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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-23 · Heft 47 (23.11.1894) · p. Seite 557

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 47 (23.11.1894)
Date
1894-11-23
Page
Seite 557 (sequence 5)
Language
German
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Nie jüngsten Ausgrabungen von Sendschirli. Berlin, 12. November. n der vorgestrigen, unter Virchow's Vorsitz stattgehabten Sitzung der Berliner Anthropologischen Gesellschaft erstattete der seit Jahren am hiesigen Museum für Völkerkunde wirkende österreichische Gelehrte Dr. F. v. Lu sch an Bericht über seine jüngste (dritte) Expedition nach Sendschirli im nördlichen Syrien, welcher Ort erst durch ihn eine wissenschaftliche Berühmtheit erlangt hat. An jener Stelle nämlich, drei Tagereisen von Alexandrette, hatte v. Luschan 1883 zusammen mit Buchstein die ersten Skulpturen und Inschriften des merkwürdigen biblischen Volkes der Hetiter entdeckt, und fünf Jahre später gelang es ihm, auf seiner ersten, durch die Unterstützung des unter Vorsitz Professor v. Kaufmann's in Berlin gebildeten ^sogenannten Orient-Komitees zu Stande gekommenen Expedition ansehnliche Skulpturen daselbst zu Tage zu fördern. Die erste große, zu systematischen Ausgrabungen im großen Stile unternommene Expedition mit einem Stabe von etwa dreihundert Beamten und Arbeitern führte Dr. v. Luschan 1890 und 1891, von seiner jugendlichen, für die Forschung begeisterten Gattin, der Tochter Ferdinand v. Hochstetter's, begleitet und unterstützt, aus. Damals förderte er die Unterstadt, ferner zwei Paläste und einen, den der Assyrerkönig Assarhaddon erbaute, ans Tagese licht. Ueber den ersten Theil der werthvollen, die Wiedergabe vieler Bildwerke und altsemitischen Inschriften enthaltenden Publikation, an deren Entzifferung der berühmte Straßburger Orientalist Professor Euting hervorragend betheiligt war, berichtete vor mehr als einem Jahr Profeffor David HeinrichWuller in Wien in diesem Blatte. In diesem Jahre, während des Winters und Frühjahrs, hatte nun Herr v. Luschan seine dritte Expedition nach Sendschirli unternommen, welche wiederum zur Bloßlegung ansehnlicher Bauten und zur Auffindung zahlreicher geschichtlicher Denkmäler führte. Die sehr bedeutenden Geldmittel hatte diesmal ein Berliner Komitee, bestehend aus den Herren James Simon, Rudolf Masse, Frau Profeffor Friedländer, von denen Jeder Beträge von „vierstelligen Zahlen" beisteuerte, und ein vermögender Bremer Forscher, Dr. Stucken, geliefert, der allein an 10,000 Mark für die Expedition hergab. Daß diese Büttel nicht vergebens aufgewendet waren, bewies der vorgestrige Bericht Luschan's, welchen der gelehrte Reisende, der zugleich Arzt, Anthropolog und Sprachforscher ist, durch die Vorführung-.von mehr als hundert Photographien mittelst einer elektrischen Projektionslampe auf das Lehrreichste unterstützte. Man lernte so die hochentivickelte Kultur eines Volkes kennen, welches bis vor wenigen Jahren nur dem Namen nach und durch seine Kämpfe mit den Assyrern bekannt gewesen war. In der Bibel ist hauptsächlich ihre Hauptstadt Kadesch erwähnt. Die Hetiter tauchen zuerst in der Zeit des ägyptischen Königs Ramses.II., um das fünfzehnte Jahrhundert vor Christus, auf. Dann findet man sie erst wieder, im neunten Jahrhundert vor Christus erwähnt, wo sie mit den Assyrern Kriege führten. Einzelne ihrer Könige^ scheinen sich mit den Assyrern gut gestellt zu. haben und traten zu diesen in eine Art Vasallenverhältniß; andere aber stellten sich schlechtIzu den Assyrern und wurden von.ihnen vertilgt. Zu den Ersteren scheint der König von Schamal gehört zu haben; dies ist der altsemitische Name der in Sendschirli gefundenen und in^späteren geschichtlichen Denkmälern nirgends erlvähnten gelvaltigen Niederlassungen, welche Luschan in dem , heutigen türkischen Dörfchen Sendschirli fand. Jener König nennt sich auf einer der Inschriften. selbst: „Ich, Bar-Rekub, Sohn des Panamu, Vasall des Tiglath-Pilesar." Fünf Götter finden sich auf den Inschriften von Sendschirli erwähnt: Hadäd, Rekub, als deffen Sohn sich jener König bezeichnet, Schemesch, El und Rekub-El. Unter den früheren Fllnden ist besonders hervorragend die seiner Zeit von Profeffor David Heinrich Müller besprochene Denksäule des Königs Affarhaddon mit Keilinschrift und deffen Bildniß in Relief. Bei der jüngsten Expedition wurden die Reste von drei großen Palästen gefunden, von denen die jüngsten der Zeit des assyrischen Eroberers Tiglath-Pilesar angehören und die andern um ennge^Generntionen älter sind; außerdem zahlreiche Reliefs mit Königs- und Götterbildern, worunter mehrere mit Thierköpfen, viele altaramäische Inschriften, Sphinxe und Löwenbilder von eigenthümlichem Stil. Unter den Reliefs sind besonders erwähnenswerth die mit dem Bilde des Erbauers, hinter dem ein Sklave mit einem Federwedel, als Attribut der Herrschaft, steht, ferner das lebensgroße Reliefporträt der sitzend dargestellten Königin. Höchst merkwürdig ist unter den Skulpturen ein Bild, welches nach Herrn v. Luschan den eigentlich Cherub der Bibel darstellt: es ist ein geflügelter Löwe, der neben dem Thierkopf auch einen zweiten, menschlichen, Kopf trägt. Ueber dem Reliefbilde der Königin^findet sich eine Sonne mit zwei Flügeln; dies führte den Redner zu einer zweiten merkwürdigen bildlichen Darstellung, nämlich einem zweiköpfigen Adler. Es ist nicht ausgeschlossen, daß dieses Wappenthier in seinem Ursprünge auf diese, ein Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung hinweisenden altsemitischen Denkmäler zurückreicht. Es kam später auf die Seldschuken und im Laufe der Kreuzzüge nach Europa. Man ersieht schon aus dieser kurzen Skizze, daß die Ausgrabungen von Sendschirli ein hohes geschichtliches Interesse darbieten; sie sind aber auch von kunsthistorischer Bedeutung; denn wiewoh! die Skulpturen ersichtlich j»ducch assyrische und ägytische Vorbilder beeinflußt sind, indem die Trachten auf jene, die Thierköpfe mancher menschlichen Gestalten und die Sphinxe auf Aegypten Hinweisen, so haben sie doch eine ganz eigene Technik und eine selbstständige Bearbeitung des menschlichen und thierischen Vorbildes, welches mit viel natürlicherem Ausdrucke, und zwar bei den Menschen von ausgesprochen semitischem Gepräge, dargestellt ist, als auf den eigentlichen assyrischen Bildwerken. Von diesen Eigenschaften der Fundstücke geben freilich nur die Photographien eine lebendige Vorstellung, bei deren Aufnahme, ebenso wie bei den Aufgaben der Krankenpflege Frau Dr. v. Luschan ihren Gatten wirksam unterstützt hat. e. s. Nie echten hebräischen Melodien. Randbemerkungen von Dr. Albert Fränkel in Leipzig. «I. nter dem Titel „Die echten hebräischen Melodien" ist vor einiger Zeit (bei S. Mayer i» Trier) ein elegant gedruckter Band erschienen, eine Sammlung metrischer Uebertragungen alter Dichtungen, die den unvorbereitet heranlretenden Leser zunächst fremdartig berühren werden, bei näherem Befassen aber und einigem guten Willen die Theilnahme mancher Denkenden gewiimen und ihrer geschichtlichen Betrachtung anregende Einblicke in eine wenig gekannte Sphäre menschlichen Schaffens eröffnen könne». Freilich handelt es sich um Darbietungen aus dem litterarischen Besitzstände des Jndenthnms, und das ist ein Nanie, der augenblicklich mehr abschreckend als anziehend auf einen großen Theil selbst derjenigen Kreise wirkt, die sonst einer unbefandenen Würdigung fremder Glaubens- und Geistesnrt sich nicht zu entziehen pflegen. Ist es doch fast Gewohnheit und Sitte geworden,

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