Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- Seite 554 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- 554 - fallen. — Die gemeine Sorge um das gemeine Geld wird aber nicht öffentlich, überall, wo sie drückt, zur Schau getragen. „Pfui! das gehört nicht zum guten Ton!" Diese kleinen und kleinlichen Sorgen treten nur bei kleinen Leuten in die Erscheinung, die Andern verbergen sie und tragen als Ueberbleibsel der aristokratischen Tradition die Maske der Gleichgiltigkeit. Dieses Leben in der großen Welt ist eine Schule der Heuchelei, denn auch dort ist das Geld im Geheimen die bewegende Kraft, von der Sache aber, an die man am meisten denkt, spricht man am wenigsten. Einnahmen und Ausgaben, Preise der Dinge — sind solche Kleinigkeiten, daß es zur Wohlerzogenheit in diesen Kreisen gehört, sie nicht zu kennen. Man mnnut die Miene an, als habe man solchen Ueberfluß an Schätzen, um des Rechnens entbehren zu können. Sein und nicht Scheinen war die Devise der Weisen, Scheinen ist heute die Parole der Menschen von irgend welcher Bildung. „Wenn man auch wohl noch den Stoizismus hat, den Genüssen, die der Reichthunr vermittelt, entschlagen zu können, so hat man selten den Heldenmuth, die Armuth durchschimmern zu lassen. Armuth ist ein Laster geworden, und arm sein ist eine unheilbare Erniedrigung." Das sind einzelne Züge aus dem Bilde, das der scharfe Beobachter Leroy-Beaulieu von unseren Zeitgenossen entwirft; sind sie mit zu grellen Farben aufgetragen? Es ist möglich, unumstößlich wahr sind aber die Schlüsse, die er aus diesen Verhältnissen zieht, und die mit seinen eigenen Worten in treuer Uebersetzung folgen sollen: „In dem Antisemitismus liegt ein Keim von Begehrlichkeit. Diese Schilderhebung gegen Banken und Börsen entspringt weniger der Abneigung gegen den Reichthum, als vielmehr der leidenschaftlichen Liebe für denselben. Unsere Auflehnung gegen die Herrschaft des Goldes ist leider! weit davon entfernt, durchaus edel und uninteressirt zu sein. Dieser Kreuzzug hat meistens nichts Christliches! Gott weiß, ob es unser guter Engel oder ob es der Teufel ist, der uns den Haß gegen den Geldmenschen einhaucht. Nicht Mitleid, nicht Bruderliebe, nicht die Sorge um den zu oft durch strafbare Kunstgriffe ausgeplünderten Geringen ruft so viele Zornesausbrüche gegen die Emporkömmlinge der Spekulation hervor, es ist weit häuflger der Neid, die Begierde, die Geldgier, die im Schlamme unserer Herzen nisten. Semiten oder Arier, die schweren Anklagen der christlichen Massen gegen die Börsenkönige und Bankbarone lauten: „Sie sind zu reich." Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Niemand kann zwei Herren zugleich dienen, Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen." Mammon ist der Reichthum. Dieses Wort ist seit der Bergpredigt veraltet, in Vergessenheit gerathen. Man zählt vierhundert Millionen auf den Namen Christi getaufte Menschen, wie viele unter ihnen fühlen sich von Gewissensbissen gequält, wenn sie dem Mommon dienen! So ist nach 1800 Jahren dieser wieder der Herr der Welt, und der Besitz der jenseitigen Güter verursacht selbst den Frömmsten unter ihnen, die auch noch Gott seinen Theil geben, die geringste Sorge. Die Drohung, die in dem Gleichniß vom Kameel und Nadelöhr ausgesprochen, wonach der vom Geiste des Evangeliums getragene Christ den Reichthum fürchten sollte, hat ihre Schrecken verloren. Ironie des Schicksals und Hohn der Geschichte! Nationen, die sich christliche nennen, sind erbittert gegen diejenigen, welche sie der Aneignung des Reichthums anklagen. Wie seltsam fremd klingt in ihren Ohren das Beati pauperes und Vae divitibus! Wir sind zwar nicht so stumpfsinnig geworden, um die Genüsse, die sich unter der ehrlichen Armuth bergen können, zu verkennen, zuweilen stimmen wir sogar das Lob der Armuth, des Mittelstandes an, rühmen ihre Vorzüge und die Freiheit, welche sie dem Geiste reicht, den Frieden, welchen sie dem allen Sorgen dieser Welt ledigen Weisen bringt, den Werth, welchen sie der Arbeit und der Muße gewährt. Die Begabteren unter uns feiern in hochtönenden Worten die Freude, die Poesie, arm zu sein; aber diese Freude und diese Poesie kosten die Einen , nur in der Phantasie und die Andern in der Erinnerung hinterdrein, wenn sie nicht mehr vorhanden sind. Wie viele Christen und Christinnen, bemerkte jüngst ein evangelischer Denker, weit entfernt, mit Wenigem sich' zu begnügen, sind mit Vielem zufrieden. Und wenn es so unter den Christen ist, warum sollte es bei den Juden anders sein? Der Jude, den wir uns als den Hohenpriester des Mammonkultus ' vorstellen, feiert nicht minder in seiner Synagoge die Vorzüge der, Armuth. Seine Bücher, welche die unsrigen geworden, sind voll vom Lobe des Armen. Man predigt uns immer und immer wieder, daß ' seine Religion ganz materialistisch sei, daß sie überall den Reichthum verherrliche und nur an die Güter dieser Welt denke. Das heißt, sie' schlecht kennen! Der Neichthum kommt nicht in der Reihe der „8ch6mon6 esre“ vor, der achtzehn Gnaden und Segnungen, um welche seit Jahrtausenden der fromme Jude den Ewigen anfleht. Ein ganzer Theil der heiligen Bücher, und zwar der in Israel verbreitetste, derjenige, welcher in seiner Liturgie wie in der unsrigen den weitesten Raum einnimmt, erhebt unablässig den Armen. Die Psalmen stimmen hier mit den Evangelisten überein, und der neue Glaube ist die Fortsetzung des alten. Unser Beati pauperes spirilu ist wie die Zusammenfassung des Inhaltes des Psalmisten Einige Exegeten sind sogar soweit gegangen, das Psalmenbuch zum Buche der Armen zu stempeln, der Ebionim, der Vertreter einer frommen Brüderschaft, einer Art jüdischer Puritaner. Der Arme ist der Liebling Gottes, arm und gerecht, ebion und zaddik, sind für diese alten Semiten nur gleichbedeutend Und was von Psalmisten gilt, gilt ebenso sehr von den Propheten, von dem vor Allen, welchen die moderne Bibelkritik den zweiten Jesäias nennt. Wenn die Kinder Israels aus den Lehren ihrer Psalmen Begeisterung für das Leben schöpften, würden auch sie den Reichthum gering schätzen; aber gleich den Christen sprechen Viele mit den Lippen in todter Sprache die erhabenen Verse der Ziouslieder, die in den Büchern bleiben und nicht in das Herz dringen. „Der Jude überläßt seinen Ahnen aus dem unergiebigen Palästina die Lobeserhebungen der Armuth und eilt zur Börse und zu den Plätzeu, wo um Gewinn gerungen wird. Er, der die Welt durch seinen Glauben an die Herrschaft Gottes umgestürzt hat, glaubt nur noch an den Reichthum." Bezieht sich dieses harte Wort Renan's aus die Juden oder auf die Christen? In Wahrheit, ich weiß es nicht; denn, mit gütiger Erlaubniß Renan's, es giebt noch Juden, welche die Armuth zu tragen verstehen, nur wir haben kein Auge für sie, wir würdigen sie keiner Beachtung. Wir wissen nicht einmal, daß die große Masse in den Judenquartieren arm ist. .Um diese Erfahrung zu machen, bedarf es keiner langen und weiten Reisen; arme, in ihr Schicksal ergebene Juden, die in einer ganz anderen Beschäftigung aufgehen, als in der Vermögen zu sammeln, trifft man auch unter uns. Ich habe in Paris einen jüdischen Gelehrten gekannt, einen siebzigjährigen Greis, Doktor der Rechte und der Medizin, der alle Sprachen Europas sprach und ganz in der Weise der alten Rabbiner lebte; er kannte keine anderen Freuden, als die der geistigen Arbeit*). Von Allem entblößt, mehr als Spinoza, bewohnte er Rue de Seine ein enges Dachstübchen, das nur durch ein kleines Schiebfenster Licht empfing, zu dem man auf einer Leiter, nicht auf einer Treppe, hinaufkletterte. Ein Kasten von einzelnen Brettern diente ihm für seine Büchersammlung, ein Strohsack, ein Stuhl und ein weißer Holztisch waren sein ganzes Mobiliar. Und in diesem erbärmlichen Winkel schrieb dieser Greis lange gelehrte Abhandlungen über die Gesetzgebung und die Medizin des Talmuds; sein ganzer Ehrgeiz gipfelte in dem Wunsche, seine Werke gedruckt zu sehen, um auch seinen Theil zur Zerstreuung der gegenseitigen Vorurtheile zwischen Juden und Christen beizutragen. Dieser Typus des Gelehrten, des armen Chacham, ist ganz jüdisch, und er lebt noch Heute in den Judenvierteln des Ostens Seit der Auswanderung der Juden aus Rußland trifft man solche Männer in allen Ländern der beiden Erdtheile, von Wilna und von Jassy bis San Francisco. Es überrascht mich nicht, daß der zivilisirte Jude, der die Seligkeit der Armuth nicht kennt, nach dem Gelde^ jagt. Er ist seit langer Zeit auf die Jagd nach Dukaten abgerichtet, weniger durch das Vorbild und die Erziehung seiner Väter, als durch die Lehren und die Unterweisung der Unsrigen. Wenn er die Jahrhunderte hat überdauern* 2), wenn er wieder Mensch unter Menschen hat werden, wenn er dem Schimpf und der Schande der Ghettis hat entschlüpfen können — verdankt er es nicht dem Gelds? Das Geld hat früher, als unsere Philosophen für ihn eingetreten sind, ihm gestattet, sich der Ruthe des Peinigers zu entziehen, das Geld hat ihn aus dem neuen Aegypten befreit und ihn aus der Knechtschaft errettet, das Gold ist in Wirklichkeit der Retter Israels, der Refrain Judas gewesen. Noch heute ruht in manchen Ländern, in *) Es war Dr. Israel Michael Rabbinowicz, der im Mai 1893 in London starb, wo er nach einer Reise in seine Heimath erkrankt, eine Zufluchtsstätte für sein greises, müdes Haupt gefunden hatte. 2) Diesen Ausführungen kann man nur bedingungsweise zustimmen, da Leroy-Beaulieu den unzerstörbaren inneren Gehalt des Judenthums, der den Juden Muth zur Ertragung der Verfolgungen gegeben, und die große Glaubenskraft nicht mit in Anschlag gebracht hat.