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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-16 · Heft 46 (16.11.1894) · p. Seite 552

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 46 (16.11.1894)
Date
1894-11-16
Page
Seite 552 (sequence 12)
Language
German
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552 Und wenn Sie mich ferner frage», was ich von den Juden halte, die sich taufen laffen, dann sage ich Ihnen: Weg mit Schaden! — Die andern Konfessionen bereichern sich freilich nicht mit diesen Fahnenflüchtigen, — aber für das Judenthum ist diese Verminderung ' eine Bereicherung! Ich sagte Ihnen schon, ich theile die Juden überhaupt in zwei Gruppen: die eine Gruppe der Gleichgiltigen, Blasirten, der Spötter und Mäkler, der Matten und Unwissenden, die sich fragen: sollen wir den Sabbath halten oder nicht? Sollen wir uns taufen lassen oder nicht —? Das sind überhaupt keine Juden. Sie entstammen wohl der jüdischen Rasie, aber es fehlt ihnen der jüdische Adel, das jüdische Herz, es fehlt ihnen der jüdische Verstand, und ihre Vorfahren haben für diese Nachkommen wahrlich nicht die blutgetränkte Märtyrerkroue getragen. Es ist für diese Leute eine unverstandene und unverdiente Ehre, dem Volke anzugehören, das die Bibel schuf. Weg mit Schaden! — Die andere Gruppe aber, das sind die Juden, die ihr Judenthum, wenn auch nicht Alle kennen — so doch lieben! — in jener oft dunklen Liebe, mit der die Mutter ihr Kind liebt oder das Kind die Mutter! Sie ist alt! Sie hat Gebrechen,-sie ist doch seine Mutter! Wird er eine jüngere, schönere eintauschen wollen für seine alte, liebe gebrechliche Mutter? —" Und so ist es mit den wahren Juden. Sie laffen nicht von ihrem Judenthum, und wenn ihnen noch so viele 'Ehrenstellen, Beförderungen und Vergünstigungen von Ferne winken. Und diese wahren Inden bilden den Kern, den ewig unzerstörbaren. Denn das Judenthum ist ewig unzerstörbar wie das Ideal, wie die Wahrheit. Mag es noch immerhin von vielen seiner Bekenner in veralteten Gebräuchen und Anschauungen, wie mit altmodischen Mäntelchen, umhüllt und verhüllt werden, das ist das daran haftende Aeußerliche, je nach der fortschreitenden Läuterung der Menschheit wird auch dieses sich läutern, aber der innere Werth, die unendliche Güte und die unermeßliche Größe der Religion Israels wird von menschlicher Kurzsichtigkeit nicht abhängig, diese ist vergänglich, jene bleibt. Mag scheinbar durch die massenhaften Ueberläufer der Ring der Bekenner immer enger und enger werden, — ist ein Trauring nicht mehr Werth als der Spielreifen eines Knaben? Dieser wird zertreten, jener ist ein Symbol für höchstes Lebensglück und höchsten Lebenswerth und erbt als Zeichen der Treue von Geschlecht zu Geschlecht sich fort. So mag der Ring enger werden, desto werthvoller ist er, — desto widerstandsfähiger und dauernder, . . . und mögen Jahrhunderte darüber vergehen, bis die Völker sich von den Scheuklappen befreien, welche ein konsequentes Verdummungs- und Aufhetzungssystem ihnen (leider immer noch mit erstaunlichem Erfolg!) anlegt-die Zeit wird kommen, wo der Ring Alle umschließt — und so das heiße Gebet der Juden (Oiainu) in Erfüllung geht, das der Verbrüderung der Menschen Ausdruck verleiht. Wie heißt es doch? „Darum hoffen wir auf Dich. Ewiger,-daß Du wegräumest die Götzen von der Erde und all' die eitlen Wahngebilde gänzlich tilgest"-und zum Schluß: „An diesem Tage wird der Ewige König sein über die ganze Erde, an jenem Tage wird der Ewige einzig sein und sein Name einzig." Ich hatte die Welt um mich fast vergeffen ... als ein seltsamer, halb wie von Thränen erstickter Ton mein Ohr traf: „So glauben Sie an den Fortbestand, — ja, an den Sieg des Judenthums —?" „Ich glaube an den Sieg des Lebendigen über das Todte. — Neulich war ich in Hannover. Da, auf dem alten Kirchhof sieht man ein Grab, koloffale Steine decken die Gruft, ein gemeißelter steinerner Mantel legt sich in grandiosem Faltenwurf wie schützend an das Gestein, und auf den Schwellen ringsum steht zu lesen: „Dieses Grab darf in ewigen Zeiten nicht geöffnet werden." Nun — es ist offen! Die koloffale» Steinmaffen sind mittenanseinander geborsten, die Höhle wird sichtbar, das strenge Verbot ist zur Ironie geworden, — wer hat's gewagt? Wer hat's vermocht? Ein Samenkern ist in die Furche gedrungen, und ein Baum ist heraufgewachsen, — eine schlanke, sastquellende Birke hat das todte Gestein gesprengt... Mag Hartes und Herbes das Judenthum mit steinernen Armen umfassen und zu erdrücken suchen, aus seiner Lehre erwächst der „Baum des Lebens" sieghaft empor. Literarische Wittheilungen. ----- Der hebräische Litteratur-Verein „Mekize Nirdamim“ versendet soeben seinen Jahresbericht, dem wir folgende Mittheilungen entnehmen: Die Verspätung im Abschluß dieser Rechnung ist dem Umstande zuzuschreiben, daß wir noch immer hofften, Mittel und Wege zu finden, unsere Bereinsschriften nach Rußland einzuführen. Leider ist uns dies nicht gelungen, wenn auch, wie wir annehmen möchten, die beiden Komitee- Mitglieder in Petersburg die geeigneten Schritte nicht unterlassen haben. Hierdurch aber wird uns die Nothwendigkeit aufgedrängt, sich streng nach den vorhandenen Mitteln zu richten und nur soviel drucken zu lassen, als diese erlauben. Wir wollen aber hoffen, daß, nachdem wir mit dem gegenwärtigen zehnten Jahrgang eine neue Serie von Schriften beginnen, dem Verein. neue Mitglieder zugeführt und somit die Einnahmen sich steigern werden. In jedem Falle erscheinen im zehnten Jahrgange: 1. Das Wörterbuch des Jona ibn Ganach, von Prof. W. Bacher, nach Handschriften in Rom u. Madrid. II. Lieferung. (Neueintretende Mitglieder können die erste Lieferung dieses Buches gratis erhalten.) 2. Einleitung und Register zum Machsor Vitry nebst einer Sammlung von Piutim, welche als zum Machsor Vitry gehörig bereits von Luzzatto erwähnt wurden, jetzt aber erst von Heinrich Brody im British- Museum aufgesunden worden sind. Diese Schrift wird ein selbstständiges Heft bilden, unabhängig von den bereits vorangegangenen fünf Lieferungen des Machsor Vitry. 3. Der Divan Jehuda-ha-Levi's, enthaltend sämmtliche Dichtungen desselben, unter Vergleichung mit Handschriften und seltenen Ritual-Ausgaben, in splendider Ausstattung, dieses klassischen Werkes würdig, erste Lieferung. Es ist uns gelungen, ohne die Kasse unseres Vereins in Anspruch zn nehmen, 'Herrn H. Brovy auf mehrere Wochen nach London und Oxford zu entsenden, um durch denselben zuverlässige Abschriften von den Manuskripten zu nehmen. Die kritische Bearbeitung erfolgt durch denselben, zugleich unter Mitwirkung namhafter Sachkenner. Es sollte ein Jeder, der das Verständniß, oder auch das Gefühl für die Dichtungen eines Jehuda-ha-Levi sich bewahrt hat, dieses neue Unternehmen durch seinen Eintritt in unfern Verein unterstützen. Wir werden bei gesteigerter Theilnahme außerdem in der Lage sein, noch andere bedeutende Schriften für die Drucklegung ins Auge zu fassen; u. A. eine nach Handschriften von Rabbiner Dr. Rosenthal in Breslau kritisch bearbeitete Ausgabe des HSD des R. Tam, deren Nothwendigkeit schon lange vielseitig anerkannt ist. Sprechsaal. ^er Leser wird gebeten, in Nr. 43 S. 540 im „Sprechsaal" folgende Druckfehler zu verbessern: Z. 11 statt „den noch" lies „dennoch"; Z. 35 statt „wortlose" lies „werthlose"; Z. 3 v. u s. Raschi zu 2. an., letzte Z: — pjrnra - ‘■psm Oppeln. Dr. Wiener. * meinem „Kaddisch-Gebete" soll es in Nr. 45 dieser Zeitschrift S. 537, Spalte 1, Zeile 42 anstatt heißen Spalte 2, Zeile 10 anstatt yatiollyol — xaüotixoi und Zeile 39 anstatt HKTfcK Hp — Sp* Dr. Kohn - Jnowrazlaw. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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