Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-09 · Heft 45 (9.11.1894) · p. Seite 536

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 45 (9.11.1894)
Date
1894-11-09
Page
Seite 536 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228086--51248-3274102
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

VW" < bezeichnet werden darf, widmete er dem Andenken seiner Mutter* *): A la memoire de ma mere Rosalie Darmesteter, nee Brandeis (dem Andenken meiner Mutter Rosalie Darmesteter, geb. Brandeis). -- Gleich dem Profeffor Adolphe Franck, der am 11. April 1893 in Paris gestorben — allerdings lebenssatt im Alter von 84 Jahren —. wurden die Brüder Darmesteter im Departement de la Meurthe geboren, und es scheint, daß diese ländliche Stille und Zurückgezogenheit einen großen Einfluß auf die Entwicklung dieses leuchtenden Dreigestirnes gewesen. Im Alter von 17 Jahren absolvirte James Darmesteter das Gymnasium und erhielt den ersten Preis der Rhetorik zu gleicher Zeit. Ex ungue leonem — aus dieser Leistung durfte man auf die zukünftigen Leistungen in der Litteratur ein günstiges Omen entnehmen. Und dieses Omen trog nicht, wie überhaupt James Darmesteters Wesen trotz der angebornen französischen Höflichkeit voll edlen Freimuthes, und wo es nöthig war, auch voll goldener Rücksichtslosigkeit sich zeigte. James Darmesteter, obwohl weit entfernt von der gegenwärtigen Orthodoxie, war ein Jude in des Wortes schönster Bedeutung, und er sprach es zu wiederholten Malen in den bedeutendsten Zeitschriften, u. A. auch in der Revue des deux mondes aus, daß er Von der Ueberzeugung durchdrungen sei, daß die Zukunftsreligion nur auf der Basis der jüdischen Religion fest und sicher beruhen könne. Im Jahre 1868, also zwei Jahre nach Vollendung seiner Gymnasialstudien, wurde er beende es lettres und zwei Jahre darauf schon lieeneie en droit. Aber sein lebhafter Geist ließ sich nicht an trockene» Gesetzparagraphen genügen, und so begann er Nach Vollendung seiner philosophischen und juridischen Studien unter Leitung der hervorragenden Sprachforscher — Michel Breal und Henri Bcrgaigne — vergleichende Sprachforschung. Sein ihm in die Ewigkeit vorangegangener Bruder Arseue war bahnbrechend auf dem Gebiete der romanischen Philologie; James ward es für die Erkenntniß der alt persischen Religion und Litteratur. Schon im Jahre 1874 — also im jugendlichen Alter von 25 Jahren — veröffentlichte er seine SHrift: Haurvatät et Ameretat. Essai sur la mythologie de l’Avesta (erschien als 23. Heft der Bibliotheque de l’ecole des hautes etudes. Franck 1874). Im Jahre 1877 folgte seine Arbeit.: Ornnizd et Ahriman, leur origine et leur histoire, im Jahre 1880 die Traduction du Vendidad (Uebersetzung der Zendavesta) als vierter Band der Saered books of the East, und ein Jahr darauf sein Coup d’oeil sur "histoire du peuple juif (Paris. C. Levy 1881). In dieser mit Meisterhand gezeichneten Skizze hat Darmesteter die bleibende Bedeutung des Studiums der jüdischen Geschichte für alle Zeiten und alle Geschlechter in der Einleitung mit folgenden Worten hervorgehoben: „Die jüdische Nation erregt dadurch das besondere Jntereffe des Geschichtsforscher s, daß zu jeder Zeit das Geschick dieser Nation mit fast allen wirklichen Fortschritten und allen weltbewegenden religiösen Fragen im Zusammenhang sich befindet, und daß diese Nation von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart Spuren hiervon in der gesammten zivilisirten Welt zurückgelaffen. . . . Die Geschichte des jüdischen Volkes umfaßt -und setzt daher auch voraus die Geschichte sämmtlicher Völker, die um das mittelländische Meer heruin sich befanden, uud zwar von dem ersten Tage bis zum letzten' und handelt nur selten über politische Geschichte, sondern meistentheils i) Die Stammtafel der Familie Brandeis levitischer Abkunft bis zum Jahre 1888 — denn die nichtleoitischer Abkunft gleichen Namens' habe ich in Dr. Berliners „Magazin für die Wissenschaft des Juden- * hums 1888 veröffentlicht — findet sich in meinem jüdischen Centralblatt 1888 p. 81. Rosalie — ^7'-,. von Ideen, Religionen, sozialen Einrichtungen, kurz über die weltbewegenden Kräfte in der Menschheit." Als die Soci6te des Etudes juives gegründet wurde, begrüßte James Darmesteter diese Gesellschaft mit dem Coup d’oeil sur l’histoire juif ,<uni> blieb bis zu seinem Lebensende ein treuer Mitarbeiter an der Revue des Etudes juives, dem anerkannten Organe dieser Gesellschaft, an welchem nicht nur die bedeutendsten jüdischen Gelehrten Europas und Amerikas, sondern auch Männer wie Renan, Vernes, Perrot u. A. mitarbeiteteten und noch Mitarbeiten. Außer werthvollen Rezensionen verdankt die Revue des Etudes .juives folgende Arbeiten der Feder James Darmesteters: 1. Ees six feux dans le Talmud et dans le Bundehesch (Die 6 Feuer im Talmud und im Bundehesch) I,' p. 186 ff. 2. Eine biographische Skizze von Joseph Salvador im Annuaire de la Societe des Etudes juives. 3. David et Rama II, 300 (R. E. J.) und schließlich Textes pehlvis relatifs au Judaisme XVIII, 1, und XIX, 41.;(Pehlwi-Texte, die auf das Judenthum Bezug haben). James Darmesteter war jedoch nicht nur Gelehrter; er war, wie dies das Judenthum seinen Bekennern zur heiligsten Pflicht macht ein treuer Sohn seines Vaterlandes, und der große Gelehrte, durchdrungen von der Wahrheit des Satzes, daß für die Jugend nur das Beste gut genug ist, verschmähte es nicht, zum Gebrauche der Volksschulen die Eeetures patriotiques sur l’histoire de France ä l’usage des ecoles primaires (Paris, Delagrave 1881) zu veröffentlichen. Dieses Schulbuch wurde von der Academie des inscriptions et des helles lettres preisgekrönt. Shakespeares „Macbeth" und Byrons „Ehilde Harold" veröffentlichte er zum Schulgebrauche, und im Jahre 1883 erschienen seine Essais de la litterature anglaise (Essays über die englische Litteratur). Im Jahre 1887 erschien die Uebersetzung der Aashti als 23. Band der,. Sacred books of the East, und im selben Jahre.veröffentlichte er Mary Robinsons englische Gedichte, nebst einer Würdigung des Talentes der jungen Schriftstellerin, die er kurz darauf als Gattin heimführte. Leider sollte bas eheliche Glück nur von so kurzer Dauer sein. Es würde zu weit führen, alle Arbeiten JameS Darmesteters zu neunen; es geuüge hier, zu bemerken, daß er an den wichtigsten Zeitungen und Zeitschriften Frankreichs und Englands in hervorragender Weise mitthätig war. Er ward Professor an der Universität, Mitglied der Akademie der Wissenschaften (membre de I’Institut) und seit dem 1. Februar l. I. Chefredakteur der Revue de Paris, die mit Erfolg der ältesten und berühmtesten Halbmonatsschrift Revue des deux mondes den Rang abzulaufen bemüht ist. Wie vom Patriarchen Jakob — denn auch unser James führte den hebräischen Namen Jakob — dürfen wir von diesem Helden des Wortes und der Feder sagen, daß er nicht gestorben, daß seine Werke ihn überleben, lange überleben werden, weil ec, wie wenige unserer Zeitgenoffen, nicht nur ein bedeutender Forscher, sondern ein Jude, das heißt ein Mensch in vollem Sinne des Wortes war, der dem Satze: „Homo sum, humani nihil a me alienum esse puto“ stets treu blieb. In diesem Sinne darf das Leben James Darmesteters wohl als vorbildlich für unsere gebildete Jugend angesehen werden. Denn es geht von diesem die bedeutungsvolle Erkenntniß aus, daß man ein feingebildeter, auf der Höhe der Wissenschaft und des sozialen Lebens stehender Mensch und nichtsdestoweniger auch ein guter und treuer Jude sei» könne, wie es Darmesteter in harmonischer Vereinigung gewesen ist. r

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.