Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- Seite 561 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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'T-' - 561 zumeist die Frage über das Fahren am Sabbath behandelt wurde) von keinem Gewichte seien, höchst triviale Motive haben und kleinlichen und lächerlichen Zwecken dienen? Was? um dem Gottesdienste beizuwohnen, um einen verscheidenden Lieben und Theuren noch zu sehe», um dem Sieche», Hungernden, Stöhne»den Hilfe, Labsal »nid Trost zu bringen, soll man so viel Wesens und Aufhebens machen, und sich über die talmudische Grenzpfahlbestimmung (VINN) oder über die talmudische Befürchtung wegen Abschneidens eines Zweiges behufs einer Peitsche so mir nichts dir.nichts hinwegsetzen resp. klar werden und Licht und Wahrheit verbreiten? Auch darin irrt Herr Dr. C., wenn er (wie es den Anschein hat) glaubt, daß die Synode beabsichtigt habe oder beabsichtige, alles strikt „Orientalische" als solches abzuschaffen. Warum sollen auch vernünftige und gebildete Männer so etwas beabsichtigen? Ist nicht vieles „Orientalische" sehr sinnig und zweckmäßig, schön und erhaben? Sind nicht die größten Lehren und beseligendsten Wahrheiten auf morgenländischem Boden erwachsen? Ist nicht das ganze Judenthum und auch das Christenthum die herrliche Blüthe und die lebende Frucht des der ausgehenden Sonne zugcneigten Erdballs? Doch manches „Orientalische" (wie auch vieles Occidentale es ist) ist störend, verdorrt und „durchaus unzeitgemäß". Beispiele würden auch hier zu weit führen. Wir verweisen deshalb für diese und andere Gegenstände auf die Synodal-Berhandlungen selbst. (Schluß folgt.) e_ miiiffnmirau M ... 1 FEUILLETON 1 1 mmm — ---Sjj.--| -1 •mmmnmuüfll i- Wer Iudenjunge. Eine Erzählung aus Ostgalizim von Wilhelm Feldmann. (Fortsetzung.) VII. ^eber die Art und Weise, wie jene Mauer, die sich ihm plötzlich in den Weg stellte, zu durchbrechen sei, nachsiunend, war Jizchak in seiner Wohnung angekommen. Hier überraschte ihn gleich beim Eintritt ein peinlicher Anblick. Am Fußboden, in der Nähe des Bettes, lag der Herr des Hauses, Nathan, mit der Hand und dem Fuße herumwerfend und vergeblich bemüht, sich zu bewegen. Halb gelähmt, war er nicht im Stande, dies zu thun. Als er den Eintretenden bemerkt hatte, fing er zu lallen an. „He—e—lft mir." - Die kraftlose Zunge versagte dem Elenden den Dienst, so daß er jede Silbe stotternd hervorstoßen nilißte. Jizchak war rasch auf ihn zugestürzt, beugte sich nieder, und richtete den Kranken auf. Der Krüppel lehnte sich mit der ganzen Schwere seines halbtodten Leibes auf den Jüngling. Jizchak stöhnte unter der Last und legte den Kranken aufs Bett. Dieser richtete seine großen, glasigen, sürchterl-ichen Augen auf ihn und begann: großen sittlich-religiösen Nachtheil des Nichtfahrenden (der nichtjüdische Kutscher und das Pferd, wenn solche zur Dienstleistung benutzt, ruhen ja am Sonntag oder sollen am Sonntag ruhen) oder zum seelischen Schaden Anderer (der Nothleidenden, Siechen, Sterbenden). „Gott — wird — Euch — loh—neu - lohnen, junger Mann. ..." Wie der Ton einer durch trockene Klötze sich durchschneidenden Säge, so klangen seine Worte. „Was habt Ihr dort gethan?" fragte Graf. „Ich — woll — te — mei — ne Suppe — holen." Gewöhnlich wurde ihm das Essen dicht an dem Bett hingestellt, heute hatte die Frau offenbar dies vergessen. „Ich habe mich erhoben," stotterte der Kranke, „um den Topf zu nehmen, und bin gefallen, oh weh. ..." Jetzt flössen dicke Thräneu über das große, gelblich blaue Gesicht, dem das ergrauende, verworrene Haar einen wilden Ausdruck verlieh. Jizchak konnte diesen Anblick nicht ertragen. Er goß rasch die Erdäpfelsnppe ins Tellerchen und reichte sie dem Alten, in desien Augen es wie Dankbarkeit aufblitzte. „Dan—ke — Euch," flüsterte er, aber gleich darauf fiel er ächzend aufs Lager zurück. Jizchak, welcher in seinem Winkel ebenfalls zu offen begonnen hatte, näherte sich wieder. „Was ist Euch?" fragte er besorgt. „Diese — Hand — schmerzt, — ich — kann — nicht — essen." Und der alte, beinahe sechzigjährige Nathan sah mit einem erloschenen, leichenähnlichen Blicke vor sich, Thränen auf den Wangen gleich einem Säugling. „Sie Armer," sprach Jizchak leise. Er setzte sich neben das Bett und goß dem Krüppel die Nahrung löffelweise in den Mund. Beim ersten Schluck zitterten die Lippen des Alten krampfhaft. „Wo — werdet — Ihr," stieß er hervor, „Euch — selbst — bemühen." „Das macht nichts, esset nur," ermunterte ihn der Jüngling, fütterte ihn, wischte ihm den Mund ab und deckte ihn zu. Der Wirth ließ ihn gewähren, zuletzt ergriff er aber Jizchaks Hand und wollte seine Lippen darauf drücken. „Gott behüte," rief Jizchak, welcher glühend roth getvorden war. Er maßte sich kein Verdienst a». Was hatte er auch gethan? Daß er sich eines Unglücklichen erbarmt, ihm geholfen hatte? „Niemand ist so gut zu mir," klagte der Alte. Der Jüngling murmelte etwas, dann begann er, ihn nach den Ursachen seiner Krankheit und den Aussprüchen der Aerzte zu befragen, aber bald bemerkte er, daß der Gelähmte schlief. Er verzehrte daher sein Abendbrod und begann halblaut ein Gedichtchen aus dem Lesebuche zu lernen. Des Abends ging er in den Seitengäßchen spaziere», traurig und' in Gedanken versunken. Der Freitag neigte sich zu Ende, das Judenviertel ward öde, wie ansgestorben. Die schreienden, ambulanten Verkäuferinnen waren verschwunden, die Dame» der Halle verstummt, von den Bergen Gebäckes und verschiedener Gemüse war nichts als Kehricht und eine drückende, scharfe Lust geblieben. Hier und da ging ein Jude, in einer Sabbathmütze oder einem zerdrückten Cylinder, zum Gebete eilend, vorüber, andere Passanten waren selten zu sehen, so daß dieser sonst von einem lärmenden Gewimmel erfüllte Platz jetzt ganz leblos dalag; aus den Häusern strahlte blos Kerzenschein, und die Gasflammen flackerten trübe. Jizchak ging langsam, und in seiner Erinnerung lebten die Bilder einer noch nahe» Vergangenheit auf: wie der Samstag herrlich in sein Geburtsstädtchen einzog; wie ec von diesen armen, nach einer bessern Nahrung und Ruhe lechzenden Hungerleidern herbeigesehnt wurde; mit welchen Ehren ihn die fromnien, gläubigen Ehassidim begrüßten; wie er selbst noch vor nicht gar vielen Monaten sich freute, badete, sich festlich schmückte