Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-16 · Heft 46 (16.11.1894) · p. Seite 551

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 46 (16.11.1894)
Date
1894-11-16
Page
Seite 551 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228087--51268-3274123
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

551 die Geschwister sind im Ausland, die Bekannten wandten .sich mit Verachtung von ihm. und mich führte nur die Pflicht als Arzt zu ihm. Da erfuhr ich auch, weshalb der Unglückliche — denn er war sehr unglücklich geworden — sich hatte taufen lasten: eine junge, verheirathete Christin hatte es ihm zur Bedingung gemacht, für die Erlaubniß, in ihrem Hause verkehren zu dürfen." Eine Pause entstand. Was sollte ich auf diese Sinnlosigkeit antworten. Der Doktor fuhr dann fort: „Ein Anderer, ein Student, ließ sich taufen, um den Neckereien seiner Kameraden zu entgehen, wieder ein Anderer, — dem es nicht leicht wurde, denn er wußte, wie er seine Eltern damit betrübte — um besser Karriere im Juristenfach zu machen, Viele kenne ich, die nur, um in der höheren Verwaltung angestellt zu werden, Christen werden; daß reiche Bankiers ihre Töchter taufen lasten, um adelige Schwiegersöhne zu bekommen, und oft ganze Familien sich christianisiren, um nur nicht mehr zu den Juden gezählt zu werden, das ist ja bekannt —" „Neulich erst versicherte mir ein Buchhändler, ohne Veranlassung aber mit großem Pathos, er wäre Christ, — das machte mich stutzig, ich forschte nach, und richtig war er ein vor wenigen Monaten getaufter Jude. Aber warum berühren Sie diese unerquicklichen Verhältnisse, lieber Doktor? Worauf zielen Sie?" „Darauf," — erwiederte er schnell — „daß bei all' diesen Uebertritten in die andere Konfession immer bestimmte praktische Gründe bekannt werden: Streberthum, Bequemlichkeit, Sinnlichkeit, Stellenjägerei, Feigheit vor dem Antisemitismus — noch nie hörte ich, es sei ein Jude aus Ileberzeugung Christ geworden." Ich schwieg. „Ich bitte, sagen Sie mir: glauben Sie, daß man aus Ueberzeugung vom Judenthum zum Christenthum übergehen kann?" „Warum fragen Sie mich?" „Weil Sie beide kennen. Weil Sie vergleichen können. Ich bitte! Sie wissen nicht, welchen Dienst Sie mir mit der ehrlichen, rücksichtslosen Beantwortung meiner Frage erweisen. Mir — einer ganzen Familie —" Sein Eifer betrübte mich. Es war offenbar, daß er von sich und seiner Familie sprach, daß er die Möglichkeit eines Uebertrittes bereits erwogen hatte. „Sie haben jedenfalls schon mit Anderen davon gesprochen," versetzte ichruhig, haben JeneSie nicht belehren und überzeugen können?" „Mit Missionaren habe ich gesprochen. Mit christlichen Pastoren zum Theil solchen, die so freisinnig sind, daß sie von ihren Glaubensgenossen fast als Ketzer angesehen werden. Je nach dem Lande, nennen sie sich verschieden, und ihre Kirchen, ihre Gottesdienste sind so einfach, daß sie fast nichts mehr enthalten, was unsere angewöhnten Anschauungen verletzen könnte, — ich fühle es, man kommt uns in jeder Beziehung entgegen, man verspricht uns Liebe und noch manches dazu ... man küßt uns brüderlich die Wange und beschenkt uns ... ich könnte Ihnen Dinge erzählen — wie sehr man uns zu gewinnen strebt." „Ich weiß davon," versetzte ich abweisend, „aber von Verlockungen und Verführungen mag ich nicht hören, nennen Sie mir doch endlich, wenn auch nur eine einzige Grundwahrheit, die Sie überzeugen muß, daß Sie mit einem Tausch moralisch und religiös gewinnen." „Man sagt mir: das Christenthum sei eine Erweiterung des Judenthums." „In wie fern?" Mein guter Doktor begann, mir den Gedankengang eines christlichen Missionars zu skizziren, ich kannte alle diese Wendungen und Windungen, — und etwas ungeduldig unterbrach ich ihn: t „Ja. das ist Alles ganz schön, aber ich höre nur Behauptungen nild Meinungen; haben Sie destkl nichts von einer That gehört, von einer unumstößlichen Wahrheit?" „Doch — das Christenthum hat die Kultur und die Religion („des Judenthums" warf ich dazwischen) über die Welt verbreitet." „Verachtet man deshalb die Mutter, weil die Tochter die Ideen der Ersteren verbreitet? Weil die Tochter sich kräftig entwickelt, soll deshalb die Mutter zu Grunde gehen; weil jene lebt, muß diese sterben? Und in der Wiederholung liegt noch keine Erweiterung. Worin besteht denn nun diese „Erweiterung"? Doch nicht in der allmählichen Vermehrung von Dogmen, welche den Widerspruch vieler Christen selbst Hervorrufen? Und was soll denn erweitert werden?" „Doch wohl das Religionsgesetz der Juden," erwiederte er etwas verwirrt. „Das Religionsgesetz der Juden ruht auf zwei unzerstörbaren Säulen: dem Glauben an den einen Einzigen allmächtigen und allgütigen Gott, — kann diese Vorstellung übertroffen werden? — und dann auf dem Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Kann diese Forderung übertroffen werden?" „Man sagt, dieser Ausspruch sei ein neutestamentlicher." „Was geht Sie denn das „man sagt" an, wenn Sie es besser wissen?" „Es wird den Kindern doch so gelehrt." „Den jüdischen?" „Auch den jüdischen, wenn sie einen christlichen Religionsunterricht besuchen." „Und Sie wissen nicht, wo dieser Ausspruch steht?" „Doch," er wurde über und über roth, „in Luthers Katechismus." „Dort habe» Sie ihn gelesen? Nur dort?" Wie ein ertappter Schuljunge sah er vor sich hin. „Gewiß, in Luthers Katechismus steht's, — Luther führt als Belegstelle Matthäus 22, 29 an. Ich weiß nicht, was man von einem modernen Schriftsteller sagen würde, der für ein Citat nicht die Originalstelle, sondern eine Wiederholung derselben als Quelle angeben würde,-jedenfalls sollte es keinen Juden geben, der nicht wüßte, daß dieses unübertroffene und nicht zu übertreffende Gebot einer auf das Höchste entwickelten Moralität, daß dieses wahrhafte Gotteswort „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" im alten Testament steht, im 3. Buch Mose, Kap. 19." — Wir schwiegen eine Weile. Es kochte in mir vor stiller, zurückgedämmter Empörung über diese neue, mir schier unglaubliche und unerhörte Erfahrung von der Unwissenheit eines Juden über den Inhalt seiner Religion. Dann aber begann ich, rücksichtslos wie er es erbeten hatte — „Und nun will ich Ihnen auch sagen: nein! ich glaube nicht,> daß ein Jude aus Ueberzeugung zum Christenthuni übergehen kann! — Vorausgesetzt freilich, daß er sein Judenthum kennt! — Leute wie Sie, die sich einreden lassen, der Ausspruch: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" stände zuerst in Matth. 22, 29, — ja, die mögen sich embilden, einen guten Tausch zu machen, indem sie sich taufen lassen, aber diese Einbildung entstammt der Unwissenheit! Sie ist werthlos, ein Phantom, und die diesem Phantom »achjagen, sind Blinde und Verblendete. Wer sein Judenthum kennt, wer die Sittenlehre desselben voll erfaßt hat und sie nunmehr vergleicht mit anderen ethischen und religiösen Formen, der muß sich sagen: Neues ist wohl hinzugekommen, aber kaum Befferes. Die Menschheit muß immer noch sich an die Lehren der Propheten halten, wenn sie das Ideal erreichen will; und leider ist sie noch weit, weit von diesem alttestamentlichen prophetischen Ideal entfernt . . .

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.