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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-16 · Heft 46 (16.11.1894) · p. Seite 547

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 46 (16.11.1894)
Date
1894-11-16
Page
Seite 547 (sequence 7)
Language
German
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giebiges, wohlklingende? Organ (Bariton), verbunden mit einer sehr deutlichen, stets textgemäßen Vortragsweise, läßt ihn als Vorbeter und Sänger Mustergiltiges leisten. Der Synagogen-Chor war gelegentlich der Schlußfeiertage durch einen jugendlichen Sänger von ganz hervorragender stimmlicher und gesängstechnischer Tüchtigkeit bereichert. Der angehende Künstler, einer der besten Schüler unseres Konservatoriums, Herr Hugo Israel, ist im Besitze einer selten schönen, ausgiebigen Tenorstimme, welche gelegentlich des Vortrages der Soli im Min Hamezar und Lecho dodi die ungetheilte Bewunderung der dicht geschnürten Synagogenbesucher fand. Eine sehr ehrenvolle Künstlerlanfbahn dürfte dem vielversprechenden Sänger, welcher sich der Bühne widmet,' in Aussicht stehen. — Mit dem Sukkoth-Feste sind Lulav und Esrog innig verbunden; nun soll es zuweilen vorgekommen sein, daß die erwarteten Sendungen jener vor Sukkoth vielbegehrten und gut bezahlten Esrogs sich verspäteten und erst nach dem Feste eintrafen, deshalb sagt man auch häufig: Nach Sukkoth kommen die Esrogim. Dieses Mal kamen sie hier allerdings vor dem Feste, aber in solcher Menge, daß in den letzten dem Feste vorhergehenden Tagen der Markt völlig deroutirt war. So konnte es denn geschehen, daß ich am Festtage bei einem Besuch, den ich einem, nichts weniger als orthodox gesinnten Glaubensgenoffen machte, in dessen Salon auf einem Nebentischchen einen sehr schönen Esrog prangen sah. Verwundert fragte ich den Mann, wie er denn an diese, sonst sehr selten bei ihm anzutreffende Frucht komme? „Ganz einfach," erwiederte er, „ich habe es des billigen Preises wegen, als „Mezie" gekauft, man offerirte es mir für 50 Pf., und da konnte ich nicht widerstehen." — Der Mann hatte sich trotzdem verrechnet, denn der Preis sank bis auf 20 Pf. das Stück, und so blieben die Esrogim auch nach Sukkoth noch angeboten. Unmittelbar nach den Feiertagen hat der „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" Hierselbst seine, auf die Wintermonate beschränkte Thätigkeit wieder ausgenommen. Dieser Verein hat sich hier sehr eingebürgert und festen Boden gewonnen. Der erste öffentliche Vortrag fand statt am Donnerstag den 1. November im großen . Saale der Lesegesellschaft. Herr Geh. Regierungsrath Profeffor Dr. Lazarus aus Berlin war der Einladung des Vorstandes gefolgt und hielt einen hochinteressanten Vortrag über das Thema: „Eine völkerpsychologische Betrachtung des Judenthums." Es war ein glücklicher Gedanke der Vereinsleitung, mit diesem Vortrage die eigentliche Winterkampagne einzuleiten; eine bessere Wähl hätte schwerlich getroffen werden können. — Nachdem in den letzten Monaten, anläßlich des siebzigjährigen Geburtstages von Lazarus, wohl alle Zeitungen die hervorragende Bedeutung dieses Gelehrten übereinstimmend hervorgehoben hatten, war hier wohl Jeder gespannt, nunmehr den gefeierten Mann reden zu hören, um sich über die ganze Persönlichkeit selbst ein Urtheil bilden zu können. So bot denn der weite Saal, der zweitgrößte Kölns, sammt den sehr geräumigen Galerien, kaum Raum für Alle, die da gekommen waren, zu hören und zu lernen — hin und wieder auch nur, um zu sehen und gesehen zu werden. Der gefeierte Gast des Abends kam, sprach und errang mit seinem unvergleichlichen Vortrag einen Sieg, wie er schöner und vollkommener nicht gedacht werden kann. Profeffor Dr. Lazarus hat eine ganz eigenartige Vortragsweise; er spricht über die gelehrtesten Dinge, die schwierigsten Materien der Wissenschaft mit einer solchen auch dem Laien verständlichen Klarheit, seine Schlußfolgerungen aus gegebenen Verhältnissen gestaltet er so selbstverständlich, daß dies Alles dem Zuhörer, auch wenn er diesen Dingen bisher ziemlich fremd gegenüber stand, einleuchtend und faßlich wird. Mit Zaubergewalt weiß er seine Hörer an seine Ausführungen zu fesseln, sie folgen aufmerksam dem hohen Gedankenfluge seines scharfsinnigen Geistes, und indem er Bilder aus der jüdischen Geschichte aller Jahrhunderte entrollt 'und sie mit gleichzeitigen Erscheinungen der Geschichte anderer Völker in Vergleich bringt, entwickelt er, leicht verständlich für Jedermann, seine, hauptsächlich von ihm, in Verbindung mit seinem Freunde, Profeffor Dr. Steinthal, zuerst aufgestellten und volksthümlich gemachten Lehren der Völkerpsychologie, oder der vergleichenden Geschichtswiffenschaft. Seine Ausführungen gipfelten in einer Verherrlichung der erhabenen Ideen, des Judenthums und der Bibel, vom wissenschaftlichen Standpunkt aus. Er wies überzeugend nach, daß die Bibel und das Schriftthum des Judenthums eine Fülle von Gedanken enthalten, welche in viel spätem Jahrhunderten in den epochemachenden Entdeckungen und Lehren der hervorragendsten Männer der Wiffenschaft wiederkehren. Mit einigen besonders bezeichnenden Beispielen bewies der Vortragende diese Behauptung. So heißt es in der Bibel im 2. und 5. Buch Moses: „Wenn du dem Esel deines Freundes, oder gar deines Feindes begegnest, und er sinkt unter der ihm aufgeladenen Last zusammen, so sollst du ihm wieder aufhelfen und ihm beistehen." „Du kannst dich dem nicht entziehen," wie es weiter heißt. Mit Recht erblickt Redner in diesem so charakteristischen Nachsatze, welcher eine eigentliche Begründung der vorhergehenden Vorschrift darstellen soll, die erste Bethätigung der Lehre vom „kategorischen Imperativ", welche der große deutsche Philosoph Immanuel Kant aufgestellt hat. — Die Vererbungstheorie, als deren Hauptvertreter und Verkünder der große englische Naturforscher Charles Darwin betrachtet werden muß, besteht in der Lehre des Judenthums schon seit 4000 Jahren. Will man in der Bibel die Nachkommen großer, verdienter Männer rühmen, so heißt es stets: „Und ihre Nachkommen wandelten in den Wegen ihrer Väter"; das „Sechus Owaus", das Gedenken der Verdienste, kstr edlen Thaten der Vorfahren, war stets und zu allen Zeiten geheiligter Brauch und herkömmliche Sitte im Judenthum. Ja, heute noch segnen die jüdischen Väter ihre Söhne mit dem Segen, „welchen einst Jakob gesprochen über Ephraim und Menascheh." Ein solcher Segensspruch schlägt eine geistige Brücke über eine 4000jährige Vergangenheit mit der Gegenwart. Redner vergleicht das auf unsere Zeit Ueberkommene aus der Blüthezeit der Griechen und Römer mit dem, was das Judenthum der ganzen Menschheit überliefert hat, und gelangt zu dem Schluffe, daß unsere ganze sittliche Weltordnung, die gesammteu gesellschaftlichen Verhältuiffe sich aufbauen auf den unvergänglichen für alle Zeiten maßgebenden, grundlegenden Lehren des Judenthums, der alten, unvergänglichen Bibel. Durch alle Stürme der Geschichte, durch die dunkelsten und trübsten Zeiten der Vergangenheit hat das Judenthum dieses göttliche Kleinod bewahrt und der Gesammtmenschheit erhalten bis auf unsere Tage, und heute bilden die alten Lehren der Bibel noch den sichersten Wall gegen gewiffe, gegen die gesellschaftliche Ordnung gerichtete Bestrebungen, wie solche in unfern Tagen vielfach in die Erscheinung treten. So läßt die vergleichende Geschichtslehre erst recht den Werth des Judenthums und seiner Lehren für die Gesammtmenschheit erkennen; ihm entstammen, als der einzige» Religion des Alterthums, mächtig sich ausbreitende Töchterreligionen, welche die alte, jüdische Bibel in ihr Schrifthum aufgenounnen haben, und für welche die alten, jüdischen Psalmen und „Sprüche der Väter" für alle Zeit eine Quelle der Erbauung und Belehrung bilden. Wir können an dieser Stelle leider den herrlichen Vortrag des berühmten Redners nur in allgemeinen Umriffen darstellen. Den Dank der begeisterten Zuhörer und Zuhörerinnen kleideten Herr Rabbiner Dr. Frank, als

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