Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-16 · Heft 46 (16.11.1894) · p. Seite 544

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 46 (16.11.1894)
Date
1894-11-16
Page
Seite 544 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228087--51261-3274116
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

■-v; -*t TT: ’ffnji'TXfij!'-';"~ 544 ich euch weggeführt habe und betet um sie zu dem Ewigen, denn in ihrem Wohl wird euch wohl sein." (Jeremia 29, 7.) Und wie düster und traurig war die Zeit, in der Rabbi Chanina, der stellvertretende Hohepriester, dem rathlosen und hartgeprüften Israel zurief: „Betet für das Wohl des Königshauses, denn wenn nicht die Furcht vor diesem, würde der Eine den Andern lebendig verschlingen." (Aboth. 3, 2.) R. Chanina lebte in jener tieferregten und wildbewegten Zeit vor der Zerstörung Jerusalems. Er lebte zur Zeit, als der Kaiser Caligula den Befehl ertheilte, seine Bildsäule müsse im Tempel zu Jerusalem aufgestellt und derselben göttliche Verehrung gezollt werden, als unter seinem Nachfolger Claudius die Landpfleger Cuspius Fadus und Cumanus durch ihre Härte Israel zur Verzweiflung trieben, als der von Claudius zum Titularkönig ernannte Agrippa II. durch seine Sitten- und Charakterlosigkeit den Zorn und die Entrüstung des jüdischen Volkes gegen sich und Rom in einer Weise geweckt, daß jedes friedliche und harmonische Zusammenleben mit dem Volke ausgeschlossen war. Trotz alledem ermahnt R. Chanina: „Betet für das Wohlergehen des Königshauses in Jerusalem und für das des Kaiserhauses in Rom, denn wenn nicht die Furcht vor dem König, die fauatischey und wilderregten Menschen würden einander lebendig verschlingen!" Und wer da weiß, wie mächtig die Flamme der Leidenschaft im Herzen der Zeloten damals loderte, welcher Verwilderung und Verrohung die Mörder mit dem kurzen Dolche — die Sikarier — auheimgefalleu, wer da weiß, daß die Engel des Friedens damals bitterlich weinten und heiße Thränen darob vergoffen, daß sie aus den Thoren Israels verjagt und verscheucht, und in diesen Thoren nun der Krieg Aller gegen Alle tobt lind wüthet, der weiß auch die Worte Rabbi Chaninas: „Einer würde den Andern lebendig verschlingen", in seiner ganzen, traurigen, furchtbaren Bedeutung zu erfassen und zu würdigen. Das Judenthum erblickt in jedem König, gleichviel, wie er sich auch gegen Israel verhalten und benehmen möge, den Gesalbten Gottes, den Wächter und Hüter der Ordnung und guten Sitte, die Säule, auf der das Heil und Wohl des Landes und Volkes ruht, und vor diesem Auserwählten beugt es sein Haupt in Ehrfurcht, und für diesen Gottbegnadeten betet Israel, innig und aufrichtig, wenn Gott ihn prüft und heimsucht, wenn Er ihn an die Ohnmacht und Hinfälligkeit des Menschen erinnert, wenn Er an den Grundvesten seines Lebens rüttelt und dessen Gesundheit in ihren Grundvesten erschüttert.,Das Königthum auf Erden, lehrt das Judeuthum, ist der Abglanz des Königthums im Himmel." (Berachoth 58. a.) Der König ist der von Gott erkorene Hüter der sittlichen Weltordnung. Und heute, wo die sittliche Weltordnung so ernst und vielfach bedroht, tvo alles Feste und seit der Urzeit Bestehende wankt und schwankt, wo wieder Zeloten, Fanatiker alles Hohe und Heilige, Religion, Glauben, Wissenschaft mit dem glühenden Hauch ihrer Leidenschaft verzehren, und die Flamme des Kampfes und Krieges allenthalben entfachen möchten, also wieder Sikarier — Nihilisten und Anarchisten — mit kurzen Dolchen, mit Sprenggeschossen das Leben der Fürsten, den Bestand der menschlichen Gesellschaft gefährden, heute in dieser erregten und wildbewegten Zeit sollte das Judenthum den Werth eines Fürsten nicht zu würdigen wissen, der den Ausbruch der wilden Leidenschaft mit eiserner Hand niederzuhalten strebt, der das Verbrechen und die Verbrecher zu vertilgen und zu vernichten sucht, der die menschliche Gesellschaft vor Verderben und Zerrüttung zu bewahren und derselben — kraft seiner Macht und Gewalt — den Frieden zu erhalten trachtet!! O, das Leben Alexanders III., des russischen Kaisers, war uns Israeliten eben so werth und theuer wie allen anderen Menschen! Wenn der bedauernswerthe, unglückliche Kaiser, deflen frühzeitiger Tod uns Alle mit Weh und tiefem Schmerz erfüllt, irgendwie gefehlt, so hat er das ausschließlich vor dem zu verantworten, der da Herz und Nieren geprüft, vor dem König der Könige; unfern russischen Glanbensgenossen aber ruft wie vor achtzehn Jahrhunderten der alte Rabbi Chanina heute noch zu: „Betet für das Wohl des Königshauses, denn wenn nicht die Furcht vor diesem, es würde der Eine den Audereu lebendig verschlingen". . . Produktion, Arbeit und Iudenthum. Von Rechtsanwalt Dr. S. Meyer in Hannover. JKn einem früheren Aufsatze habe ich als drei geeignete Mittel für XI' die Abwehrbestrebungen die Erziehung der Jugend zur Bescheidenheit, zum Patriotismus und zur produktiven Erwerbsart empfohlen. Wer Kinder hat in der Wiegen, der laste andere liegen; darum will ich mich über Bescheidenheit und Patriotismus nicht weiter auslaffen. Diese Tugenden haben Eltern und Lehrer durch die That, durch ihr Vorbild zu wecken und zu eütfalten, einem Dritten kann ein etwaiger Mangel unangenehm auffallen, Abhilfe kann er leider meistens nicht schaffen. Wohl aber ist der Gesammtheit und dem Einzelnen der Versuch einer Einwirkung auf die Berufswahl einer ganzen Generation erlaubt. Der produktiven Erwerbsart, also dem Ackerbau und dem Handwerk, steht in unserer Zeit bei den jüdischen Eltern, welche ihrer Religion noch anhängey, vornehmlich ein religiöses und ein soziales Moinent entgegen. Das religiöse Moment hat als Grundlage die Besorgniß, daß bei harter Arbeit der Sabbath nicht gehalten und die Speisegesetze nicht beobachtet werden können. In früherer Zeit konnte der Handwerker, der Sonnabend streng gehalten hat, Sonntags das Versäumte nachholen. Jetzt ist das größlentheils unmöglich in Folge der gesetzlichen Bestimmungen über die Sonntagsruhe. Will er also den Sabbath halten, so muß er zwei Tage hintereinander feiern, auf fünf Werktage zwei Feiertage. Drastisch hat in der jüngsten Generalversammlung des Hannoverschen Vereins zur Förderung des Handwerks, in welcher der anwesende Geistliche pflichtgemäß darauf hinwies, daß auch die statutenmäßig^) vorgesehene Sorge um die Heilighaltung des Sabbaths von der Direktion nicht vernachlässigt werden solle, ein anwesender jüdischer Malermeister, dargelegt, zu welchen Konsequeiizen dies führt. Er stellte folgendes Exempel auf: „52 Sabbathe, 13 höhe jüdische Feirtage, 52 Sonntage und 8 hohe christliche Feiertage, das sind allein 125 Tage, mehr als ein Drittel des ganzen Jahres, an welchem der Lehrling feiern muß, dazu findet sich heute kein Meister, ich will wenigstens einen solchen Lehrling nicht füttern." Eine prägnante Beleuchtung erhält dies Exempel eines im praktischen Leben stehenden Handwerkers, welcher die Arbeitseinstellung am Abend des Freitags und den Vorabenden der Festtage gar nicht mit berücksichtigt hat, durch den Hinweis auf die Osterwoche 1895: Dienstag und Mittwoch Peßach, Gründonnerstag, Charfreitag, Sabbath, ') § 14 der Statuten des schon über 60 Jahre bestehenden Hannoverschen Vereins lautet: Der Verein wird, im Einverständniß mit den betr. Eltern oder Vormündern, dafür Sorge tragen, daß die von ihm bei Meistern untergebrachten Lehrlinge den religiösen, auf die Beobachtung der Speisegesetze und der jüdischen Ruhe- und Feiertage sich beziehenden Vorschriften, Nachkommen können.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.