Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1894)
- Date
- 1894-11-16
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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58. Jahrgang. Nr. 46. Weiter ge ^XX $}XWXXilltlXh0tX+ «erlm. 16. November 189^. zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 12. November. In der am 11. er. stattgehabten Sitzung der Repräsentantenversammlung ertheilte die Versammlung ihre Genehmigung zu der Annahme zweier Stiftungen, die zu je 12,000 M. Herr I. Machol und Frau Hermann Meyer der Altersversorgungs-Anstalt zugewendet haben. Seitens der Spender ist daran die Bedingung geknüpft, cm ihren Sterbetagen das Kaddischgebet sprechen zu lassen, eine Gedächtnißtafel anzubringen, und daß eventuell Verwandte den Vorzug haben. Auf Antrag des Vorstandes soll ein Fonds gebildet werden für die Haftpflicht bei etwaigen Unfällen auf den Gemeindegrundstücken. Der Vorstand schlägt vor, zu diesem Zweck eine jährliche Summe von 1000 M. festzusetzen. Namens des Ausschusses plädirt jedoch Herr Martin Simon, die Sache einer Versicherungs-Anstalt zu übergeben, welcher Antrag nach längerer Debatte mit großer Mehrheit angenommen wurde. Die Wahl der Gesellschaft soll dem Vorstand überlassen bleiben Namens der Baukommission unterbreitet Rechtsanwalt Tiktin der Versammlung einen vom Vorstand zur Zeit eingebrachten und von der Baupolizei bereits genehmigten, Plan, wonach eine Parzelle vom alten Friedhof in der Hambnrgerstraße abgetrennt und mit dem Grundstück der Knabenschule zu dem Zweck vereinigt werden soll, um daraus eine zur Turnhalle gehörige Baulichkeit zu errichten. Der Antrag wird laut Vorlage angenommen. Es folgt eine Reihe von Bewilligungen, die, namens der Baukommisston, Herr Fränkel beantragt. So werden auf dem Friedhof Weißensee für Schwellenfundamente 242 M. und für Pflasterungen ebendaselbst bis zu 2000 M. bewilligt; außerdem 500 M. für eine Probepflasterung mit Cement. Für den Friedhof Schönhauser Allee werden 1200 M. für die Herstellung einer Abschlußnummer und für Pflasterung des Wirthschaftshofes bewilligt. Außerdem liegt ein dringlicher Antrag vor zur Bewilligung von 416 M. zur Einführung von Gasglühlicht in der Synagoge Kaiserstraße. Der Antrag wird von Herrn Leonh. Sachs als Referent mit dem Hinweis begründet, daß sich erst an den letzten hohen Festtagen aufs Neue herausgestellt habe, wie die Beleuchtung eine wenig genügende wäre. Die Forderung wird genehmigt, worauf der Schluß der öffentlichen Sitzung erfolgt 22 Berlin, 13. November. Heute ist hier der Stadtverordnete Georg Schönflies gestorben, ein Herzschlag hat nach kurzer Krankheit dem Leben dieses um die allgemeine Wohlfahrt hochverdienten Mitbürgers ein rasches Ende bereitet. Georg Schönflies, der ein Alter von nur 53 Jahren erreicht hat, gehörte seit dem Jahre 1802 der Stadtverordnetenversammlung an und zählte zu den eifrigsten und geschäftsgewandtesten Mitgliedern derselben. Er war von der ersten Abtheilung des siebenten Gemeinde - Wahlbezirks mit dem Mandat betraut worden undwirkte insbesondere als Mitglied der Finanzdeputation in eifriger und erfolgreicher Weise. Er gehörte nicht zu den größeren Rednern der Versammlung, sondern diente dem Gemeindewohl in stiller, rastloser Thätigkeit in den Deputationen und Ausschüssen und im 43. Stadtbezirk, der ihm als Stadtverordneten zugetheilt war. Auch als Handelsrichter und als Schiedsmann, sowie als Mitglied des Repräsentantenkollegiums der Reformgemeinde hat der nun Verstorbene sich vorzüglich bewährt. 22 Berlin, 13. November. In Cassels Hotel, Burgstraße 16, fand gestern eine Versammlung statt, behufs Gründung einer jüdischen Lesehalle und Bibliothek, welche einem allgemein gefühlten Bedürsniß entsprechend, später auch zu einem Jünglingsheim erweitert werden soll. Nach eingehenden sachlichen Debatten wurde der von Herrn W. Bambus vorgelegte Plan im Wesentlichen genehmigt. Die Existenz des Vereins erscheint durch den Beitritt des „Vereins für jüdische Geschichte und Kitteratur", der „Benai Brith Logen", der „Humanitätsgesellschaft", des Vereins „Jung Israel" gesichert. Nachdem man sich über das grundlegende Programm geeinigt hatte, wurde der Vorstand des Vereins gewählt, der zunächst aus folgenden Herren besteht: Prof. Dr. M. Philipp so n, erster Vorsitzender, Julius Jsaac, zweiter Vorsitzender, W. Bambus, erster Schriftführer, A. Motzkin, zweiter Schriftführer, Maximilian Heymann, Schatzmeister, D. Wolfs und Dr. Ginsberg, Beisitzer. Außerdem soll jeder der oben genannten Vereine ein Mitglied in den Vorstand deputiren. Zur endgiltigen Berathung der Statuten wurde eine Kommission gewählt; dieselben sollen in spätestens 14 Tagen zur Konstituirung der Generalversammlung vorgelegt werden. Wir freuen uns herzlich, daß ein solches Institut, welches nirgends nothwendiger ist, wie in Berlin, nunmehr durch die zielbewußte Energie jüngerer Kräfte zu Stande gekommen ist und behalten uns vor, die ganze Angelegenheit noch ausführlicher zu erörtern. Berlin, 12. November. Die antisemitische Vereinigung für Norddeutschland hat am Sonntag bei Buggenhagen den Beitritt zu der in Eisenach vollzogenen „Einigung der deutsch-sozialen Partei und der Reformpartei" erklärt. In den von den Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg und Zimmermann für Eisenach aufgestellten Programmpunkten hieß es u. A.: Ahlwardt kann ev. als Hospitant ausgenommen werden. Die antisemitische Vereinigung für Norddeutschland hatte nun am 30. September auf dem dritten Antisemitentage in den Konkordiasälen einstimmig beschlossen, „dem Einigungswerke nur beizutreten, wenn Ahlwardt als vollberechtigtes Mitglied ausgenommen; wird." Mit diesem Antrag blieben die Berliner Delegirten in Eisenach in der Minderheit. In der Versammlung am Sonntag wurde auch ein - Brief Ahlwardts verlesen, der aus dem Gefängniß geschrieben ist, und in dem er die Herren.Liebermann, Zimmermann und Prof. Förster des „Verraths an der antisemitischen Sache und an seiner Person" bezichtigt. Man berufe jetzt schon einen Antisemitentag und warte nicht bis zu seiner Haftentlassung, um ihn zu vergewaltigen. Deshalb beantrage er, den Antisemitentag zu vertagen, bis er auf freiem Fuße sei. Nach langer lebhafter Besprechung wurde beschlossen: „Die Versammlung tritt der. Einigung mit dem Wunsche bei, daß die Gedanken Ahlwardts und Försters bei der Programmberathung Berücksichtigung erfahren." X Bromberg, 10. November. Der Kaufmann H. Aronson in Bromberg ist nach langem Leiden am 5. d. M. verstorben. Er ist der erste Grundbesitzer im Rgb. Bromberg gewesen. Eine blühende Musterkolonie ist die durch ihn geschaffene Wamlitzer Ansiedlung im Kreise Schubin, welche von den Ministern des Handels und der Finanzen bei Gelegenheit ihrer Reisen durch die Provinz dieserhalb seiner Zeit in Augenschein genommen worden. Die Minister haben es nicht unterlassen, dem Schöpfer dieser Kolonie ihre Anerkennung auszusprechen. Sein einziger Sohn ist der Stadtrath Louis Aronson in Bromberg. Lp. Aus dev Provinz Posen, im November. Nach einer Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts steht den Synagogen-Gemeinden das Recht der Steuerfreiheit nicht zu, da nur die gottesdienstlichen Gebäude der vom Staate ausdrücklich aufgenommenen Kirchengesellschaften von Kommunalabgaben befreit sind. Auf Grund dieser Mittheilung ist die Synagogengemeinde in Graudenz für das Etatsjahr 1894/95 nach einem Einkommen aus ihren Gebäuden von 1750 Mark mit 78 Mark Kommunalsteuer veranlagt worden. Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde hat gegen die Veranlagung Einspruch erhoben. Ter Magistrat erkannte an,. daß die Veranlagung der Synagogen-Gemeinde zu Recht erfolgt ist und daß sonach die Abweisung des Einspruchs erfolgen mußte. Er hat sich aber nicht verhehlen können, daß allein auf Grund des Umstandes, daß die Synagogen-Gemeinde nicht zu den „aufgenommenen ttirchengesellschaften" gehört, nicht eine Steuer von Objekten verlangt werden kann, welche thotsächlich keinen Ertrag bringen, zn deren Unterhalt im Gegentheil die Synagogen-Gemeinde erhebliche Opfer bringen muß. Für das Jahr 1394/95 hat die Synagogen-Gemeinde 9500,49 Mk.,