide abhob. „Kommt, setzt Euch mit uns zum Sabbathmahle." Jizchak widerstrebte. „Aber ... wie wäre das. ..." „Wenn ... Ihr nicht es.. sen wer.. det, so will ich auch nicht ..." fließ der Gelähmte ganz unverhofft hervor. Gezwungen setzte sich Jizchak endlich zu Tische; langsam löste sich ihm die Zunge, und er ließ sich mit der Wirthin in eine geschäftliche Plauderei ein. Er gestand namentlich, daß er sich auf der Suche »ach Arbeit befand. Die Hausfrau war sehr freundlich und anfmerksam gegen ihn. Sie erzählte ihm von vakanten Stellen bei Handwerkern und Kaufleute»; sie sprach viel, unaufhörlich, für den Mann und die Tochter, welche schwiegen, und Jizchak suchte aus der Fluth ihrer Worte die »öthigen Winke und Andentnngcn heranszufinden. (Forts, folgt) Eine häusliche Scene. Bon einem jüdischen Arzte. ton Krankenbesuchen, die ich in entfernteren Stadttheilen zu machen hatte, komme ich zurück, um auch noch einige Patienten, die in meiner Wohnung auf mich warten, abzufertigen. Das ist bald geschehen — und nun aber eilig zu Frau und Kind, die im Wohnzimmer auf mich warten. Ich bin noch nicht allzu lange verheirathet, daher die Eile. Wenn ich dann die Thür öffne und der anderthalbjährige Knabe auf dem Schooße der Mutter mit seinen glänzenden Aeuglein den Vater anblickt und ihm die Aermchen entgegenstreckt, daun ergreift es mich jedes Mal in einer Weise, als sollte das Herz in Wonne vergehen. Meine Frau sitzt da so ruhig und nachdenklich, legt mir heute nicht wie gewöhnlich den Jungen in die Arme, und als ich ihr ins Angesicht blicke, da sehe ich zu meiner Verwunderung, ja Bestürzung, ihr Auge schwimmt in Thränen. „Aber was ist Dir denn, mein Schatz? Was ist denn vorgefallen, daß Du so ... so ergriffen bist?" Statt der Antwort nimmt sie vom Tische ein mit grünem Umschläge versehenes Zeitungsheft, das am Kopfe die Aufschrift „Allgemeine Zeitung des Judenthums" trägt, schlägt einige Blätter um und deutet auf einen Artikel, betitelt „Eine Spazierfahrt". Von Nahida Remy."

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