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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-16 · Heft 46 (16.11.1894) · p. Seite 550

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 46 (16.11.1894)
Date
1894-11-16
Page
Seite 550 (sequence 10)
Language
German
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Weiß er denn nicht selbst, wie es bei uns zugeht?" „Er sagte, daß sich vielleicht doch etwas thun ließe." „So sagte er und kennt doch unsre Lage recht gnt . . . Denn — seht Ihr, Alles, das ganze Land erkennt die Nothwendigkeit und den Nutzen unserer Arbeit, — aber außer den leeren Worten der Anerkennung haben wir nichts. Wir sind kaum im Stande, uns zu Hallen; die Kaffe ist leer, und die Ausgaben sind groß. Was können wir da thun." Jizchak erhob sich. „Bleibet doch sitzen, junger Mann," bat der Sekretär. „Ich' möchte gern etwas thun, aber es geht schwer, es ist beinahe unmöglich. Uebrigens werde ich Euch aufrichtig sagen, im besten Falle könnten wir Euch eine momentane Hilfe gewähren; aber was dann?" „Aber es ist nicht anzunehmen, daß ich in Lemberg keinen Erwerb finden soll!" Dies hat Euch ja Bauer schon erklärt. Ich würde anders rathen . . ." „Bitte!" „Unnöthigerweise seid Ihr nach Lemberg gekommen. In der Provinz sind die Verhältniffe erträglicher, denn Alle? drängt nach der Hauptstadt. Was hofft Ihr von einem Aufenthalt in Lemberg?" Jizchak saß wie versteinert. Der Sekretär aber fuhr nach einer kleinen Pause fort: „Ich spreche offen zu Euch, denn Ihr seid ein erwachsener Mensch. Gebt Euch keinen Täuschungen, keinen sanguinischen Hoffnungen hin. Das Leben ist nicht der Traum des älteren Bauer. Das Beste für Euch wäre, jetzt in Eure Heimathstadt zurückzukehren. Dort müßtet Ihr sogleich eine praktische Beschäftigung angreifen. Ein Handwerk oder den Ackerbau." Jizchak ging zur Thür. Im Hausflur richtete er sich in die Höhe und fuhr sich über die Stirn. „Und wenn dieser Herr Recht hätte?" überlegte er. „Vielleicht ist das nurDummheit und Eigendünkel von mir? Was nützt es, daß ich höher steigen will, wenn es nicht geht und vielleicht auch nicht nöthig ist; vielleicht habe ich in der That den unrichtigen Weg erwählt? Sollte ich doch umkehren? Aber wohin denn eigentlich? Werde ich denn dort wirklich jenen Weg einschlagen können, den mir jener Herr empfohlen hat? Nein, nein, dort wären tausend Hinderniffe und Schwierigkeiten. Jenes entflieht mir übrigens nicht. Hier habe ich erst wenige Schritte gemacht und sollte schon zurückschrecken? Das hieße ja Feigheit!" (Fortsetzung folgt.) Gwe Spazierfahrt. Bon Nahida Remr>. II. ie Nachmittagsfahrt sollte unterbleiben. Der Besuch des Arztes war nicht mehr nöthig ... der Engel des Todes hatte seine dunklen Fittige über das Lager des Kranken gebreitet und seine Seele still und sacht hinübergeführt ins unbekannte Reich des Jenseits. Dennoch hielt zur verabredeten Zeit der Wagen vor der Thür, und statt die Frage des Staunens von Seiten seiner jungen Frau zu beantworten, erhob sich der Doktor rasch, legte mir den Mantel um und bat, wir mögen gehen. Es lag etwas Dringliches in seiner hastigen Art und Weise, das mir nicht eben angenehm auffiel, aber zugleich frappirte mich die unausgesprochene, aber deutliche Bitte in seinem Blick: „Ich muß Sie allein sprechen." Der Wagen rollte über das flache Land dahin; so weit der Blick reichte, kein Mensch, kein Tbier, nur niedriges Strauchwerk und stachlige Hecken, hin und wieder ein herbstlich gefärbter Baum, oder eine Pfütze, ein Graben am Wege. Wahrlich, um Naturschönheit zu bewundern, wurde ich nicht hier herumkutschirt. Die originelle Situation machte mich lächeln. „Nun, Doktor?" „Ich möchte Ihnen von dem eben Verstorbenen etwas erzählen." „Ganz nach Ihrem Herzen. Stand er Ihnen näher?" „Das nicht. Aber sein Schicksal hatte mein besonderes Jntereffe erweckt. Wir waren Glaubensgenoffen und Studienfreunde. Er stammte wie ich, von frommen jüdischen Eltern und erhielt wie ich. jüdische Erziehung, das heißt, eine solche mehr nach moderner Art. Vom Talmud und dergleichen wußten wir nur noch vom Hörensagen, und die ererbten alten Folianten mit den verschiedenen, oft vernommenen feierlich berühmten Namen — More Nebuchim, die verschiedenen Midraschim u. s. w. — hatten auf uns nur die Wirkung, uns in respektvoller Entfernung von ihnen zu halten. Wir lernten zwar hebräisch, rrm die Gebete hersagen zu können, aber wir verlernten es auch ziemlich rasch, und wenn wir uns auch die Fertigkeit bewahrten, die steifen, starren Quadratbuchstaben herunterzulesen, so verstanden wir doch das gelesene Wort nicht mehr. Es blieben Töne ohne Sinn, und nicht selten kam es vor, daß wir Knaben uns über die früher fleißig geübten Kehl- und Nasallaute lustig machten —" * „Sie hatten kein Verständniß für das Alles und daher auch keine Pietät." „Unsere Väter lebten nicht mehr, und unsere Mütter wußten selbst nichts mehr von diesen Dingen, so kam es wohl. — Jener aber, als er mündig geworden, ließ sich taufen, merzte die Schlnßsilbe seines Namens aus und nannte sich nur noch Rosen, lebte bald hier, bald dort als Photograph, dann als Kaufmann, als Reisender; eine Zeit lang versendete er goldgeränderte Visitenkarten, auf denen er als Sekretär einer dichtenden Fürstin aufgeführt war und dem „Rosen" ein kleines „v." voranging. Dann hörte man lange nichts von ihm, und vor einem halben Jahr kehrte er sterbensmüde aus Amerika zurück. Er hatte sich mit einer gewissen Brutalität und in voller Absicht alle seine Verwandten und früheren Freunde entfremdet. Wenn er seiner eigenen Mutter begegnete, sah er sie nicht an, um sie nicht grüßen zu müffen." „Unmöglich!" „Die alte Frau selbst hat es mir erzählt. — Und diesen Menschen trieb schließlich doch das Heimweh nach den Seinen zurück, — aber es war zu spät. Die Mutter lag längst unter der Erde,

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