Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1894)
- Date
- 1894-11-09
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 Arbeit zu gehen; denn nur mit vereinten Kräften könne man Großes leisten nnd sich selbst helfen! Auch der frühere Leiter der Hilfskaffe in Berlin, Herr Prediger Wolfs, z. Z. Aschersleben, versprach seine Kraft und langjährige-Erfahrung in den Dienst der Ahawas Achim zu stellen, und so sieht der in Breslau gegründete Verein durch die Mithilfe hervorragender und bewährter Kräfte einer sichert Zukunft entgegen. Der Hauptgegenstand der Tagesordnung bestand in der Revision der in Breslau nur flüchtig berathenen Statuten. Vorher wurden durch zwei Revisoren die Rechnungen und der Bestand Der Kasse geprüft und von der Versammlung Decharge ertheilt. In lebhafter Debatte wurden in sechsstündiger Arbeit die Statuten fertiggestellt Die bisherigen Mitglieder des Vorstandes, Herr Gelbart-Magd eburg,Herr Oberkantor Ehrlich- Oppeln, Herr Kantor Eichenbaum-Kippen hei m (Baden), die aus weiter ^erne zur Versammlung gereist, wurden einstimmig wiedergewählt. Die Herren Wolff-Aschersleben und Goldschmidt-Quedlinburg wurden neu gewählt. Herr Rabbiner Dr. Rahmer wurde einstimmig als Ehrenpräsident vorgeschlagen und wird hoffentlich die Wahl acceptiren. Der Verein zahlt bis jetzt 150 ordentliche Mitglieder. * Hannover, 5 November. Die Regierungspräsidenten von Hannover und Marienwerder hatten bekanntlich vor Jahresfrist Sch achtverböte wegen der mit dieser Schlachtmethode angeblich verbundenen Thierqnälerei erlassen. Auf Grund der deshalb vom Minister des Innern veranlaßt<n Erhebung hat dieser im Einverständniß mit dem Kultusminister diese Verbote wieder aufgehoben. L. Frankfurt a. M., 1 November. Vor 25 Jahren wurde der Verein zur „Bekleidung bedürftiger israelitischer Knaben", „Malbisch Arumim", hier begründet, und seit dieser Zeit war Herr Eppertshausen, Mitglied des Vorstandes, eifrig bemüht, denselben zu fördern. Vergangenen Sonntag erschien, nun bei dem Genannten der Gesammtvorstand, um ihrem Kollegen für seine aufopferungsvolle Thätigkeit den Dank zu zollen, den er so reichlich verdient. Der Verein hat seit seinem Bestehen 3276 Kinder gekleidet und dabei auch noch schöne Reserven angesammelt. Herr Daniel Worms in Vertretung des leider erkrankten Vorsitzenden gab die Gefühle der Freude und der Anerkennung in längerer Ansprache kund und überreichte von Seiten der Mitglieder des Vorstandes einen sehr schönen Pokal mit Widmung und eine Gedenktafel, welche die Ernennung zum Ehrenmitglied enthält. Herr Maxim. Michel, welcher unentgeltlich die Vorträge jeden Samstag hält, sprach seinen Dank aus, daß der Jubilar auch dafür stets eingetreten sei, daß diese religiösen Vorträge aufrecht erhalten geblieben in Hinblick auf die Männer, welche s. Z. diesen Verein gegründet, der ursprünglich ein Talmud Thora-Verein gewesen. Der Gefeierte, im Kreise seiner Familie, die alle festlich versammelt, sprach seinen Dank aus für die Aufmerksamkeit seiner Kollegen und versprach, weiter so viel wie möglich seine volle Thätigkeit dem ihm so lieb gewordenen Verein zu widmen. Nachdem die Anwesenden, es halten sich noch Freunde des Hauses und des Vereins eingefunden, zu einem Imbiß zurückgehalten, brachten sie ein Hoch aus den Jubilar aus und gingen befriedigt von dieser so schönen und würdigen Feier zum größten Theil zur Eröffnung der Suppen-Anstalt für israelitische Arme. L Dirrmstadt, 31. Oktober. In einem Flugdlatte, das der hiesige „Deutsche Reformverein" unter der Parole: „Kauft Eure Weihnachtsgeschenke nur in christlichen Geschäften!" hier und zum Theil auch im Kreise Offenbach vertheilt hatte, wurde den Juden ein „geringeres Maß sittlichen Empfindens, welches ohne Bedenken unerlaubte Vortheile wahrnehmen läßt", vorgeworfen. Gegen den Vorsitzenden des Reformvereins wurde von 24 hiesigen jüdischen Geschäftsinhabern Strafantrag wegen Beleidigung und ehrenrühriger Nachreden gestellt. Die erwähnten Angeklagten wurden jedoch vom hiesigen Landgericht am 21. April sreigesprochen. Die Revision der Kläger gegen dieses Urtheil wurde am 26. Oktober vom Rechtsanwalt Dr. Menge in Leipzig in längerer Rede befürwortet. Das Reichsgericht verwarf jedoch die Revision, weil die Feststellung, daß die Antragsteller mit dem inkriminirten Flugblatt njcht getroffen und nicht gemeint seien, eine thatsächliche sei. Oesterreich Ungarn. LH Wien, 5. November. In, unsenn Gemeindeleben schläft noch Alles, als wenn es Hochsommer wäre! Es rückt und rührt sich nichts — nur der Abfall rührt sich, und nur der Jndifferentismus nimmt immer zu. Schon vor Monaten sind die Statuten eines jüdischen Litteratur- Ber ei ns — nach dem Muster der in Deutschland blühenden — von der k: k. Statthalterei genehmigt worden. Dtzr Begründer war ein bekannter hiesiger Advokat; die Statuten wurden veröffentlicht und Beitrittserklärungen,' entgegengenommen, — -das ist aber auch Alles! -Denn begründet ist dev Verein auch noch bis heute nicht. — Genau so ergeht es mit den Abwehr-Bestrebungen. Seit Monaten flüstert man hier in allen Ecken von großen Unternehmungen, — geschehen ist bis heute noch so gut wie gar nichts! Und doch wäre es gerade hier noch aussichtsvoller als bei Ihnen, einen Abwehr-Verein in großem und der Sache entsprechendem Maßstabe zu begründen. Der leidige Hochmuth, nichts nach dem Muster der Berliner oder anderer Großgemeinden zu thun,-spielt dabei eine große Rolle. Man will Alles selbst machen und besser machen — und macht darum gar nichts! So ist die Abwehr den Einzelnen überlassen, und Jeder muß sehen, wie er mit seinem antisemitischen Gegner selbst fertig wird. In der Gemeinde aber ist derselbe Zustand der Zerfahrenheit, der Haltlosigkeit und des Stillstandes — wie in der deutsch-liberalen Partei. Freilich, das ist nur ein sehrschwacher Trost! - Am 24. v. Mts. wurde in Czer nowitz an Stelle des verstorbenen vortrefflichen Reichsrathsabgeordneten Heinrich W a gner, der auch ein treuer Jude war, der liberale Kandidat Dr. Josef Rott in den Reichsralh gewählt. Gegenkandidat war Baron Mustatza. Der Wahlkampf war ein heißer und die vereinigten Anti-Liberalen entwickelten eine seltene Rührigkeit. Zu den jüdischen Wählern, auf deren Gefolgschaft Baron Mustatza natürlich am meisten Werth legte, bemühte er sich persönlich, aber Dieselben hielten fest an ihrer liberalen Ueberzeugung und strömten in Hellen Schaaren in Das Wahllokal, um für Dr. Rott zu stimmen. — In Kolin wurde auf dem Grabe des Dienstmädchens Marie Havlin, dessen Verschwinden und nachträgliches Auffinden in der Elbe bekanntlich im April 1893 zu judenfeindlichen Ausschreitungen den Anlaß gegeben hatte, ein Kreuz mir einer Blechtafel errichtet. Diese Tafel enthielt eine gegen die Juden gerichtete Inschrift. In Folge Einschreitens des Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde von Kolin begab sich Bezirkskommissär Eigl auf den Friedhof, wo er sich von der Richtigkeit der Mittheilung überzeugte. Der Bezirkskommissär ordnete sofort die Beseitigung des Kreuzes mit dem aufreizenden Inhalte an und leitete die Nachforschungen nach dem Urheber ein. — Der Kaiser hat den Dr. Josef Epstein zum Chefarzt der 14 Infanterie-Truppen Division ernannt. Auch beim November- Avancement wurden zahlreiche jüdische Ojfiziere befördert. — Aus Grund alter und veralteter, trotzdem aber noch immer zu Recht bestehender kaiserlicher Gesetze bedarf ein jeder rabbinische Funktionär, der in einer mährischen KultusgemeinDe angestellt werden will, der landesrabbinischen Approbation, ohne welche auch die mährische Statthalterei die nach dem Gesetz vom 21. 'März 1890 erforderliche Bestätigung nicht ertheilen kann. Kein von andrer Seite ausgestelltes Diplom kann von der Beibringung der erwähnten Approbation befreien. Vor einiger Zeit ergab sich der Fall, daß ein vom Budapester Landesrabbiner-Seminar diplomirter, d. h. mit einer Hathara versehener Rabbiner, der in einer mährischen Gemeinde angestellt wurde, sich, angeblich über Anregung des Direktors und des Professoren-Kollegiums her genannten Anstalt weigerte, sich der diesbezüglichen Prüfung bei Herrn Dr. B. Plaezek behufs Erlangung der landesrabbinischen Autorisation zu unterziehen und hierüber bei der Statthalterei vorstellig wurde, von welcher jedoch abschlägig beschieden, er einen Rekurs bei dem h. Ministerium für Kultus und Unterricht einbrachte Aber auch diejer Rekurs wurde mit Erlaß des Ministeriums für Kultus und Unterricht abgewiesen und die angeführte Verpflichtung aufrecht erhalten. B. Budapest, 29. Oktober.. Der vereinigte Ausschuß des Magnatenhauses verhandelte heute die vom Abgeordnetenhause auch zum zweiten Mal mit großer Majorität angenommenen Entwürfe über die freie Religionsübung und die Rezeption der jüdischen Konfession, welche auch hier,mit großer Majorität angenommen wurden. Bei der Verhandlung des 'Gesetzentwurfs über die Rezeption erhoben sich nur Anhänger der Opposition, in deren Namen Graf Nikolaus Eszterhazy die Annahme desselben verweigerte. Baron Josef Vecsey hält die Vorlage für einen Anachronismus, weil die Religion die bürgerlichen Rechte ohnehin nicht beeinflusse. Sollte die Gesetzgebung in dieser Beziehung etwaige Lücken aufweisen, so ist er gern bereit, einen die Ergänzung