Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- Seite 555 (sequence 3)
- Language
- German
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555 Rußland und Rumänien, die Freiheit des Semiten in seinem Portefeuille, der Rubel ist sein Helm und sein Schild. Bildet nicht bei uns selbst der Reichthum des Juden meistens den Maßstab, nach dem wir ihn achten? Der Jude mag das Geld lieben — er verdankt ihm viel. Es ist die einzige Machtwelche Christen und Muselmänner bei ihm respektirt haben; zu seinem Glücke ist das Geld immer und überall eine Macht geblieben! Die Liebe zum Gelde ist daher nur natürlich, wir selbst haben sie ihm die Jahrhunderte hindurch eingeprägt. Ich bewundere nur, daß nicht alle Juden davon ergriffen sind, und es beruhigt mich, daß der Christ nicht weniger davon besessen scheint. Wenn es wahr ist, daß das Geld den Juden mächtig macht, ist nicht auch bei uns das Geld das Alles vermögende?!" Are Woche. Berlin, 20. November. fei* neue eben erschienene Band „Krimmalstatistik für das Jahr 1891" (Berlin 1894) ist ein neuer Beweis für die geringere Kriminalität der Juden und ist bei unbefangener Prüfung wiederum angethan, die antisemitische Redensart von dem größeren Antheil der Juden am Verbrechen zu entkräften. Die amtliche Statistik warnt auch in diesem neuestell Bande nachdrücklich davor, die Zahlen gegen oder für Religionen zu inißbrauchen. So wenig man die geringere Kriminalität der.Juden in einzelnen Verbr<chensarten gegen die Christen aussPielen darf, ebenso wenig darf man es mit den Verbrecheusarten thun, bei denen die Christen einen fleiueren Prozentsatz nufweisen. Die Resultate der Statistik eines Jahrzehnts ergeben die unangreifbare Thatsache. daß nicht nur der prozentuelle Alltheil der Juden znrückgegangen ist, sondern daß auch die absolute Zahl der von Juden begangenen Verbrechen sich innerhalb des 10jährigen Zeitraums nicht wesentlich vermindert hat, während die Zahl der Verbrechen überhaupt um 18 pCt. gestiegen ist. Es wurden vernrtheilt: in Deutschland davon Juden in Deutschland davon Juden 1882 - 329,968 3493 1887 356,357 3428 1883 330,128 3478 1888 350,665 3447 1884 345,977 3487 1889 369,644 "3480 1885 343,087 3241 1890 381,450 3546 1886 355,000 3399 1891 391,064 3488 Während also i. I. 1882 scholl der 94. Verbrecher Jude war, ist es i. 1.1891 erst der 112. Aber noch viel güllstiger stellt sich das Verhültniß, wenn wir das Vergehen 4 ä (Verletzung der Wehrpflicht) ausscheiden, wie dies die amtliche Statistik Band 64 II, 35 selbst thut, weil dieses Vergehen meist nur als eine Folge mangelhafter Listen auf dem Papier erscheint, ohne in Wirklichkeit begangen zu werdeil. Durch diese Veränderung stellt sich die Berechnung (wir citiren die amtliche Statistik Band 64 II, 34 fg.) wie folgt: Verbrechen und Vergehen überhaupt davon Juden auf 100,000 Strafmündige kommen überhaupt Juden 1882 315,849 3212 998 844 1883 314,096 3098 986 909 1884 326,492 3085 1023 799 1885 325,122 2879 1005 740 1886 333,420 3009 1022 767 1887 336,189 2997 1023 762 1888 329,244 3018 992 764 1889 349,961 3142 1043 792 1890 362,163 3160 1065 794 1891 373,240 3194 1073 799 Während also bei der christlichen Bevölkerung sowohl die Zahl der Verbrechen (um 18 pCt.) als der prozentuelle Antheil (um 7V2 Mt.) gestiegen ist, ist die Sllmme der Verbrechell bei den Juden sogar uln eine Kleinigkeit (Vs PCt.), der prozentuelle Antheil aber ganz erheblich (um 51/* pCt.) gefallen. * Die Freude der Antisemiteu über verschiedene Veränderungen ju der Regierung dürfte die nachfolgende offiziöse Auslassllng verschiedener Blätter lvohl herabzudäuipfen geeignet sein: „Anläßlich der Ernennung des bisherigen Unterstaatssekretärs v. Köller zum Minister des Innern wird in einigen Blättern daran erinnert, daß Herr v. Köller, der bis zu seiner Ernennung zum Polizeipräsidenten in Frankfurt a M. (1885) der konservativen Fraktion des Reichstags angehörte, wo er sich den Ruf eines überschneidigen Debatters erworben und in die damalige „konservative" Berliner Bewegung eingegriffen habe. Diese Thatsache ist richtig; aber es ist daran zu erinnern, daß Herr v. Köller die antisemitische Agitation Stöckers nicht unterstützt, sondern lebhaft bekämpft hat; woran wir für unfern Theil keinen Anstoß nehmen. Wie die Tivoli-Konservativen und die reinen Antisemiten sich mit diesen Präzedenzen des neuen Ministers des Innern abfinden, ist ihre Sache. Seine Thätigkeit in Frankfurt und nachher in Straßburg, wo er mit dem liberalen Staatssekretär v. Puttkamer zusannnenwirkte, scheint zu beweisen, daß Herr v. Köller kein Mann der Extreme ist." Was haben die Juden van dem Thronwechsel in Rußland;u erwarten? Bo» Paul Dimidow. I. Alexander III. und die Juden. ML n der Petro-Pawlowskfestung zu St. Petersburg wurde in diese» Tagen ein Mann zu Grabe getragen, den die waltende Vorsehung mit einer Machtfülle, wie selten einen Sterbliche», ausgerüstet, und in dessen Hände sie auf 14 Jahre das Wohl und Wehe von 120 Mistionen Menschen gelegt hat. Der allmächtige, unerbittliche Mars Imperator, welcher Throne nmwirft und Kaiserkrone» zerbricht, hat der kraftvollen Regierung Zar Alexanders III. ein jähes Ende bereitet, und eine Aufregung und eine Bestürzung hat sich ganz Rußlands bemächtigt, ivie es seit 1855, da der eiserne Nikolaus Pawlowitsch mitten in einem gewaliigen Ringen gegen eine Welt von Feinden vom Tode ereilt wurde, sie nicht mehr erlebt hat. Der russische Bauer weint seinem „Väterchen" bittere Thränen nach, Thränen, die dieser sich in einer 14 jährigen Regierung um ihn ehrlich verdient hat, und auch die Juden, denen der verstorbene Kaiser wenig Gutes und viel, sehr viel Schlimmes zugefügt hat, werden am offenen Grabe des tobten Imperators nicht bestreiten, daß Rußland in Alexander III. einen großen Kaiser verliert. Zar Alexander hat den Nihilismus niedergerungen und Rußlands Finanzen auf eine gesunde Basis gestellt. Das Eisenbahnnetz des Reiches hat unter seiner Regierung eine weitere große Ausdehnung erfahren, und Industrie und Handel haben einen nie geahnten Aufschwung genommen. Vor Allem aber war er der erste russische Zar, der nicht ohne Erfolg den herkulischen Versuch unternommen hat, den Augiasstall der Beamtenkorruption zu reinigen. Aus einem vom Nihilismus zerwühlten Staat mit einem korrnmpirten, durch zahllose nihilistische Attentate eingeschüchterten und rathlos gewordenen Beamtenthum, im Innern mit Defiziten arbeitend, nach Außen ohne Kredit und Ansehen, hat Alexander III. ein Reich allererste» Rangrs