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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-09 · Heft 45 (9.11.1894) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 45 (9.11.1894)
Date
1894-11-09
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 sV; * ‘ »‘"5 ' 1 ' « - '> r>~ dieser Mängel bezweckenden Gesetzentwurf zu votiren. Bei dem Uebertrittsparagraph erhob sich Erzbischof Csiszka, der aus dogmatischen und pädagogischen (?) Gründen die Annahme desselben verweigerte. Nachdem noch in den dritten Paragraph die Verfügung, daß das Seelsorgeramt nur Jene, die ungarische Staatsbürger sind und ihre Studien, in Ungarn absolvirt haben, bekleiden können, ausgenommen wurde, wurde der Gesetzentwurf an das Plenum mit großer Majorität zur neuen Verhandlung gewiesen. — Die in der Galanthaer Kultusgemeinde nach dem Tode des Rabbiners Simon Friedmann entstandenen Wirren wollen, trotzdem sich die Majorität der stimmberechtigten Mitglieder für den Rabbiner Moses Feldmann entschieden hatte, nicht aufhören. Die Minorität berief jetzt einen Rabbiner zur Probepredigt, welche aber in Folge eines von der Majorität erwirkten behördlichen Verbots nicht abgehalten werden konnte. — In Csongräd-Mindszens wurde Dr. M. Rubinstein zum Rabbiner gewählt. Schweiz. GD Bern, 2. November. Gelegentlich eines hier stattfindenden militärischen Wiederholungskursus wurde auf militärische Anordnung durch den evangelischen Feldprediger Widmer ein Feldgottesdienst abgehalten, zu dem u. A. auch ein jüdischer Wehrmann kommandirt wurde. Der christliche Hofprediger hielt dabei eine hetzerische Predigt. Dies mißfiel dem jüdischen Wehrmann, der Veranlassung nahm, sich beim schweizerischen Militär-Departement zu beschweren, weil er und seine Glaubensgenossen durch den Inhalt der Feldpredigt in ihren religiösen Gefühlen verletzt worden seien. Das Militär-Departement hat hierauf folgenden Entscheid erlassen und der Presse mitgetheilt: Es geht aus der Vernehmung des Feldpredigers Widmer in Bern hervor, daß er keineswegs die Absicht hatte. Andersgläubige zu verletzen. Dagegen ist er aufmerksam zu machen, daß es Uebung ist, die Truppen zur Theilnahme am Gottesdienst ohne Rücksichtnahme auf ihre Konfesston zu kommandiren und daß in Folge dessen Feldpredigten so zu halten sind, daß sie von Angehörigen aller Konfessionen ohne Beeinträchtigung ihrer Glaubens- und Gewissensfreiheit angehört werden können. Rußland. ftf> St. Petersburg, im Oktober. Der „Kiewlanin", der den Juden nicht allzuviel Gutes nachzusagen pflegt, bringt in seiner Nummer vom 9./21. August folgende Mitteilung: Seit einiger Zeit widmen sich die Juden der Feldarbeit. Zuerst haben sich diese improvisirten Landleute wenig geeignet gezeigt für diese Arbeiten, die eine große Anstrengung von Muskelkraft fordern; allmählich indessen haben sie sich daran gewöhnt und leisten jetzt den Landleuten wirkliche Dienste. In diesem Umschwung der Juden muß ein sehr hervorragendes Symptom erkannt werden; sie haben ihren Jahrhunderte alten Jrrthum erkannt, der sie von dem Landbau fernhielt; mit der Vergangenheit brechend, zeigen sie sich geneigt, einen Platz zu erobern unter den Produzenten, und dieser Platz muß ihnen gewährt werden, ohne daß man ihnen von Seiten der Behörde Hindernisse in den Weg legt. Die momentan auf dem Felde beschäftigten Juden sind mit ihrer Lebensweise sehr zufrieden. Es muß anerkannt werden, daß, wenn die Arbeiterfrage keine akute geworden, wenn es den Grundbesitzern gelungen ist, die Ernte in kurzer Zeit und mit wenig Kosten einzubringen, so ist dies dank den jüdischen Arbeitern geschehen, die sich den christlichen zugesellt haben. Vor einigen Tagen ist auf höheren Befehl von seiten der Polizei eine statistische Aufstellung gemacht worden bezüglich der Zahl von Juden, welche auf den Gütern Feldarbeit verrichtet haben. Im Bezirk Lipowetz allein betrug die Zahl derselben 18,000!! — Nach den offiziellen Berichten beziffert sich die Anzahl er in den höheren technischen Staatsschulen aufgenommenen jüdischen Schüler wie folgt: Technologische Anstalt zu Petersburg, 20 Juden auf 650 Zöglinge, technologische Anstalt zu Charkof, 11 Juden auf 489 Zöglinge, technologische Schule zu Moskau, 26 Juden auf 502 Schüler, agronomische Anstalt zu Nowo-Alexandrie, 1 Jude auf 47 Schüler, polytechnische Schule zu Riga, 232 Juden auf 892 Schüler. Die öffentlichen Elementarschulen der drei Provinzen Kiew, Podolien und Wolhynien zählten im Jahre 1891 62,614 Knaben und 14,656 Mädchen. Die Zahl der jüdischen Schüler betrug 2868, also etwa 5 pCt. der Gesammtzahl, obgleich die jüdische Bevölkerung einiger Städte in dortiger Gegend bedeutend zahlreicher ist als die christliche Bevölkerung. Von Nah und Fern. Zur Förderung praktischer antisemitischer Bestrebungen wird ein antisemitischer Verband wirthschaftlicher Interessen hier gegründet werden. Dieser Verband soll den Zweck verfolgen, Handwerker, Geschäftsleute, Arbeiter, Beamte und Gewerbetreibende zu vereinigen, um dadurch wirthschaftliche Vortheile zu erzielen. — Antisemitische Blätter berichten, daß GrafCaprivi der national-antisemitischen Studentenbewegung feindlich gegenüber stand, und daß er dem Reichskommissar Peters verbot, den letzten großen Januar-Kommers des „Vereins Deutscher Studenten" zu besuchen. — Dem zur Zeit im Duell gefallenen Gerichtsassessor Ziegel in Wongrowitz ist aus dem dortigen Friedhof ein Denkmal gesetzt worden mit der Inschrift: „Gefallen im Duell für die Ehre des Judenthums." — Obwohl in der Provinz Hannover eine ansehnliche Zahl Juden lebt, ist mit verschwindend geringen Ausnahmen in einigen größeren Städten doch noch nie ein Jude als Geschworener ausgeloost oder hat als Schöffe fungirt. — Die Stadtverordneten in Mainz lehnten mit 23 gegen 13 Stimmen die Hergabe eines Platzes für ein Heine-Denkmal ab. — Am 26. Oktober beschäftigte das Schöffengericht in Eppingen. ein Prozeß gegen Personen, welche Aussagen gegen den dortigen Lehrer Reis, er habe rituell unerlaubte Speisen genossen, verbreiteten. Gegen zwei Personen hatte Reis Beschwerde bei dem Großh. Oberrathe der Israeliten in Karlsruhe erhoben. Nachdem der von diesem beantragte Sühnversuch beim Synagogenrath in Gemmingen gescheitert war, wurde die Sache dem Staatsanwalt übergeben. Die eidlichen Beweise haben bei der Gerichtsverhandlung ergeben, daß Lehrer Reis sich an dem Genüsse rituell nicht erlaubter Speisen nicht betheiligt habe. Der eine der Angeklagten wurde mit einer Geldstrafe belegt, der andere wurde deshalb freigesprochen, weil er Mitglied des Synagogenraths ist und rechtliche Interessen zu wahren hatte. — M. Lazare Wo gue, der seit 1851 Professor der Theologie und Exegese am Rabbinerseminar in Paris war, hat hohen Alters wegen seine Stellung aufgegeben. An seiner Stelle sind die Herren M. Lambert und Jacques Kahn getreten. — Der Generaldirektor der archäologischen Ausgrabungen in Rom, Kommendatore Ciro-Nispi Landi, hat sich dahin geäußert, daß es ihm hoffentlich bald gelingen werde, den siebenarmigen goldenen Leuchter aus dem Tempel in Jerusalem, den Titus nach Rom gebracht, und der dann später, als König Geiserich mit seinen Vandalen die ewige Stadt plünderte, in die Tiber geworfen wurde, aus dem Schlamme dieses Flusses heraufzuholen. — In der am 28. Oktober neu eröffneten bulgarischen Deputirten-Kammer befindet sich auch ein jüdischer Abgeordneter, Peter Gober, ein jüdischer Landwirth, aus Rußland eingewandert, der sich das Vertrauen seiner neuen Landsleute dermaßen erworben, daß er mit einer Mehrheit von 238 Stimmen in die Kammer entsendet wurde. Sein Gegenkandidat war kein Geringerer als der Ministerpräsident Stoilow. — Nathan Strauß hat die ihm angebotene Kandidatur als Mayor von New-Jork abgelebnt. —- Das Einwanderungskomitee in Washington hat von Baron Hirsch ein Schreiben erhaltenem dem er den Wunsch ausspricht, die Einwanderung russischer Juden nach den Vereinigten Staaten nicht zu unterstützen, sondern den Strom der Auswanderer nach Argentinien zu lenken. — Eliezer Levi Montefiore, der Direktor der National-Kunstgalerie von Neu- Süd-Wales, ist am 22. Oktober in Sydney im 75. Lebensjahr, allgemein betrauert, gestorben. — In Newark, N. J., starb Rabbi Jsoe Schwartz, einer der bekanntesten und geachtetsten Israeliten in New-Jersey In Bayern, im Jahre 18i7 geboren, kam er als junger Mann nach Amerika und hat 48 Jahre in Newark zugebracht. Er war der Gründer zweier jetzt blühender jüdischer Vereine, sowie mehrerer geselliger und wohlthätiger Gesellschaften in jener Stadt. Druck uuö Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion.- Max Bauch Witz in Berlin.

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