Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1894)
- Date
- 1894-11-16
- Page
- Seite 546 (sequence 6)
- Language
- German
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546 anständigen jüdischen und christlichen Bankiers, denen vor solchen Kollegen angst und bange ist, verdienen. Die Regierung wird zweifellos diese Frage in der neuen Börsenordnung prüfen, und ob sie nicht von den Bankiers, welchen das Vermögen und damit Wohl und Wehe ganzer Familien anvertraut wird, eine Art Befähigungsnachweis, welcher sich auf Vorleben, kaufmännische Vorbildung und Mittel erstrecken müßte, verlange» wird, steht noch dahin. Und ganz abgesehen hiervon, braucht nur darauf hingewiesen zu werden, mit welchen Fährlichkeiten ein nicht mit Millionen arbeitender Bankier, in der Provinz namentlich, zu kämpfen hat, um seine Position zu behaupten, wie erschreckend die Konkurrenz in allen kaufmännischen Gebieten gewachsen ist, sodaß Unzählige trotz aller Kenntniste und Vorzüge stellenlos bleiben, oder Schiffbruch leiden, wenn sie sich selbstständig machen. Eine ganz bekannte Thatsache ist ferner, daß der Versuch, die freie Advokatur einzuschränken und den nninerus clausus einzuführen, vornehmlich in dem unverhältnißmäßig starken Zuwachs der jüdischen Anwälte in Berlin seinen Anlaß hat. Es ist hohe Zeit, daß diese Erscheinung berücksichtigt und gebührend gewürdigt wird. Die Meinung der Eltern, daß es bei so vielen Anwälten auf einen mehr oder weniger nicht ankommen könne, ist zur Zeit unberechtigt. Den Anwälten selbst kann eine etwaige, anscheinend ja glücklich abgeschlagene Monopolisirung nur Vortheil bringen, wenn sie also warnend auftreten, so ist für den Verdacht, daß sie pro ckomo sprächen, kein Raum. Viele erfahrene und objektiv denkende Kollegen sehen der immer mehr sich steigernden Anzahl jüdischer Anwälte wegen mit Sorge in die Zukunft. Wetze den Kindern und Enkeln, wenn nicht in absehbarer Zeit Wandel geschaffen und dem übermäßigen Zudrang zur Advokatur Einhalt geboten wird. Ganz analoge Zustände herrschen bei den Aerzten. Auch htzer zeigt sich Ueberfllllung, und eine Anzahl unangenehmer in die Qeffentlichkeit gedrungener Fälle weisen darauf hin, daß von den Ausnahmefüllen besonders hervorragender Tüchtigkeit abgesehen, es kaum angeht, das medizinische Studium als eine Freistätte für alle überschüssige Intelligenz anzusehen. Die geringe Anzahl jüdischer Richter, welche konsequent und charaktervoll genug sind, ihren Glauben nicht ihrer Karriere zu opfern, sieht sich fortwährend angefeindet, und das Ergebniß des Ansturms der Generalsynode gegen sie bleibt abzuwarten. Also überall, wohin wir sehen, verlieren die geistigen und finanziellen Berufe bei näherer Betrachtung viel von ihrem verlockenden Glanze, und die Eltern und Vormünder können überzeugt sein, daß ihre Kinder und Pflegebefohlenen materiell und sozial sich nicht schlechter stehen werde», wen» sie der produktiven Arbeit sich zuwenden, als wenn sie studiren oder Kaufleute werden. Denn Handwerk und Ackerbau bieten wegen ihres weitern Gebietes naturgemäß einer weit größer» Zahl sichern Erwerb, und die Bestrebungen nach Einführung des Befähigungsnachweises würde», wenn sie erfolgreich würden, hieran auch nichts ändern. Der Gesammtheit der Juden wird jedenfalls durch einen stärkern Zuwachs von Arbeitern, Handwerkern und Landwirthen ein großer Dienst geleistet. Und zur praktischen Lösung der Judenfrage trägt nach meiner festen Ueberzeugung ein jüdischer Dachdecker mehr bei als 10 Bankiers, ein jüdischer Ackerknecht mehr als 10 Rechtsanwälte, und ein jüdischer Kanalarbeiter mehr als 10 Kauflente. Darum müssen die religiösen und sozialen Bedenken, welche bislang verhinderten, daß unsere Glaubensgenossen in größerer Zahl sich der produktiven Arbeit zuwandten, energischer noch als bisher bekänipft und ihr Uiigrund immer von Neuem dargcthan werden. Eine ganze Reihe von Städten hat ja schon Einrichtungen zur Förderung des Handwerks unter den Juden. Allen voran steht zur Zeit wohl der Düsseldorfer Verein, dessen gedeihliches Wirken für Rheinland und Westfalen der jüngst erschienene Jahresbericht klar legt, aber auch in Berlin, Hannover und andern Städten sind Vereine mit analogen Zwecken, und die Erziehungsanstalt in Ahlem bei Hannover, welche schon die Schüler auf ihren zukünftigen Beruf als Handwerker, Gärtner, Arbeiter rc. praktisch vorbereiten und einschulen will, wird bei richtiger Durchführung ihres gesunden Grundprinzips für die im Vorstehenden entwickelten Grundsätze eine wirksame Propaganda entfalten. Eine Verbindung und Angliederung aller dieser Vereine und Anstalten in ganz Deutschland würde gewiß heilsame Folgen für das Ganze haben, weshalb diese Anregung den maßgebenden Persönlichkeiten angelegentlich empfohlen sei. Zn berücksichtigen ist endlich, daß die Handwerker, wenn sie ansgelernt haben, namentlich in der gegenwärtigen Zeit der Verhetzung, auf die Klientel ihrer Glaubensgenossen vornehmlich angewiesen sind. Hier kann Jeder zur Lösung der brennenden Frage sein Scherflein beitragen, indem er jüdische Arbeiter bei einer Konkurrenz berücksichtigt und bei gleicher Preisstellung bevorzugt. Sonst liegt die Gefahr nahe, daß der Maurer — Bauunternehmer, der Tapezier — Möbelhändler, der Schneider — Herrengarderobengeschäftsinhaber, kurz, daß wieder ein großer Aufwand schmählich verthan wird. Wenn diese Ideen über Förderung der produktiven Arbeit in weitern Kreisen unserer Glaubensgenossen Anklang finden und praktisch gehandhabt werden, so wird diesem Zweige der Abwehrbestrebungen, der innern Mission, der Erfolg gewiß nicht fehlen. Briefe vom Nhein. Köln, im November. eitdem ich Ihnen zuletzt schrieb, ist der Herbst ins Land gekommen, wenigstens kalendermäßig, denn in Wirklichkeit erfreue» wir uns noch einer solch' milden Temperatur, daß selbst die verwöhntesten Mitglieder der „oberen Zehntausend" noch kein Bedürfniß empfinden, aus „Gesundheitsrücksichten" den Süden aufzusuchen. Wahrscheinlich hätten sogar die Schwalben die übliche Reise nach dem Süden aufgeschoben, wenn sie einen solch' langen Bestand sommerlicher Witterung geahnt haben würden. Nach dem gewöhnlichen Verlauf der Dinge hat der Schofarton neben seiner schönen symbolischen Bedeutung auch die Eigenschaft, den Beginn des Herbstes, der winterlichen Jahreszeit anzukündigen, weshalb die Alten mit Bezug auf das Schofar auch wohl von dem „Winterhörnchen" sprachen. In unfern Synagogen, der Hauptsynagoge in der Glockengasse, der Hilfssynagoge im großen Saale der Lesegesellschaft und den verschiedenen kleineren Synagogen unserer Stadt lauschte, wie alljährlich, eine überaus große Zahl Andächtiger den Klängen des Schofars, den uralten, uns so theuer gewordenen Melodien des Kol-Nidre und Jom Kippur und schließlich den froh gestimmten, lieblichen Gesängen -des Sukkoth-Festes. Unser Gottesdienst findet durch die gehaltvolleir, wirkungsvoll vorgetragenen Festpredigten des Rabbiners, Herrn Dr. Frank, eine besondere Weihe. Der Kantor unserer Gemeinde, Herr Blumenthal, dem gleichzeitig die Leitung unseres nicht sehr starken, aber wohlgeschulten Synagogen- Chores obliegt, nimmt unter den bedeutenden jüdischen Kantoren eine hervorragende Stelle ein und das mit Recht. Ein sehr aus-