Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1894)
- Date
- 1894-11-09
- Page
- Seite 535 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Was die Vertheilnng der Todesfälle auf die verschiedenen Altersklasien anbelangt, so ergiebt die Frankfurter Zusammenstellung in allen Altersklasien bei den Juden eine erhöhte Sterblichkeit an der Zuckerkrankheit, auch in weniger stark besetzten, wie z. B. in der Altersperiode zwischen 29 und 39 Jahren, während sie in den stärker besetzlen unverhältnißniäßig viel höher ist, als es dem Unterschiede der Bevölkerung entspricht. Es starben nämlich von 1000 Nichtjuden im Alter von 59—69 Jahren 0,69 an der Zuckerkrankheit (das heißt also noch nicht einer auf tausend); von 1000 Juden hingegen über drei Mal mehr, nämlich 2,40. Im Alter von 69—79 Jahren findet man in der uns vorliegenden Tabelle 13,23 Nichtjuden und 24,32 Jude», bei letztereir aber beinahe sechs Mal mehr Todesfälle an Zuckerkrankheit; cs starben nämlich von Juden in diesem Alter 2,86 auf das Tausend, von Nichtjuden nur 0,54. Das sind statistisch zuverlässige Zahlen, die, wie wir glauben, eine beredte Sprache reden, die unzweifelhaft eine vermehrte Sterblichkeit der jüdischen Bevölkerung an der Zuckerkrankheit Nachweisen und die Annahme einer besonderen Disposition der Juden für diese Erkrankung klarlegen. Im Allgemeinen stimmen auch diese aus einer größeren Bevölkerungszahl und in langer Beobachtungszeit gewonnenen Zahlen mit den Angaben, die Frerichs in Berlin, besonders auch Sergen in Karlsbad und Schmitz in Neuenahr geinacht haben. Gegenüber diesem erdrückenden Zahlenmaterial, dieser enorm gesteigerten Häufigkeit der Erkrankungen und Todesfälle lassen sich auch die Einwände, welche die Disposition der Juden nur als scheinbare hinstellten, nicht aufrecht erhalten. Geben wir auch z», daß die größere Wohlhabenheit, die geringere Arbeitsleistung, die aufregendere Beschäftigung, der gesteigerte Kampf ums Dasein rc. viel zur Entwicklung dex Krankheit beitragen — so groß sind in keinem Falle die Gegensätze, daß damit allein sich die überwiegende Häufigkeit vollkommen erküren ließe. Zudem muß man auch bedenken, daß diejenigen Momente, welche ersahrungsgemäß besonders schädigend einwirkeu, wie die gesteigerte Theilnahme vieler Juden an Börsen- Geschäften, wohl über kurze Zeit hinaus gelegentlich geschäftlicher Krisen eine erhöhte Kcankheitsziffer ergeben können, nicht aber Über längere Zeilperioden. Eine besondere Beachtung verdienen noch die Einwände, welche O. Rosenbach (Breslau) gegeil die besondere Disposition der Juden erhoben hat. Er hebt hervor, daß manche Diagnose auf Zuckeransscheidung bei der arbeitenden Klasie der Bevölkerung deshalb übersehen wird, weil bei der stärkere» Muskelthätigkeit derselben, welche mit einem größeren Zuckerverbrauch einhergeht — durch die Thätigkeit der Muskeln wird der Zuckerumsatz in den Geweben gesteigert — kein Zucker ausgeschieden wird, also leichtere Fälle der Kpänkheit maskirt werden. Wenn nun infolge irgend welcher körperlichen Störung die Arbeit eingestellt wird, während das Nahrungsquantnin daffelbe bleibt, dann läßt sich ohne Weiteres der Zucker Nachweise». Viele Fälle lasien sich daher erst durch die funktionelle Prüfung — nach geeigneter Nahrungszufuhr oder nach Ausschluß der Muskelthätigkeit — konstatiren. Durch eine über mehr als ein Dezennium regelmäßig durchgeführte Untersuchung aller privaten und poliklinischen Fälle, eine Prüfung, welche sich auf Tausende von Kranken jeden Alters, aller Stände und aller Bekenntnisse erstreckte, stellte Rosenbach zunächst die enorme Häufigkeit von Zuckerausscheidungen in allen Klaffen der Bevölkerung fest; ferner auch: die gleichmäßige Betheiligung aller Bevölkerungsklaffen an dieser Krankheit ohne Unterschied der Konfession. So intereffant und beachtenswerth auch diese Untersuchungen »nd ihr Ergebniß sein mögen, für die vorliegende Frage lassen sie sich nicht verwerthen; denn bei den Fällen Rosenbachs handelt es sich wohl um Znckerausscheidung, die bloße vorübergehende Zuckerausscheidung ist aber noch keine Zuckerkrankheit. Sie ist wohl das hervorstechendste Symptomlm Krankheitsbilde, aber erst wenn sie andauernd wird, wenn sich anderweitige Erscheinungen hinzugesellen, wenn die Körperkräfte sichtbar abnehmen, haben wir es mit der ausgesprochenen Zuckerkrankheit zu thun. Die Zuckerkrankheit ist ein konstitutionelles Leiven, das,, wie die angeführten Zahlen beweisen, unter der israelitischen Bevölkerung besonders häufig auftritt und unter dieser beträchtlich mehr Opfer hinrafft als unter der übrigen Bevölkerung. Zur Erklärung dieser Erscheinung lassen sich äußere Bedingungen und Einflüffe nicht heranziehen, mnd es bleibt daher nichts übrig, als eine eigenartige Veranlagung, eine Disposition für die Erkrankung bei den Israeliten anzunehmen. James Barmesteter. Von Dr. M. Grünwald in Sofia. 4^r>in eigenes Geschick trifft das seltene Brüderpaar Arsens und JOc) James Darmesteter. Beide starben in der Blüthe der Jahre, von einer tückischen Krankheit plötzlich dem Leben, der Wissenschaft und dem Judenthum entriffe». Eine Lücke, die Jahre und Jahrzehnte fühlbar sein wird, und die in der That uuausfüllbar ist. Denn beide Brüder, Franzosen von Geburt und Gesinnung, beherrschten die deutsche Sprache und Litteratur vollständig. — sie waren von mütterlicher Seite einer alten berühmten Rabbinerfamilie in Jungbunzlau (Böhmen) angehörend und hatten dadurch neben der Kenntniß der deutschen Sprache auch Lust und Liebe, Treue und Anhänglichkeit an die angestammte Religion ihrer Vorfahren — an die jüdische, buchstäblich mit der Muttermilch eingesogen und ihr Leben lang bewahrt und in Wort und Schrift glänzend belvährt. Wenn es noch eines Beweises hierfür bedürfte, so ist die Widmung seines epochalen Werkes: Les Prophetes d’Israel (die Propheten Israels), das eine strenge, aber gerechte Kritik des Grätz'schen und Renan'schen Geschichtswerkes über das israelitische Volk enthält, das beste Zeugniß hierfür. Denn dieses Buch, das in zwei Ausgaben, und zwar für Schulen und in einer größeren für jeden gebildeten Franzosen und Jeden, der sranzösisch versteht, erschienen ist, und das aD das religiöse Testament des nunmehr verewigten James Darmesteter