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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-16 · Heft 46 (16.11.1894) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 46 (16.11.1894)
Date
1894-11-16
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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" V * - * ’ T ßT&^rW^** ^vrv—m syrrnnp+x^ r^-s^ ' -- H - ■ ■ ‘ weiß, wie tief diese Angelegenheit in das soziale Leben der Juden eingreift, daß die jüdischen Arbeiter mit sehr geringen Ausnahmen am Samstag nicht arbeiten und die Ruhe bereits Freitag Nachmittags beginnen. Wenn man diese zwingt, die Sonntagsruhe auch einzuhalten, das ist von Freitag Nachmittag bis Montag früh zu feiern, so heißt das, diese armen jüdischen Handwerker brodlos wachen, sie in die Reihen der Sozialdemokratie und des Anarchismus treiben. Was sollen sie machen? Die Juden haben in Wien das Bürgerrecht schon feit zweitausend Jahren (Abg. Dr. Lueger: Nur nicht aufschneiden!) Schon zur Römerzeit haben hier Juden geweilt, wir haben das Heimathrecht in Oesterreich durch das Blut unserer Ahnen erkauft. (Widerspruch bei den Antisemiten.) Es giebt keine Scholle Bodens in Oesterreich, wo nicht jüdisches Märtyrerblut geflossen ist. Dr. Bloch wies schließlich gegenüber der Darstellung des Abgeordneten Pattai, welche so aussah, als ob unsere Strafhäuser mit alttestamentarischen Gestalten bevölkert wären, auf den statistisch erwiesenen geringen Prozentsatz der Juden in der Zahl der Delinquenten und auf die stetige Abnahme derselben hin. Zum großen Theil sei dies in Galizien dem wohlthätigen Eingreifen des hochherzigen Philanthropen Baron Hirsch zu danken, wofür ihm der Redner bei dieser Gelegenheit den Dank aussprach. Eine Erwiederung auf diese glänzende Rede ist bis heute nicht erfolgt — Der in Baden wohnhafte antisemitische Agitator, Architekt Karl Schmidt, welcher am 13. September d. I. im Cafe Kerschbaum den Stud. med. Isidor Trautzl mit der Reitpeitsche überfiel und im Gesicht verletzte, wurde bei der heute durchgeführten Strafverhandlung zu 200 fl. Geldstrafe, event. zu zehn Tagen Arrest verurtheilt. — Der ehemalige Armenrath in Margarethen (ein eifriger Antisemit), Eduard Holliwau, wurde wegen eines groben Sittlichkeitsverbrechens, begangen all einem dreizehn¬ und an einem sechsjährigen Mädchen, zu viermonatlichem Kerker verurtheilt. — Dem Redakteur Lichtblau, der dem Komitee der Ausstellung für Volksernährung, Rettungswesen u. s. w angehörte, wurde in einer Gemeinderathssitzung die vollste Anerkennung der Stadt Wien ausgesprochen. 6. Budapest, 8. November. Die Vorlagen über die freie Ausübung der Religion und die Rezeption der jüdischen Konfession, welche erst nach der königlichen Sanktion der bereits angenommenen kirchenpolitischen Gesetze im Magnatenhause zur Verhandlung kommen, werden in zwölfter Stunde von Dr. Julius Koväts, Professor des Kirchenrechts, in einer 67 Seiten starken Broschüre einer eingehellden, schonungslosen Kritik unterzogen, was von der Presse, welche in antisemitischen, klerikalen Farben schillert, mit Freuden begrüßt wird. Der Verfasser, der wohl ein Anhänger der kirchenpolitischcn Politik zu sein vorgiebt, hält beide Vorlagen für lückenhaft und verfehlt und will der jüdischen Konfession nur die staatliche Anerkennung zutheil werden lassen, nachdem er den Ausdruck „rezipirt" im Allgemeinen für unrichtig erklärt, und die rezipirten Konfessionen ohne Ausnahme nach dem Jnslebentreten des Gesetzes über die freie Religionsübung in die Kategorie der staatlich anerkannten Konfessionen fallen. Der Verfasser weist ferner nach, daß der Entwurf nicht alle mit der Rezeption zusammenhängende Fragen ordnet, die Parität nicht herstellt, und daß nach dem Jnslebentreten des Rezeptionsgesetzes neue Streitfragen entstehen werden. Er hebt die Bestattungsfrage hervor, welche auftauchen muß, nachdem für gemeinsame Bestattungsplätze, welche nach der Einführung des Civilehegesetzes nothwendig sein werden, nicht gesorgt wurde. Er hält auch den Uebertrittsparagraph für überflüssig und macht schließlich Vorschläge, wie die Mängel behoben werden könnten, womit sich der Verfasser bedeutend verspätet hat. — Von dem schätzbaren Werke der rühmlichst bekannten Nahida Remy erscheint demnächst in der vorzüglichen ungarischen Uebersetzung der Frau Marie F Krasznai die zweite Auflage. — Die Rabbinerwahlen in Oroshüza und Alsdkuhin wurden auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben, nachdem eine friedliche Vereinbarung zwischen den einzelnen Parteien nicht möglich war — Rabbiner S. Mahler feierte dieser Tage das Fest seiner goldenen Hochzeit und zugleich das Fest seines vierzigjährigen Wirkens als Rabbiner. — Die 10 Gymnasien und 5 Realschulen in der Hauptstadt werden von 6842 Schülern frequentirt, wovon in den Gymnasien 31,46 pCt., in den Realschulen 47,15 pCt. Israeliten sind, für deren Religionsunterricht die Pester israelitische Religionsgemeinde sorgt. — Der bekannte Astronom Maurice Löwy in.Paris t wurde nicht in Wien — wie es irrthümlich gemeldet wurde — sondern ■ in Ungarn in Bösing, wo er auch die Volksschule absolvirte, geboren. ~ Von Nah und Fern. — Kommerzien - Rath Albert Arons hat aus Anlaß der am 31. v. Mts. erfolgten Vollendung des 50. Jahres seiner geschäftlichen Thätigkeit den Aeltesten der Kaufmannschaft die Summe von 10,000 M. zur Verfügung gestellt mit der Bestimmung, dieselbe nach bestem Ermessen zu wohlthätigen Zwecken für Kaufleute zu verwenden. — Der Kanzler Leist wurde kürzlich interwievt. Der Schluß der Unterredung lautete wörtlich: „Und nun noch eine Frage, Herr Kanzler," sagte der Berichterstatter, „die „Staatsbürgerztg." rechnet Sie natürlich zu den Juden; für mich, der ich die Manier dieser Presse kenne, ist das nichr auffallend, doch wie verhält es sich damit?" „Ich kann zur Beruhigung dieses Blattes versichern," sagte Leist, „daß ich Christ bin und soweit ich meinen Stammbaum verfolgen kann, einer rein christlichen Familie angehöre." — In den Vorstand des Krieger- und Landwehrvereins zu Jnowrazlaw wurde der Kaufmann Moritz Norden als Mitglied fast einstimmig gewählt. — Der bekannte und verdienstvolle Sprachforscher Daniel Sanders feierte am 12. d. Mts. in Strelitz seinen 75. Geburtstag. — Der Photographin Fräulein Jenny Engel in Frankfurt a. M., deren Arbeiten sowohl hinsichtlich ihrer technischen Ausführung als ihrer künstlerischen Auffassung sich der allgemeinsten Anerkennung erfreuen, ist vom Herzog von Sachsen - Coburg - Gotha der Hoftitel verliehen worden. — Die von Großherzog Ernst Ludwig zur Erinnerung an dessen Vermählung gestiftete, am Bande zu tragende Medaille ist an Herrn Rabbiner Dr. Selver in Darmstadt sowie an den Vorsitzenden der „Neuen Harmonie" des Synagogen-Chor-Vereins) Ludwig Trier verliehen worden. — Die zur Erinnerung an die Vermählung des Großherzogs von Hessen gestiftete, am Band zu tragende Medaille ist dem Vorstandsmitgliede des Landes-Kriegerverbandes Hassia, Herrn Hauptmann d. L. a. D. Fabrikant Gernsheim in Worms verliehen worden. — Herr Stadtrath Herschel in Mannheim läßt zwei monumentale Brunnen neben dem erst jüngst enthüllten Kaiser Wilhelmdenkmal errichten. — Wie die „Münchener Neuesten Nachrichten" melden, ist der Schriftsteller Dr. Louis Lewes am 11. d. M. gestorben. Der Verstorbene war ein bekannter Essayist und hat sich besonders durch sein Buch Shakespeares Frauengestalten in der Litteratur einen Namen gemacht. Im vorigen Jahre hat Werves noch im Berliner „Centralverein jüdischer Staatsbürger" einen öffentlichen Vortrag gehalten. — In der letzten Sitzung des Komitees der „Allianz" in Lemberg regte Herr Salomon Buber die Gründung eines Proseminars für Rabbiner und Religionslehrer an. Der Vorsitzende versprach, dieser Anregung Folge zu geben. — In Jaroslau ist der bekannte Hebraist Alexander Lang bank am 22. Oktober in seinem 70. Lebensjahre. Von seinen zahlreichen litterarischen Arbeiten gedenkt der in Wien domicilirende Sohn des Verewigten, Direktor Benedikt A. Langbank, eine Gesammtausgabe zu veranstalten. — Nach Meldungen aus T l e m e e n in Algerien kam es am 10. d. M. zwischen Tureos und Juden zu einem Handgemenge, wobei beiderseits mehrere Personen verwundet wurden. Ein Jude erlag den Verletzungen; in mehreren Cafes wurden die Fensterscheiben eingeschlagen. — Auf das Kondolenztelegramm der Petersburger israelitischen Kultusgemeinde ließen der Kaiser und die Kaiserin-Wittwe durch den Minister des kaiserlichen Hofes für die treuen und unterthänigen Gefühle und für das ausgedrückte Beileid danken. — Von den Wehrpflichtigen Rußlands im Jahre 1863 waren, wie die soeben bekannt gegebene Statistik des Kriegsministeriums mittheilt, 6,4 Prozent Juden; in die Armee eingestellt wurden unter insgesammt 257,674 Mann 16,233 Juden. — Im Alter von 42 Jahren starb am 24 v. Mts. in Reval der Gouverneur von Esthland, Fürst Schachowskoj. Als treuer Gesinnungsgenosse Skobelew's war Schachowskoj von blindem Hasse gegen die Deutschen und Juden erfüllt Sein Losungswort lautete: Orthodoxie und Russenthum. Als Revisor zur Erforschung der Gründe, welche die Judenkrawalle hervorgerufen hatten, legte Schachowskoj eine beispiellose Parteilichkeit an den Tag. — Die berühmte amerikanische Schauspielerin Letta Merdith beabsichtigt, zum Judenthuw überzutreten, um einen jungen New-Aorker Israeliten Namens Lipman zu heirathen. Sie befindet sich augenblicklich in Cleveland, O. Die Ceremonie des Uebertrittes soll im New-Iork in Gegenwart der Eltern Lipman's erfolgen. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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