Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1894)
- Date
- 1894-11-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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58, Jahrgang. Pr. 47 Berlin, 23. November 1894. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Nedacteur: Gustav KarpeleS. Begründet von Uabdiner Dr Ludwig Philippjon-Äonn. Vertags-Crpedltion: Leriin/Ierusalemerftr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der ,Allgem. Zeitung des Judenthums*. Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Inhltlt. Leitartikel: „Me Herrschaft des Geldes." — Die Woche. — Was haben die Juden von dem Thronwechsel in Rußland zu erwarten? I. Von Paul Dimidow. — Die iimflfteu Ausgrabungen von Sendsckirli. — Die echten hebräischen Melodien. I, Von Dr. Albert Frankel. — Zur Würdigung der Synode. Von Dr. Wiener. — Feuilleton: Der Judeniunae. Eine Erzählung aus Ost-Galizien von Wilhelm Feldmann (Forts.). — Eine häusliche Scene. Von Dr. R. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Rachrichten: Berlin. Bromberg. Aus der Provinz Posen. Hannover. Essen a. d. Ruhr. Frankfurt a. M.. Wien, Petersburg. Gibraltar. Mogador, Rew-Pork. — Bon Rah und Fern. — Miseellen. „Me Herrschaft -es Geldes." t Berlin, 19. November. nter obigem Titel hat der berühmte Autor des Werkes „Israel chez les nations“, Ancüole Leroy-Beaulieu, eine Reihe von Artikeln vor Kurzem in der „klevue des Deux Mondes“ veröffentlicht, die die Fortsetzung und den Schluß des genannten Werkes bilden und den Antisemitismus von seiner gefährlichsten, der national-ökonomischen Seite behandeln. Ueber die Herrschaft des Geldes heute ein Werk zu schreiben und der Juden nicht zu erwähnen, gehört zu den Unmöglichkeiten. Nach den Reden und Ausführungen der Antisemiten ist es eine nicht anzufechtende, unumstößliche Thatsache, daß die Herrschaft des Geldes nur vou den Juden mit unerbittlicher, schonungs- und rücksichtsloser Strenge geführt wird. Das ist der Ruf, in den die Antisemiten aller Schattirungen einstimmen, das ihr Losungswort, das als tausendfaches Echo widerhallt, mit dem sie die Massen für sich gewinnen. Unter der Macht des jüdischen Großkapitals seufzen, nach ihrer Meinung, alle Stände, und die ganze Misere unserer Zeit hat sie verschuldet. Der Tanz um das goldene Kalb, die Sucht nach Geld und Gewinn um jeden Preis, die natürlich semitischen Ursprungs —- wie könnte es anders sein? — hat alle Gesellschaftsklassen ergriffen und bildet im Augenblick die größte Gefahr für die Völker, die mit aller Macht bekämpft werden muß, wenn nicht ein Niedergehen oder gar Verschwinden des Nationalcharakters erfolgen soll. Leroy- Beaulieu schreibt keine Vertheidigungsschrift gegen diese Anklagen; er behandelt die ernste Zeitfrage vom national-ökonomischen Standpunkt, den Blick nicht allein vorwärts, sondern auch rückwärts gewandt, ohne Voreingenommenheit, aber auch ohne Haß und Parteilichkeit. Ja, er sagt auch den modernen Juden manche bitteren Wahrheiten — aber er ist frei von Vorurtheil, er kennt die Verhältnisse, und er ist ein wohlwollende Beurtheiler. Einer unserer geschätzten Mitarbeit^ Iheilt uns nun die folgende Analyse der neuesten Arbeit Leroy-Beaülieus mit: Der Verfasser leitet seine Abhandlung mit der Frage ein: „Wer ist der König det heutigen Gesellschaft-?", nnd seine Antwort lautet': „Allem Anscheine nach — das Geld." Die historischen Gewalten liegen in Trümmern; in demselben Maße, in dem Religion, Herrscher würde, Adel sinken oder stürzen, steigt die Macht des Geldes. Er fragt nun weiter: „Woher kommt die Herrschaft des Geldes? Ist sie eine neue widerrechtliche Anmaßung, die keine Wurzel in unserer Vergangenheit hat? Liegt ihr Ursprung in uns selbst, in unseren Sitten, in unseren materiellen und moralischen, politischen oder religiösen Verhältnissen? Oder im Gegentheil — und hiermit berührt Leroy-Beaulieu sofort eine antisemitische Insinuation — ist sie eine fremde Herrschaft, unserer Raffe antipathisch, die den christlichen Völkern von Menschen anderen Blutes und anderen Glaubens aufgedrungen ist?" Diese Erkenntniß ist zunächst erforderlich, um das drückende Joch des Geldes abzuschütteln. „Sind wir aber in der That," fragt er mit beißender Ironie, „so ernstlich bestrebt, uns von dieser Herrschaft zu emanzipiren?" Sicherlich nicht, denn der hervorstechendste Zug im Bilde des modernen Menschen ist der Wunsch, reich zu werden. Wenn noch der Glaube an Feen bestände, so würde die Fee des Reichthums, wäre sie auch noch so häßlich, als Pathe an die Wiege aller Kinder gebeten. Der Reichthum ist zwar zu allen Zeiten von den Menschen in Ehren gehalten, aber er erschien meistens so unerreichbar hoch gestellt, daß die große Menge gar nicht wagte, zu ihm das Auge zu erheben. Durch den unerwartet raschen Aufschwung, den die Industrie in diesem Jahrhundert gewonnen hat, schienen die Güter der Welt allen Händen faßbar geworden zu sein, und es entstand die Jagd nach dem Glück, die immer heißer wird; ein Mißglücken erbittert und erweckt Zürnen und Grollen im Herzen. Niemals hat der Reichthum so viel Neid erregt, als in unseren Tagen, in denen er nicht mehr das Vorrecht einzelner Bevorzugter, einzelner Klassen geblieben ist. Millionen Menschen, deren Streben früher nicht über den von Alters her gezogenen Kreis hinausging, machen heute ihre vermeintlichen Ansprüche auf Bequemlichkeit, Luxus, arbeitloses Leben und alle Annehmlichkeiten und Freuden, die für Geld zu erlangen sind, geltend und fragen laut und drohend: Warum Andere mehr als wir? Warum ich weniger als ein Anderer? „Der Arme fühlt sich unglücklich und hält sich für ein Opfer der Ungerechtigkeit. Daher der Sozialismus und daher der Anarchismus.^ Die Liebe zum Wohlleben, das Verlangen nach allen möglichen Genüssen hat alle Schichten ergriffen. Der Neichthum ist rasch in die Höhe geschossen, mehr aber noch sind die Anforderungen und die neu geschaffenen Bedürfnisse gestiegen. Das Jagen und Haschen nach dem Glück, d. h. nach Reichthum, 'das ist das Zeichen unserer Zeit. Unser Gewissen ist ein weiteres geworden, unsere Feinfühligkeit gegen Ehrenhaftigkeit ist verringert. Unrechtmäßiger Weise erworbenes Geld hat nicht mehr den üblen Geruch. Offenkundige Unehrlichkeit erregt Anstoß, wird weit abgewiefen, aber . der Merkantilismus ist desto siegreicher und dringt — ein anderes ^Zeichen unserer Zeit — überall ein. „Wie unter einer unfreiwilligen Suggestion leben alle Gesellschaftskreise dahin — das Gold mit seinem Wahlen Scheine hypnotisirt die Geister und — die Gewissen." Das Gold ist die mächtige Triebfeder des modernen Lebens, und dabei könnte inan, behaupten, daß es bald keine Reichen mehr geben wird, ^aß sie mindestens der gleichen Sorge, der Sorge um das Geld anheim