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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-09 · Heft 45 (9.11.1894) · p. Seite 539

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 45 (9.11.1894)
Date
1894-11-09
Page
Seite 539 (sequence 11)
Language
German
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539 Moritz schüttelte den Kopf. „Ich beneide Euch um diesen Glaube»/' sprach er. „Na, es wird sich aber machen. Wir haben hier eine zahlreiche Gesellschaft reicher und angesehener Männer, welche viel von der Ausbildung der jüdischen Volksmaffein spreche». Mögen sie zeigen, wie weit ihr Können reicht. Es wird sich Alles arrangiren lassen, mir selbst liegt viel daran. Wo wohnt Ihr indessen?" „Im Hotel." „Um Gotteswilleu, rechnet doch mit dem Groschen!" Jizchak erzählte nun seine nächtlichen Abenteuer. Moritz hörte aufmerksam zn, und auf seinem Antlitz spielte ein Lächeln, als wenn ihn dieser Bericht kitzeln ivürde. „Das sind die Schatten der Civilisation," bemerkte er. „Wieso? Zieht die Civilisation solche Verderbniß nach sich?" „Meistenthetls. Doch lassen Sie uns keine Zeit verlieren. Das Wichtigste ist ein — eigener Winkel. Morgen um diese Stunde sehen wir uns wieder." Von der Treppe heruntergehend, seufzte Jizchak schmerzlich und war sehr niedergedrückt. Und dennoch — hatte ihm ja Moritz Muth eingeflößt. Woher also diese Betrübniß? Er wußte es nicht genau, es erfüllte ihn blos mit Bitterkeit, daß sie in dieser kurzen Zeit sich so sehr verändert hatte. IV. Als er seine Bäarschaft genau gezählt hatte, gelaugte Jizchak zu dem traurigen Ergebniß, daß dieselbe für keinen längeren Ausenthalt in Lemberg hinreichte, daß er sein Leben systematisch regeln und sich nach einer Erwerbsquelle umsehen müsse. Noch am selben Tage hatte er eine recht gute Wohnung bekomnpm. Wenigstens war er vorläufig damit zufrieden. Er Hatte nämlich eine Jüdin ausfindig gemacht, welche in einem der dumpfen, halsbrecherischen Häuser des Judenviertels wohnte. Diese Dame besaß dort nämlich ein großes Zimmer, für welches sie fünf Gulden monatlich bezahlte, und an dem sie mehr als das Doppelte verdiente, indem sie es an Aermere abgab. Jizchak wurde im Vorhinein von ihr benachrichtigt, daß sich ihre Wohnung des Abends bevölkere, wie der Tempel am „Jom kipur". Sie sammt ihrem Gatten und ihrer Locher, welche Näherin ist, occupiren zu Dritt die eine Hälfte der Stube, welche von der anderen durch eine Art spanischer Wand getrennt ist. In dieser zweiten Abtheilung schläft in einem Bett ein Ehepaar, welches sich tagsüber mit dem Herumtragen von sauren Gurken oder „Wein" beschäftigt. Auf der Erde verbringt ein junger Mensch, welcher bei Tag den Vorübergehenden an den Straßenecken die Stiefel putzt, die Nacht, ferner ein sehr anständiger Arbeiter, der seit einiger Zeit umsonst nach einer Anstellung sucht. Nun ist noch eine äußerst bequeme Ecke» neben dem Ofen, was bei herannahendem Winter von einer nicht zu unterschätzenden Bedeutung ist, zu vergeben, und diese Ecke könnte sie für einen sehr mäßigen Preis vermietheu. „Was seid Ihr denn eigentlich, junger Manu?" fragte sie. „Ich habe hier zu lernen." „Ah, dann ist es wie für Euch geschaffen. Denn das Zimmer steht den ganzen Tag leer, es kommt nicht einmal Jemand zu Mittag, Ihr könnt daher nach Belieben ruhig arbeiten. Mein Mann wird Euch nicht stören." Nun begann sie mit bewegter, klagender Stimme ihre unglücklichen Schicksale zu erzählen. Gottes Strafe, die Plage ihrer alten Tage, ist ihr Mann; ihr armer, bejammernswerther Mann, welcher seit einigen Jahren halbseitig gelähmt ist. Seine Erhaltung erfordert solche Opfer. Deshalb arbeitet sie den ganzen Tag, indem sie Obst verkauft, deshalk! giebt ihre Tochter, die Näherin, ihren ganzen Erwerb her, ohne an die Zukunft zu denken, deshalb muß sie mit ihrer Wohnung so manipulireu. Diese ist aber für einen Studirenden ausgezeichnet. Der Gelähmte, die Plage ihresü Alters, dessen sie nie ohne Thränen erwähnte, verläßt nie sein Bett; Nachbarn und Freunde werden niemals empfange», ini Zimmer herrscht demnach Ruhe und Freiheit. Für die Nacht wird sie ihm ihren Strohsack geben, der junge Mann wird weder an Raummangel noch an Kälte leiden, besonders in dieser Ecke! Mit einer alten Bekesche kann er sich zudecken und prachtvoll, königlich schlafen, um den Preis von acht Kreuzern, welche jede» Abend, bevor man sich zur Ruhe begiebt, zu entrichten sind. Jizchak war einverstanden. Sogleich begab er " sich nach seiner neuen Residenz. In der finstersten Ecke lag der Herr des Hauses, welcher unaufhörlich ein leises Stöhnen und undeutliches Murren von sich gab. Einige Mal im Tag kam die Gattin hereiugestürzt, ihm Nahrung in den Mund führend und bei der Befriedigung verschiedener Bedürfnisse helfend. Sie that dies mit der größten Sorgfalt und Pünktlichkeit, umgab ihn mit wahrhaft mütterlicher Zärtlichkeit und klagte dabei fortwährend über die Strafe Gottes, In der That kam sonst Niemand tagsüber in die Stube, und Jizchak, zum ersten Mal im Leben einer so unbeschränkten Freiheit genießend, holte sein Buch und sein Heft hervor, begann zu schreiben .. schrieb, las laut und freute sich, daß es hier doch besser sei als zu Hause. Im Thorwege des Nachbarhauses kaufte er einen Laib Brod und Käse. Das Brod bezeichnete er mit einer Kreide in einige ganz gleiche Theile, um täglich eine gleich große Portion zu haben und keinen Luxus zu treibe». So verspeiste er denn sein Mittagessen und machte dann einen Spaziergang durch die Stadt, studirte und bewunderte Alles und Alle. Später arbeitete er wieder und kaufte bei der Wirthin für drei Kreuzer ein Glas warmer Milch. Das Nachtmahl.war demnach auch nicht schlecht — er hatte, mit einem Worte, den Tag sehr gut verlebt; größere Annehmlichkeiten waren ihm doch daheim nie zu Theil geworden. Nach Sonneiumtergang aber belebte sich das Stübchen mit einem Male. In der Mitte erhob sich die Wand, hinter welcher die ewig keifende und abgeplagte Wirthin verschwand, sammt ihrer Tochter, einem langen, dürren, hustenden Fräulein, welches jetzt einen Strohhut und ein mit Lammfellen gefüttertes Mäntelchen trug. I» der zweiten Abtheilung erschien zuerst der Stiefelputzer mit knochigem Gesicht und tölpelhaften Auge», welcher seine Tageslosung zählte und in einer besonderen Schachtel die Stiefelschwärze für morgen, in einer zweiten künstlich zubereiteten Ruß vorrichtete. Später kam das Ehepaar Efraim. Sie setzten sich auf die Pritsche, zählten die ganzen und halben Kreuzer, suchten dann die angefaulten Gurken aus dem Kübel heraus und verzehrten dieselben zum Brod. Der Stiefelputzer richtete einige in einen Witz auslaufende Bemerkungen au sie und begann bald wie der verdorbene Blasebalg in einer Schmiede zu pusten und zu schnarchen. Gleich darauf deckte sich das Ehepaar mit einem großen Tuche und eine»» alten Mantel zu, und intonirten sie ein übereinstimmendes Schnarchduett. Zu allerletzt zeigte sich der Kamerad von der Ofenecke, ein kleines, zerlumptes Männlein mit gebräuntem Gesicht und abgezehrten Händen. Dieser zog einen Geldbeutel hervor, zählte und seufzte, als er den durchschimmernden Boden sah, ohne Aussicht auf Arbeit zu haben. Bald aber schloß er sich dem nunmehr aus einem Unermüdlichen Quartett bestehenden Chore an, welcher herzzerreißend schnarchte und pfiff. (Fortsetzung folgt.)

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