Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1894)
- Date
- 1894-11-16
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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kowitz Borträge zugesagt, so daß also der Verein sicher für jeden Monat auf einen Vortrag rechnen kann. M. Hamburg, 11. November. Der Winter naht, und mit ihm beginnt das jüdisch-geistige Leben in unserer Gemeinde sich zu regen. Zu den vielen Vereinen, welche in Hamburg bestehen und sich das Ziel gesetzt haben, jüdische Litteratur und Wissenschaft zu verbreiten, hat sich eine Anzahl angesehener Vereine verbunden, mit dem Präsidenten der Henry - Jones-Loge Herrn Gustav Tuch an der Spitze, um in diesem Winter einen Cyklus für nachbiblische Geschichte zu veranstalten. „Das Ende der biblischen Geschichte, die ja Jeder einigermaßen kennt, ist der Anfang der jüdischen Geschichte, die die Wenigsten'kennen. Diese zu erfassen und zu verstehen, muß für jeden denkenden und empfindenden Juden umsomehr eine Ehrensache sein, als gerade in heutiger Zeit gegen Juden und Judenthum gekämpft wird, denn, was man nicht kennt, kann man nicht lieben. Trotz der Anfeindungen, die das Judenthum im Laufe der Zeiten erduldet, hat es sich fest und stark erhalten als ein lebendiges Denkmal nnd „Zeugniß der Offenbarungen". Diese Stärke und Festigkeit, die der jüdischen Religion einen Platz in der Weltgeschichte einräumt, ihre Theilnahme an den Weltbewegungen, ihr Einfluß, den sie auf ihre Bekenner bislang geübt hat, die Leiden, die jene, welche zu ihrer Fahne schwörenerdulden, die Kämpfe, die sie zu bestehen hatten, smd nach den Worten eines bekannten Forschers „ein geschichtlicher Fortgang, nicht minder anziehend und lehrreich, als der der Völkerkriege und der allgemeinen Fortschritte der Menschheit." Die verschiedenen Vereinigungen haben sich deshalb entschlossen, eine Reihe von Vorträgen zu veranstalten, zur Ergänzung der Vorträge des Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur. Die Herren Dr. Feilchenfeld und Dr. Seligmann sind für den demnächst beginnenden Kursus gewonnen worden und werden die Hauptepochen der nachbiblischen Geschichte und Litteratur zunächst bis auf Maimonides behandeln. Die Vereinigungen, welche den Aufruf unterzeichnet haben, sind : „Der Hamburg. Verein für jüdische Geschichte und Litteratur." Die Henry-Jones-Loge (A. O. B. B.). Der israel. humanitäre Frauenverein Der Lehrerverein Mendelssohn. — Da die hiesigen synagogalen Verhältnisse sich trotz aller Vorstellungen bei der Gemeinde in den letzten Jahren nicht in dem Maaße gehoben haben, wie man dies ckohl erwarten dürfte, insbesondere da wir in der Person des allverehrten Oberrabbiners eine solch hervorragende Kapazität besitzen und man auch der seit Jahren schwebenden Frage einer Synagoge vor dem Dammthor, woselbst über 8000 Juden wohnen, noch nicht näher getreten ist, so haben sich mehrere Freunde des Judenthums zur Gründung einer Synagoge vor dem Dammthor entschlossen. Es ist bereits ein Lokal vor dem Dammthor auf 10 Jahre gemiethet, welches für 430 Stellen eingerichtet ist und event. bei Bedürsniß auf 600 vermehrt werden kann. Durch opferwillige Privatleute sind bereits 10- bis 12,000 Mark für die innere Ausschmückung der Synagoge aufgebracht, außerdem haben sich 35—40 Personen zur Deckung eines event. Defizits bereit erklärt. Der Gottesdienst soll in streng ritueller Weise, jedoch den Anforderungen der Neuzeit entsprechend, eingerichtet werden. Es wird u. A. die Mitwirkung eines vierstimmigen Synagogenchors beabsichtigt. Außerdem soll ein besonderer Jugendgottesdienst errichtet werden. Selbstverständlich ist auch die Anstellung eines Predigers vorausgesehen. An der Spitze des Unternehmens stehen die Herren M. Fränkel, F Ralmann und M. Stavenhagen. Es besteht außerdem vor dem Dammthor noch eine kleine Privatsynagoge (Bornstraße), und wäre es sehr zu wünschen, daß dieselbe fich mit der zu gründenden Synagoge vereinigte. # Crefeld, 11 November. Der antisemitische General-Anzeiger reproduzirt folgende, der Düsseldorfer „Deutsch-Nat.-Ztg." aus Coesfeld zugegangene Notiz: „Sicherem Vernehmen nach hat sich hier ein Fall ereignet, der lebhaft an die Manipulationen erinnert, die durch den Burgwaldnieler Fleischverunreinigungsprozeß an den Tag gekommen sind. Ein hiesiger jüdischer Schlächter Hat, so verlautet, vor einigen Wochen ein bereits verendetes Kalb heimlich in das hiesige Schlachthaus geschmuggelt und dann geschlachtet. Zum Glück für die deutsche Kundschaft dieses Juden entdeckte der Schlachthausmeister die Sache und beschlagnahmte das Thier. Der hiesigen Polizeibehörde soll dieser Fall angezeigt sein." Der „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" zog genaue Erkundigungen ein, und nun stellte sich Folgendes heraus: Nach Angabe des christlichen Schlachthaus Verwalters in Coesfeld ist das Kalb nicht heimlich und nicht todt, sondern öffentlich und lebend in das Schlachthaus gebracht worden. Die dem Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens vorgelegte, mit dem Stempel der „Stadt. Schlachthaus-Verwaltung in Coesfeld" versehene Erklärung des Verwalters lautet wörtlich: „Der Metzger David Herz hat am 28. August 1894 im hiesigen Schlachthaus (Coesfeld) ein Kalb geschlachtet, welches von mir beanstandet wurde; es brachte den Erlös von 14 Mk. Das Kalb ist vom Kreisthierarzt Dr. Klosterken jun. untersucht und als minderwerthig erklärt worden. — Ho chgreve, Schlachthaus-Verwalter." Dieser Fall beweist aufs Neue, wie jetzt die harmlosesten Vorgänge auf Grund leichtfertiger oder böswillig gefälschter Berichte zum Zweck der in ihren Mitteln wenig wählerischen antisemitischen Agitation ausgebeutet werden. 7E Würzburg, 13. November. Wie aus Fürth gemeldet wird, hat der dortige Stadtmagistrat auf Vorschlag der Verwaltung die Ernennung des Herrn Distriktsrabbiners Dr. Herrn. Deutsch in Burgpreppach zum Direktor des bayerisch israelitischen Waisenhauses dort vollzogen. Für die Israeliten des unterfränkischen Kreises bedeutet diese Ernennung einen schweren Verlust. Sobald die ministerielle Genehmigung eingelangt sein wird, wird der Erwählte sein neues Amt übernehmen. Oesterreich Ungarn. lH Wien, 12. November. Bei der Verhandlung des Reichsrathes über das neue Strafgesetz nahm auch u. A. Abgeordneter Dr. Bloch in sehr wirksamer Weise das Wort. Er erklärte, daß ihm altes und neues Strafgesetz so lange egal, als nicht eine gleichmäßige Handhabung der Gesetze, gleiches Recht in Justiz und Verwaltung für alle Konfessionen besteht. Der Abgeordnete Bloch, der auch sonst in überaus glücklicher und treffender Art gegen die Ganz- und Halb-Antisenriten polemisirte und ihre gefälschten Hetzlehren mit anerkennenswerthem Muthe rücksichtslos bekämpfte, hat sich nicht gescheut, diejenigen Faktoren, die es angebt, für ihren Theil an der Schuld verantwortlich zu machen. Mit frommen Wünschen allein kann eine verderbliche Volksströmung nicht hinweggezaubert werden; nur das gerechte Beispiel der Staatsgewalt, das entschiedene, allen Bürgern voranjeuchtende Beispiel kann Vorurtheile beseitigen nnd einen gesunden Umschwung herbeiführen. Bloch wandte sich zunächst gegen die Ausführungen des Abgeordneten Pattai bezüglich des rituellen Schächtens der Thiere und betonte, daß die jüdische Religion sogar einen sehr weitgehenden Thierschutz gebiete. Die Juden haben für die Arbeitsthiere den wöchentlichen Ruhetag eingeführt. Sie haben dieses Gesetz bis heute erhalten. Ihre religiösen Vorschriften enthalten den Schutz der Thiere gegen Rohheit und Mißhandlung. Jede Thierquälerei ist dem Juden eine Sünde gegen Gottes Gesetz, er ist verpflichtet, nicht früher zu speisen, bis die Hausthiere mit der nöthigen Nahrung versehen sind, er ist verpflichtet, die Thiere vor jeder Ueberanstrengung zu schützen, und als Gebot des Thierschutzes wurde das jüdisch-rituelle Schächten eingeführt. Bloch zitirte auch den bekannten Ausspruch von Windthorst: „Wenn es sich um religiöse Anschauungen handelt, die durch Jahrhunderte und Jahrtausende überkommen sind und die heilig gehalten werden von vielen unserer Mitbürger, dann gebe ich der Regierung das Recht nicht, in dieselben einzugreifen, und ich bin nicht der Meinung, daß man die religiösen Ansichten modeln soll nach angeblich modernen Ideen." Dann sagte er: Warum habe der Abgeordnete Pattai nicht von den Thiermartern bei den Jagden gesprochen? Von dem Sport des Taubenschießens, der Sauhatz u. s. w.? Bei diesen Dingen können wohl religiöse Motive nicht geltend gemacht werden. Allerdings das Jagdvergnügen der hohen Herrschaften ist sakrosankt. Wenn der Abgeordnete Pattaj den Muth der Ueberzeugung hat, so hätte er den Antrag stellen sollen, daß die Jagd nach dem Strafgesetze zu verfolgen sei. Aber wenn es stch um den Adel handelt, da entdeckt er plötzlich seinen historischen Sinn. Was er für den Adel reklamirt, das reklamire ich für meine Religion, und es giebt in Europa keinen Adel, der auf ein viertausendjähriges Alter Hinweisen kann. Es ist aber den Herren nicht um den Thierschutz zu thun, nicht um die Humanität, nicht um das Christenthum, sondern einfach darum, den Juden Eins am Zeug zu flicken. Das steht man auch bei der Frage der Sonntagsruhe. Aus der Gewerbeordnung ist in das Strafgesetz nur das Delikt der Uebertretung der Sonntagsruhe übernommen. Wer die galizischen Verhältnisse nur einigermaßen ennt