Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1894)
- Date
- 1894-11-16
- Page
- Seite 545 (sequence 5)
- Language
- German
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545 Oster-Sonntag, Montag und Dienstag wieder Peßach. Eine volle Woche also, in der ein religiös lebender jüdischer Handwerker nach Religion und Gesetz nur einige Stunden am Gründonnerstag und fünf Stunden am Charfreitag arbeiten darf. Ja, wird man einwenden, der Kaufmann kann doch ebensowenig arbeiten, wie der Handwerker und Landmann. Ganz richtig. Hand aufs Herz, wer von den Kaufleuten, Bankiers oder Manufakturisten hält denn heute noch den Sabbath, wer kann ihn denn noch halten? Es ist nur eine ganz verschwindend kleine Anzahl, welche mit jedem Tage mehr abnimmt. Männer, welche den redlichsten, besten Willen haben, den Sabbath jit halten, müssen in Folge der Sonntagsruhe widerstrebend und blutenden Herzens vielleicht ihre Läden und Büreaus öffnen, wenn sie nicht ihre Existenz untergraben und in dem Kampfe nm das tägliche Brod unterliegen wollen. Denn die Konkurrenz ist zu groß. . Die Sonntagsruhe ist das Grab für die Heilighaltung des Sabbaths. Wenn diese Erkenntniß richtig ist, wenn es wahr ist, daß es fast zur Unmöglichkeit wird, zwei Tage in der Woche zu feiern, so ist damit den religiösen Eltern und Vormündern, welche bislang ihre Kinder und Pflegebefohlenen dem Ha>idel und Gewerbe, in der Hoffnung, ihnen den Sabbath zu erhalten, zuführten, dieser Vorwand genommen. Es wird hier wie dort eine strenge, ihren Wünschen entsprechende Heilighaltung des Sabbaths sich nur schwer ermöglichen lassen. Freilich, wo ein Wille, ist auch ein Weg. Wer es ernst meint mit der Heilighaltung des Sabbaths, wird auch heute noch, trotzdem er arbeitet und nicht den ganzen Tag feiert, Gelegenheit finden, in den Tempel zu gehen und sonst sich zu erbauen und zu bilden. Einen Freibrief für Faulheit und Bummelei soll die ' Sabbathruhe ja nicht abgeden. Wenn man sieht, daß die Sonntagsruhe die Wirthshäuser mehr füllt als die Kirchen, so liegt der Vergleich mit der Sabbathruhe sehr nahe. Und daß wir Ursache hätten zu prahlen, oder uns zu rühmen, wird man schwerlich behaupten können. Die jungen Leute, welche, beiu Wunsche ihrer Eltern entsprechend, den Sabbath noch halten, benutzen ihn nur wenig zur Heilighaltung des Sabbaths, zum Besuch des Tempels und zur Fortbildung in religiösen Sachen. Wenn sie der Zucht entwachsen und selbstständig geworden sind, werfen sie in vielen Fällen sogar Alles über Bord. Darum glauben wir, daß ein religiöses Bedenken der produktiven Arbeit heute nicht mehr entgegensteht, als jedem anderen Beruf und Erwerb, und daß es aus diesem Grunde allein nicht mehr angeht, die Jugend der produktiven Arbeit fern zu halten. Neben dem religiösen Momente und vielleicht noch über demselben steht aber das soziale, wirthschaftlich-gesellschaftliche. Fast alle jüdischen Eltern haben den dringenden Wunsch, daß ihre Kinder mehr werden, daß sie es weiter bringen, als sie selbst. Bildung und. Reichthum, Stellung und Ansehen halte» sie aber für leichter erreichbar, wenn ihre Kinder studiren oder Kaufleute werden, als wenn sie produktiver Erwerbsart sich zuwenden. Und so darbt der Vater und spart die Mutter, damit der Söhn Asseffor, oder Bankier, oder Kaufmann werden kann, mag er begabt oder nicht begabt sein. Diese Unterschieds- und kritiklose Berufswahl wird auch gefördert in Waisen- und Erziehungsanstalten, von denen manche in ihren Berichten urbi et c»rdi triümphirend verkünden, daß alle ihre Zöglinge höhere Schulen besuchen. So gewiß es ist, daß ein begabtes Kind armer Eltern, welches besondere Talente oder hervorragenden Geist zeigt, befördert werden muß, so gewiß ist dies kritiklose, deplazirte „rachmonus", welches Alle über einen Kamm scheert, zu beklagen. Denn ein Gymnasiast oder Realschüler wird nicht gern der produktiven Arbeit sich zuwenden, der Volksschüler, dessen Klassengenossen meistens nichts Andres werden, hält diesen Beruf für selbstverständlich. Darum sind die Anstalten, in denen die Kinder armer Eltern von früher Jugend an daran gewöhnt werden sollen, daß sie später ihren Lebensunterhalt durch ihrer Hände ehrliche Arbeit, nicht durch Handeln und Schachern verdienen sollen, mit Freuden zu begrüßen. Auch hier ist die Forderung aufzustellen, daß die Zöglinge nicht überbildet werden. Es wäre fehlsam, solche Zöglinge beispielsweise mit Mühe und Noth soweit zu bringen, daß sie einjährig-freiwillig dienen können. Derartige Handwerker, Gärtner oder Landleute würden wiederum eine Ausnahme in ihrem Stande bilden und sich durch ihre beffere Bildung und feinere Lebensgewöhnung bald selbst unbehaglich und in einer Zwitterstellung fühlen. Wirkliche Arbeiter, keine Salonarbeiter sind zu erziehen und heranzubilden. Die Emanzipation muß nicht nur nach oben, sondern auch nach unten die Wege öffnen. Eine Gleichheit vor dem Gesetz, welche dazu führt, daß alle Juden oder die Mehrzahl derselben den vornehmeren müheloseren Berufe» sich zuwenden, ist keine Gleichheit mehr, sondern drängt, falls das Streben gelingt, zu einer Ausnahmestellung, zur Bildung einer Finanz- oder Geistes-Aristokratie, welche die Feinde ringsum naturgemäß noch vermehren muß, falls es mißlingt, zur Bildung eines Proletariats in den geistigen und finanziellen Berufen, welches der Sozialdemokratie rettungslos verfällt. Das muß erkannt und beherzigt werden. Sentimentalen Klagen der Eltern, warum ihre Kinder denn weniger sein und zurückstehen sollten, muß durch den Hinweis auf diese praktischen Konsequenzen begegnet werden. Es sind längst veraltete und verrottete Anschauungen, daß jeder Jude sein Kind am besten zu fördern glaubt, wenn er es studiren oder Kaufmann werden läßt. Das Handwerk hat heute, wie früher, noch einen goldenen Boden und Ansehen, und Ehre genießen die „Agrarier" soviel, wie jeder andere Stand oder Beruf. Also verlange nian von den Eltern, daß sie ihre Kinder der produktiven Arbeit zuführen. Mau scheue sich nicht, verlästert oder verketzert zu werden, daß der Satte nicht wisse, wie dem Hungernden zu Muthe sei, daß man nicht genug Wohlwollen habe, daß man eigentlich nichts mehr sei, auch nur ein Jude, und alle Juden doch Brüder seien. Wenn die Juden nicht ihr Kontingent zu allen Berufsarten stellen, wenn es nicht bald unter den deutschen Juden Schaffner und Briefträger, Bergleute und Fabrikarbeiter in den unteren, Gerichtsschreiber, Subalternbeamte jeder Art in den Mittlern Klassen, Handwerker und Bauern in größerer Anzahl giebt, dann dürfen wir uns nicht beklagen über Vorwürfe und Anfeindungen, daß wir ein Volk im Volke bilden und uns nicht genügend assimiliren. Uebrigens gab es selbst im Ghetto soziale und wirthschaftliche Unterschiede, arm und reich, gebildet und unwissend, angesehen und nicht angesehen, — das waren die Gegensätze, welche damals wie heute bestanden trotz des genieinsamen Glaubens. Auch darauf muß hingewiesen werden, daß in Folge von Gesetzen und administrativen Vorschriften für ganze Klassen im Handel und Gewerbe eine Konzession erforderlich ist, welche in absehbarer Zeit gewiß nicht leicht niehr zu erlangen sein wird. Der Viehhandel, der gewerbsmäßige Handel mit Grundstücken unterliegt schon solchen Beschränkungen. Das Bankierwerden wird sicherlich auch bald erschwert werden. Es ist in der That nicht einzusehen, wie das z. B. im Hannoverschen Spielerprozesse hervorgetreten ist, daß ein Ehrenabter, nachdem er' vier Jahre Zuchthaus absolvirt hat, sich einfach das achtunggebietende Schild „Bankier" taufen und dann munter „Geschäfte" mqchen darf. Wenn die Antisemiten nicht zu positiver Arbeit unfähig wären, so würden sie hier einsetzen und sich den Dank aller