Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- Seite 559 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- 559 - ist nitb nicht die leiseste Bezugnahme auf Vorgänge der Gegenwart zeigt. Mit altem zum System ausgebildeten Religious- und Rassenhaß hat der Antisemitismus jeder Gattung bei seine» Aufstachelungen der Unwissenden die Neigung zu Absurditäten und frappirenden Dummdreistigkeiten gemein. Schwierigkeiten logischer, überhaupt geistiger Art sind für ihn nicht vorhanden. Wie er selbst aus den alttestamentlichen Urkunden seine Hetzwofsen geholt, so hat ihm bekanntlich in noch viel stärkerem Maße die nachbiblische oder altrabbinische Litteratur des Judenthnms zur Verdächtigung der Juden sich hergeben müffen. Personen, denen ihre Fernhaltung von jedem ernsthaften Studium nur zu deutlich aus die Stirn geschrieben ist, ergehen sich vor erhitzten Masten in langen Aussührnngen über den Talmud und seine Kommentatoren, »nie über ihnen ganz vertrante Erscheinungen ihres täglichen Verkehrs. Sogar hebräische Citate, Ausdrücke, Büchertilel rc. »verden aus tiefem Schlummer gerüttelt, mühsam nachgesproche» und als Stichworte in die Bewegung geworfen, während bei all' diesem grenzenlosen Huinbug möglichst verschwiegen wird, daß man von Denkmalen längst entschwundener Bildungsepochen spricht, die nur aus den Verhältnissen ihrer Zeit verstanden werden können und schon durch Idiom, riesenhaften llnifang und ungeheure Mannigfaltigkeit des Inhalts selbst die Fachkundigen zu äußerster Behutsainkeit des Urtheils mahnen. Gleichwohl kann da für den unbefangenen Wahrheitsfremid von einem eigentlichen Gcheimuiß nicht mehr die Rede sein. Denn gerade in nnserm Jahrhundert ist über diese massenhasten Schriftreste viel aufhellendes Licht durch das unermüdliche Eindringen freier krilischcr Forschung verbreitet ivorden, die allein im Stande ist, ihre Sprache zu entziffern, ihren Sinn zu teilten, ihre Räthsel zu lösen und ihnen die gebührende Stufe anzmveisen in der Cnlwickclungsgcschichte des menschliche» Geistes. Das wenigstens sollte doch Jeder wissen, der über diese Dinge reden und schreiben oder sonst darum sich kümmern »vill. Statt dessen erleben »vir jetzt ein gar seltsames, in dieser Weise noch nicht dageivesenes Possenspiel. Nicht blos die professionirten, vor feinem wirksamen Blödsinn znrückschreckenden Hanswurste der Aufreizungsintrigue betreiben mit geschäftseifriger Rastlosigkeit die Nutzbarmachung so entlegenen, der strengen Nlterthums-, Geschichts- und Sprachkunde angehörenden Stoffes für Zwecke eines heutigen politisch-sozialen Uebelwollens. Fast aller Orten sieht man vielinehr auch ganze Schaaren den gebildeten Ständen zugerechneter Leute an dieser anstandswidrigen Komödie sich betheiligen oder ihr doch frohlockend znstimmen ohne jede Regung des Schamgefühls. Und noch auffälliger ist die unleugbare Thatsache, daß es bisher Berufsgelehrte in meist angesehener Stellung »varen, von denen ein solcher Mißbrauch der Wissenschaft angestiftet und so angelegentlich ermuthigt »vnrde, »vie dies u. A. in einer der Streitschriften des verstorbenen Göttinger Professors de Lagarde geschehen, die wir iin Interesse unseres Gegenstandes aus der Gruppe ähnlicher Auslassungen hier hervorheben müffen. Unter dem Scheine einer gelehrten Untersuchung zeigt die Schrift de Lagardes („Erinnerung an Friedrich Rückert, Liepmann (!) Znnz und seine Verehrer") in Absicht, Ton und Ausdruck alle bekannten Merkinale eines antisemitischen Schmähpamphlets. Jnunerhin aber brachte sie einige Abwechslung in das öde Einerlei endlos wiederholter Beschuldigungen. Der Verfasser ließ einmal das biblische Alterthum und den Talmud zur Seite und wählte die aus dem Mittelalter stammende religiöse Poesie des Judenthums als Angriffsobjekt: es »varen die alten Hymnen, Lob-, Klage- und Bußgesänge der Synagoge, die er sammt Leopold Zunz, dem verdienstvollen Erforscher dieses Litteraturzweigs, der Verachtung und dem Hohngelächter eines Publikums preisgeben wollte, das selbst in seinen gebildetsten Theilen hier vollkoinmen unzuständig und zu einer Kontrole nicht befähigt ist. Wie aber der immer zu Eiden bereite Rohling dem Gericht kritischer Entlarvung nicht entging, so daß heute nur noch die allerschamlosesten Hetzbolde sich auf ihn zu berufen »vagen, so hat auch der wiffensstolze, an Bedeutung über einen Rohling weit hinausragende de Lagarde eine durchgreifende Zurückweisung von den» Gebiete sich gefallen laffen »nüssen, gegen das er mit der Miene eines unfehlbaren Beherrschers seinen Bannstrahl geschleudert hatte. Gewiß, es »var keine glückliche Wendung im absteigenden Leben des geistreichen, nach anderen Seiten hin mit Recht berühinten Orientalisten, als eine so gelvichtvolle Autorität, »vie Professor Dr. Kaufmann in Budapest, zu einer alsbald (bei O. Schulze in Leipzig) veröffentlichten „Erwiederung" sich verpflichtet fühlte, in der er „Paul de Lagardes jüdische Gelehrsamkeit" einer Prüfung unterzog. Diesen Titel mußte Kaufmann seiner Schrift geben, nachdein er zu seiner eignen Ueberraschung entdeckte und sich zu dem alsdann auch mit überzeugendster Gründlichkeit gefühlten Nachweis geztvungen sab, daß dem als „Meister" sprechenden Universitätslehrer hier alle elenientaren Grundlagen eines Urtheils fehlten, daß er den neuhebräischen Text der von ihin reichlich zitirten, mit dem giftigsten Spott und Schimpf überschütteten Gedichtstellen nicht zu lesen, nicht zu deuten und zu übersetzen verstanden und in einer Fülle unglaublicher Sprach- und Sachschnitzer die stümperhafteste Unkenntniß dieses ganzen Feldes verrathen hatte. In einer früher« Zeit »väre dieser Vorgang als ein Streit der Fachgelehrten auch in diesen engeren Kreisen verlaufen. Jetzt gehört er als drastischer Zug im Charakterbilde des Antisemitismus zu den beachtensivürdigen Zeitereignissen, zeigt er eines der traurigen Beispiele leichtfertiger Schädigung eigenen Rufes, zu welcher jener Taumel ungezügelter Haßgefühle selbst hervorragende Männer der Wissenschaft hinzureißen vermag. Auf eine haltlose Schuödigkeit, eine böswillige Frivolität mehr kommt es eben auch dem Bildungsaniisemitismus nicht an, »venu damit nur Wasser auf die Mühlen des Hetzwerks getrieben wird. Zur Würdigung der Synode. Von Rabbiner Dr. Wiener in Oppeln. fas Urlheil, »velches Herr Dr. Heinrich Meyer Cohn in Nr. 29 der „Allg. Ztg. des Judenthums" über die Leistungen und Verdienste der Synode ausgesprochen, erheischt eine Replik, und dies um so mehr, als Herrn Dr. Cohns »varmes Interesse für das Judenthum wohlbekannt ist. Ich hatte bis jetzt gehofft, daß Herr Professor Lazarus oder Herr Advokat Emil Lehmann, die in dein betreffenden Aufsatz direkt namhaft geinacht sind, in diesen Blätter» jener Auffassung und Ausführung entgegen treten würden. Da dies aber aus mir unbekannten Gründen seither nicht geschehen, und Schweigen auf allen Seiten ain Ende leicht als Zustimmung oder als Zeichen des Geschlagenseins seitens der Angegriffenen in den Augen der nicht ganz eingelveihten Leserwelt gelten könnte, so halte ich es für ineine Pflicht, zur Ehre und zur Rechtfertigung der Synode hier mit thunlichster Kürze das Wort zu ergreifen. Ich zähle ja nicht allein zu den wenigen Ueberlebenden, die inmitten der Synodal-Betvegnng und Thtttigkeit standen, sondern habe auch im Besonder» über einen speziell erivähnten Gegenstand das Referat geschrieben und vorgetragen.