Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- Seite 558 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228088--51280-3274136- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
558 von allem Jüdischen nur noch in den Tonarten der Ablehnung und Geringschätzung, des Zorns und der Verwerfung zu sprechen, seitdem ein in wilder Gehässigkeit daherfahrender Parteizelotismus ben Urtheilsspruch über diese Religionsgemeinschaft au sich zu reißen und weit und breit leidenschaftliche Stinnnnngen wider dieselbe aufzureizen wußte. Es gehört nicht zu den leichten und sicherlich nicht zu den erfreulichen Aufgaben, auch nur theilweise die immer höher anschwellende Fluth der Druckschriften und gedruckten Reden zu übersehen, in denen seit etwa fünfzehn Jahren absprechende Bemerkungen, sensationelle Beschwerden und ungeheuerliche Anklagen wider das Judenthum und seine Bekenner gerichtet oder mit unablässiger Beharrlichkeit wiederholt werden. Wer sich bisher jedoch im Interesse gründlicher Orientirung diese Muhe nicht verdrießen ließ, der wird längst überzeugt sein, daß der Verlauf des ganzen Vorgangs sehr unvollkommen erkannt ist, wenn man seine Veranlassungen nur bei der Menge jener litterarisch meift höchst untergeordneten Alarmprodukte sucht, die den Verhetzungszweck unverhohlen zur Schau tragen. So einfach liegt die Sache nicht, und um ihren vollen Umfang zu ermessen, muß fortan durchaus auch in Betracht gezogen werden, was zu ihrer Herbeiführllng- und Förderung auf viel exklusiveren Gebieten der Litteratur, in einer nicht unbeträchtlichen Reihe belletristischer und wissenschaftlicher Erzeugnisse geleistet wurde, denen auf den elften Blick eine solche Parteinahme gar nicht anzusehen ist. Noch widerspricht es den bisherigen Gewohnheiten des Publikums, in harmlos zur Hand genonnnenen Romanen und Novellen, in geschichtlichen, biographischen, litterargeschichtlichen, sprachwissenschaftlichen Werken und Aufsätzen, in „Gedanken über Goethe" k. Allslassungen oder förmliche Ausbrüche des Judenhasses zu vermnthen. Und doch muß jeder aufmerksame Beobachter der Zeitlitteratnr erfahreil haben, daß sie jetzt vielfach in derartigen Erscheinungen zu finben sind, wenn auch die Beflissenheit hier mit seltener als Hanpttendenz sich geltend macht. Biel häufiger blitzt sie nur überraschend aus den Winkeln, aus einzelnen Wendungen, zuweilen nur aus einer Stelle der sonst lesenswertsten Schriften hervor und übt gerade dadurch eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf alle gläubig dem Autor zugeweudeten Leser. Mit diesem mehr indirekten, mitunter nur der Mode huldigenden Bemühen ist aber noch keineswegs die ganze Summe freiwilliger Mithilfe, spornender Ermunterungen und Erweiterungen des Spielraums bezeichnet, welche der unter dem Namen Antisemitismus operirenden Aechtungs- und Verpönungsabsicht aus mancherlei Werkstätten geistiger Thätigkeit bereitet werden. Oder könnte es irgendlvo noch fraglich sein, daß von hier ans die Zeitungen, Flugblätter, Parlaments- und Versammlungsreden der Wissens- und geistesarmen Agitatoren mit dem tendenzmüßig hergerichteteu Material versehen werden, daß nur hier, auch die Befähigungen vorhanden sind, Sympathien für die feindselige Bewegung in Gesellschaftsschichten zu wecken, die zwar lärmenden Hetzunternehmnngen sich gern möglichst fern halten, aber durch ihre Ansichten und ihr Verhalten einen sehr wesentlichen Einfluß auf das Fortglühen und Umsichgreifen des Brandes üben? Für die Kennzeichnung des antisemitischen Getriebes, besonders für den Einblick in die von ihm erzeugten psychischen Zustände und in die mannigfach noch unaufgeklärte Geschichte seiner Ausbreitung ist es von außerordentlicher Wichtigkeit, die verschiedene Art und Herkunft, wie das Jneinandergreifen und Zusammentreffen der in ihm wirksamen Faktoren fest im Auge zu behalten und namentlich den von der Bildungswelt ausströmenden Antisemitismus schärfer zu beachten, als dies bisher geschehen ist. Durch ihn werden die geschichtlich bewährten Wege und Kanäle des allgemeinen Bildungsprozesses mit neuen und schweren Hemmnissen bedroht. Denn, soweit die gebildeten Klassen antisemitisch sind oder geworden sind, soweit sie also ihre Denk- und Urtheilskraft unter die Herrschaft einer eifernden Haßempfindung stellen, — es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß die Jnfizirung sich nur auf größere Theile beschränkt — haben sie ihrer Bestimmung entsagt, Hüterinnen des Wahrheitssinns und Wahrheitsstrebens int Bereiche der idealen Interessen zu sein und dieses edelste Gut nationaler Gesittung gegen Abstumpfung und Untergrabung zu schlitzen. Ist hier nur erst in einer Hinsicht der willkürlichen Unwahrhaftigkeit freier Lauf gelassen, so ist die Macht der sittlichen Schranke schon ins Wanken gebracht, und es wird das Weiterfressen des Schadens bald auch nach allen andern Richtungen hin zu bemerken sein. Als Franz Delitzsch in Sachen des Ritualmordes seine vernichtenden Schwertstreiche wider die Gelehrsamkeitsgaukler Rohling und Justus führte, entrang sich ihm bereits 1883, mitten in diesem arbeitsheißen Kampfe, der Schmerzensruf: „Jüdischerseits wird man es mir danken, daß ich die Lüge entlarvt habe. Aber auch christlicherseits? — Was könnte ich hier über die Wirkung des Antisemitismus sagen und klagen, welcher die sittlichen Grundlagen auch in vielen christgläubigen Herzen verkehrt und verschüttet hat. Wenn ich die Lüge hätte passiren lassen, würde ich mir manches Naserümpfen erspart haben!" (s. „Schachmatt den Blutlügern 2c.", S. 21). Ich welche Abgründe schlimmer Gewissensverwilderung leuchtete schon damals dieses denkwürdige Geständniß des greisen Forschers, der dabei ersichtlich nicht an urtheilslose Versammlungsrotten, sondern nur an Persönlichkeiten, wie er sagt, an „viele", seiner Berufs- und Umgangssphüre gedacht hat. Man denke: mit aller Macht seines Wissens hatte er eine der bösartigsten Verfolgungslügen der Weltgeschichte erfolgreich uiedergetreten. Aber die Lüge war brauchbar wie keine andere für den Verleumdungszweck, und darum hat ein D litzsch für seine wissenschaftliche That statt des verdienten Dankes den Groll „Vieler" geerntet, die seiner klärenden Beweisführung sich hätten freuen sollen. Treffender als mit diesem „Passirenlasseu der Lüge", mit dieser Verschüttung der „sittlichen Grundlagen" kann der sogenannte Bildungsantisemitismns auch heute nicht charakterisirt werden, nur daß er sich niemals blos auf Christgläubige beschränkte und keineswegs immer mit einem passiven Naserümpfen begnügte. Vielmehr griffen und greisen seine Vertreter mit Schrift und Rede recht spürbar in das Getriebe ein, und da sie durch den Nimbus des Ansehens und der Stellung wirken, durch geistvollere Wendungen und Stilformen sich von ihrem demagogischen Gefolge unterscheiden, wäre es nicht uunöthig, einmal von einer Sammlung und kritischen Musterung ihrer Aeußerungen die Frage entscheiden'zu lassen: ob ihr geistiger und sittlicher Werth wirklich ein höherer ist, als der eines Ahlwardt und Genossen, ob ihre Ziele nicht dieselben, ob sie weniger von Antrieben der Gehässigkeit bestimmt, und vor Allem, ob sie befähigter zum Urtheile über jene religionswissenschastlichen und theologischen Materien sind, die nur aus ihren Reihen, nur aus den Studirstuben des Bildungsantisemitismus dem Geschäftsbedarf der stoffhungrigen Straßenagitation zugeführt werden. An nranchen widerlegenden Erörterungen, aus denen sich Aufklärung über diese Punkte schöpfen läßt, an eindringlichen Mahnungen zur Vorsicht gegen unbefugte Ankläger hat es bis jetzt von jüdischer wie christlicher Seite nicht gefehlt. Sie werden aber im Getöse des täglich von Neuem angeblasenen Sturms nicht genugsam beachtet, und darum ist es eine Pflicht der aller blinden Verfolgungswuty sich entgegenstellenden Presse, auf solche Gegenzeugnisse mit Nachdruck hinzuweisen. Zu ihnen aber zählen wir das in der Ueberschrift genannte Buch, obwohl es ohne jede polemische Absicht veröffentlich