Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1894)
- Date
- 1894-11-16
- Page
- Seite 548 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Ü48 Vorsitzender des Vereins, und Herr Jakob de Jonge, als Präsident des Vorstandes der Syuagogen-Gemeinde, in warm empfundene, von Herzen kommende und zu Herzen gehende Worte. Zu Ehren des Gastes hatte der Vorstand des Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur im Hotel Kaufmann ein gemeinschaftliches Abendessen veranstaltet, welches einen sehr glücklichen Verlauf nahm.») Zum Schlüsse meines heutigen Briefes erwähne ich noch der kürzlich hier stattgehabten Jahresversammlung des „Vereins zur Verbreitung des Handwerks unter den Juden". Nach beendigten Verhandlungen besuchten die fremden Theilnehmer an der gut besuchten Versammlung unter Führung der Vorstandsmitglieder des Lokal-Komitees Köln das Hierselbst neu geschaffene Lehrlingsheim. welches bereits 16 Lehrlinge und einige Schüler der hiesigen gewerblichen Fachschule zu Insassen hat. Die vortrefflichen Einrichtungen des Hauses und die musterhafte Leitung deffelben, welche in den Händen von Herrn und Frau Julius Herz ruht, fanden mit Recht die größte Anerkennung der Besucher. Der so überaus wohlthätig wirkende Verein und das von ihm ins Leben gerufene Lehrlingsheim, woselbst die jungen Leute zu brauchbaren, tüchtigen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft erzogen werden, verdient die größte Förderung und Unterstützung seitens unserer Gemeindeangehörigen. n. M. ygg* Ueber Wshlthätigkeit. it der fortschreitenden Kultur hat sich auch der Sinn für die Wohlthätigkeit entwickelt, d. h. der Sinn für jene Wohlthätigkeit, die wir die organisirte nennen. Ueberall, in Sicht und Kommune, begegnet man Humanitären Bef strebnngen; man hält sich für verpflichtet, den wirthschaftlich Schwachen zu unterstützen, und wohl alle zivilisirten Staaten haben durch die Gesetzgebung diese Verpflichtung anerkannt. So rühmenswerth diese Bestrebungen an sich auch sind, so sollen sie doch nicht zum Gegenstand der folgenden Betrachtungen gemacht werden; nicht von der organisirten Wohlthätigkeit, die immerhin doch mehr eine solche des Verstandes ist, sondern von der durch das gute Herz diktirten, speziell von der jüdischen Wohlthätigkeit wollen wir in Nachfolgendem reden. „Werkthätige Menschenliebe ist der heiligen Schrift Anfang und Ende" heißt es Sota 14a, und diese werkthätige Menschen- und Nächstenliebe ist bei uns Juden traditionell, wenigstens war es so bis in die neuere Zeit hinein. Leider machen sich auch auf diesem Gebiete allzustraffe Organisations- oder Reformbestrebungen geltend; jüdisches Wohlthun kam: und darf sich aber nicht an bestimmte Formen binden, sonst verliert es den Anspruch darauf, spezifisch jüdisches Wohlthun zu sein. Wenn man auch sonst oft mit Unrecht von der guten alten Zeit spricht, sie zurücksehnt, so können wir gerade auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit von ihr, der guten alten Zeit, mit Wehmuth reden, indem wir leider eingestehen müffen, daß Vieles auf diesem Felde schlechter, viel schlechter geworden ist. Wie schön war die alte, patriarchalische Sitte der Gastfreundschaft, geübt an armen Glaubensgenoffen! 1) Auch aus Hannover, Karlsruhe, Bochum und Hörde erhalten wir ausführliche Berichte über den großen und nachhaltigen Eindruck, den dort die Vorträge des Herrn Prof. L. in den Litteraturvereinen zurückgelassen haben. Leider fehlt es uns an Raum, um alle diese Berichte in extenso abdrucken zu können. Die Red. - Wenn, die Sabbath- oder Feiertagslichte brannten, der Tisch gedeckt war mit weißem Linnen, geschmückt mit Gold- und Silbergeräthen im Hause der Reichen: den schönsten Schmuck der Tafel gaben stets die Armen ab, denen man das gastliche Haus geöffnet, denen man — die sonst heimathlos waren — ein Heim bereitet hatte, nicht achtend auf ihr schäbig Gewand! Hellte glaubt man der Verpflichtung, welche der Reichthum auferlegt, zu genügen, wenn man von seinem Ueberflllß einige Hunderte oder gar einige Tausende hergiebt, wenn man sich an Wohlthätigkeitsbazareu, an Wohlthätigkeitskonzerten betheiligt, oder wenn man einem Wohlthätigkeitskomitee beitritt, einer Armenverwaltung angehört und ab. und zu eine oder gar zwei Stunden sich der Berathung von Arnienangelegenheiten widmet. Man schämt sich heute vielfach, der Armuth ins Gesicht zu schauen; man ist gern wohlthätig, aber „iu »bsentiu" der Armen. Für echte und rechtejüdische Wohlthätigkeit giebt es keine Norm. Es wird jetzt so viel von Centralisation der Wohlthätigkeit gesprochen, darnach gestrebt. Jüdische Wohlthätigkeit läßt sich nicht centralisiren; Jeder gebe nach seiner Kraft, nach seinem Können, aber er gebe selbst. Der stete Verkehr mit dem Bedrängten gleicht einem lebenden Quell, der immer aufs Neue zum Geben anregt und das Geben zu einem Segen für den Gebenden wie für den Empfangenden gestaltet. Der von Sorgen schwer Beladene muß empfinden, daß ihm gern gegeben werde, ohne daß auf Dank, oder, was noch schlimmer als Aeguivalent für die Gabe, gar auf eine Demüthigung Anspruch erhoben wird. Wie schön und echt jüdisch gedacht sind die Worte des Nathan, mit denen er die Bedenken der Daja beschwichtigt: „Nimm du, so gern, als ich dir geb'" (Nathan der Weise, Aufz. 1, Aust. 1). Gern geben, mit dem Herzen geben, ist echtes und rechtes jüdisches Geben. Ganz sonderbar ist es, wenn mau einem jugendlichen Bedürftigen, den der Hunger plagt, sagt: „Dich können wir nicht unterstützen, Du bist ju jung!" Oder, wenn nian gar erst „weise" prüft, ob der Hungrige auch ja „würdig" ist, oder ob er ,,ortsangehörig" ist! Das Recht, zu leben und daher auch das, zu effen hat Jeder, und keine Bedenken darf es geben, wenn es gilt, den Hungrige» zu sättigen. „Es komme jeder Hungrige und esse", heißt es in der Hagadah, und das ist echt jiidisch, und danach handelt, ihr Reichen! Wer wirkliche Wohlthaten üben will, halte den Taumelnden im Falle auf, warte nicht erst, bis er liegt; denn, wer gefallen ist, hat sich oft schon schwer verletzt, dem ist oft nicht mehr zu helfen. Helft, ihr Begüterten, wo ihr irgend helfen könnt, helft schnell, denn „schnelle Hilfe ist doppelte Hilfe", wie ihr wißt. Schön ist es, dem von dem Pfade der Tugend Abgewichenen die Hand zu reichen, um ihn der menschlichen Gesellschaft wieder zu geben, noch schöner aber ist es, wenn man Strauchelnde durch rechtzeitiges Eingreifen vor dem Verfall bewahrt; und wie gar oft könnte dies geschehen! Seid rücksichtsvoll dem Armen gegenüber, seid milde gegen den Abgeirrten! „Liebe ist mehr als Spende von Almosen, Almosen erlangen erst ihren Werth durch Liebe." (Sucka 49d.) Darum, ihr vom Glück Begünstigten: Schämt euch nicht der Armen, bleibt mit ihnen in stetem Verkehr, und eure Herzen werden darob vollste, reinste Befriedigung enipfinden. Ihr könnt euren Altvordern die beste Pietät bewahren, wenn ihr ihnen in echt jüdischem Wohlthun nacheifert. Oeffnet ihr Reichen den Armen nicht nur eure Börsen, nein, . öffnet ihnen vor Allem auch eure Herzen! A.