Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1894)
- Date
- 1894-11-16
- Page
- Seite 549 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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5,49 e.— gg w 1 FEUILLETON 1 ~^j| — MMnWMllllilMLMiUlIMMMÜIMmMWIMslMWMWMIßMMMWWfMjM --1 —1 sbI Wer Iudenzunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmann. (Fortsetzung.) V. ML ii der Mittagsstunde des nächsten Tages fand er sich wieder fUP bei Moritz ein. Der aber entschuldigte sich höflichst, daß er ihm jetzt wegen Andranges wichtiger Beschäftigungen nicht dienen könne und bat ihn» Abends zu kommen. Den größten Theil des Tages schleuderte Jizchak in den Straßen umher. Die große Stadt hatte ihn betäubt. „Das heißt eine große Stadt," wiederholte er sich, andächtig mit dem -Kopfe nickend; Nachmittags ging er zu Moritz. Dieser war im Gespräche mit einem Freunde begriffen und schloß, auf den bescheiden an der Schwelle stehenden Kaftanjuden zeigend: „Siehst Du mein Lieber, daß ich kein Theoretiker bin." „Dies mache ich Dir nicht zum Vortvurf. Was wirst Du aber mit dieser Bescheerung anfangen?" „Wir werden ihn erziehen." „Wieso?" „Im Geiste unserer Prinzipien." „Darum handelt es sich eben. Welche werden aber Deine Grundsätze morgen sein? Gewiß von den heutigen ganz verschieden." „Ah!" sprach Moritz ganz entrüstet. „Für wen hältst Du mich?" „Beweise mir. daß ich im Unrecht bin," schloß der Zweite zum Abschiede. Jizchak hatte dieses Gespräch verstanden. Er war nicht wenig erfreut, als Moritz noch einmal wiederholte, daß er ihm seine, freien Stunden widmen wolle, und daß er ihm sowohl seine Bibliothek, als auch seinen kleinen Wiffensvorrath zur Verfügung stelle. „Aber ich bitte Sie, Herr," begann er nach einer Weile, „das, was Ihr. mir da versprecht, ist die Erfüllung meiner heißesten Wünsche, aber um von Eurer Güte Nutzen zu ziehen, muß ich zum Leben haben. ..." „Das ist eben das Wichtigste. ..." Stille und Nachdenken herrschten einen Augenblick im Zimmer. „Ich." begann Jizchak, „habe gehofft, hier Arbeit zu finden. Lemberg ist eine große Stadt, ist es hier so schwer, eine ehrliche Beschäftigung zu erhalten? Wenn mir nur einige freie Stunden zum Lemen bleiben, die Arbeit schreckt mich nicht ab." „Was könnt Ihr denn?" frug Moritz. „Ich, .... darin liegt eben das Schlimme, ich verstehe nichts." Moritz begann aufs Neue seinen Spaziergang durchs Zimmer. „Ach, diese Juden, diese Juden, wie erziehen sie doch ihre Kinder!" rief er zornig. „Aber habt Ihr denn bis jetzt kein Handwerk geübt?" „Nein." „Vielleicht Handel getrieben?" . „Nein." „Unterricht ertheilt?" „Nein." „Seid Ihr gesund und kräftig?" „Nicht besonders." . „Versteht Ihr die Buchführung?" „Nein." „Zum Teufel!" rief Bauer, „was denn sonst?" , Jizchak ließ den Kopf sinken. „Ich weiß, Herr, daß ich zu nichts tauge. — Ist dies jedoch meine Schuld?" „Das sage ich nicht.... Es ändert aber nichts an der Sache." „Was mich betrifft, bin ich zur schwersten Arbeit bereit." ‘ „Ja, aber Ihr versteht keine, und heute kommen selbst Fachleute schwer daran. Es sind harte Zeiten jetzt." Wieder schwiegen Beide. „Wißt Ihr," sprach endlich Moritz, „wir haben hier in Lemberg einen Verein, der sich die Assinnlirung der Jude» zmn Ziel gesetzt hat; eines seiner Mittel zur Erreichung dieses Zweckes ist die Erziehung der Inden. Ich rathe Euch, sich in die Kanzlei dieses Vereins zu begeben und dort Eure Angelegenheit vorzubringen." „Kann ich als Fremder ohne Empfehlung hingehen?" „Ja. Eure Lage wird am besten für Euch sprechen. Ich kenne zwar die Mitglieder sehr gut, aber ich kann dort nichts bewirken .. aus persönlichen Gründen." Er verschwieg, daß der einzige Grund in seiner gekränkten Eitelkeit lag. Er grollte, bei den letzten Wahlen in de» Ausschuß des Vereins übergangen worden zu sein. Es blieb also dabei. „Was treibt Ihr inzwischen?" fragte Bauer zuletzt. „Ich lerne." „Das ist wieder ein Kreuz. Vorläufig kann ich Euch darin nicht behilflich sein. Arbeitet allein, so weit es möglich ist, trachtet polnisch zu redeiß laut zu lesen, bei den weiteren Studien werde ich Euch helfen; herzlich gern." — Er reichte ihm die Hand und geleitete ihn zur Thür. VI. Um die Mittagsstunde des nächsten Tages begab sich Jizchak in die bezeichnete Kanzlei. Er klopfte an die mit einem Schilde, auf welchem in polnischer und hebräischer Sprache der stolze Name des Vereins prangte, ver- - sehene Thür. Bitte! Das Büreau, welches Jizchak nun betrat, sah ziemlich ärmlich aus. Einige Schreibtische und Schränke, mehrere Bilder und Zeitungsbündel füllten das enge Stübchen aus. Auf dem, von einem halben Dutzend Stühle umgebenen Tisch machten sich zwei junge, lebhaft plaudernde Herren breit. „Guten Morgen!" sprach Jizchak. Einer von ihnen sprang herab. „Was wünschen Sie?" fragte er den Ankömmling in polnischer Sprache. „Ich, Herr," antwortete Jizchak in seinem Jargon, „ich wollte mich erkundigen ...." Der junge Herr gerieth plötzlich in Zorn, der Zweite aber begann zu lachen. „Ich bitte hier polnisch zu reden," rief Jener. „Hier ist kein Jahrmarkt und kein Cheder." Jizchak wurde bleich. „Ich kann aber nicht gut polnisch sprechen." '' „Und wir verstehen kein Jüdisch . ..." „Das ist unerträglich.... Er lebt im polnischen Lande, ißt "polnisches Brod und spricht kein Polnisch .... nicht einmal in unserm t Büreau!" rief der Letztere empört.