Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1894)
- Date
- 1894-11-09
- Page
- Seite 534 (sequence 6)
- Language
- German
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w PS'n *" «2*sT ■s"7T J'+'lr^a'3'C'S/^'rV»* f*J" 531 den: Nichtjnden, der mit ihnen wohnt, — denn alles Volk wandelt im Irrt hum!" rief sie aus. — Jrrthum, Versehen, Verirrung des menschlichen Wesens, das sah der Dulder als Ursache des gegen chK gekehrten Hasses an; — nicht Rache, sondern Vergebung erflehte er für den Uebelthäter. So pflegte Israelin schlimmster, trübster Zeit, als Gemeinschaft die Tugend des Wohlwollens, — so erzog unsere Religion in desik Einzelnen den Sinn für Güte. Als im finstersten Mittelalter, um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, unsere Lehre geschmäht wurde, wie heute, der blindeste Haß sich über unsere Vorfahren ergoß, wie heute gegen uns, als 24 Wagen mit Exemplaren oes dainals in gleicher Weise und mit gleichem Unrecht wie heute verfolgten Talmud in Paris verbrannt wurden, da schrieb Mose den Jacob aus Coucy, der Lehrer des Talmud, aus dem Geist der talmudischen Sittenlehre heraus: „Diejenigen, die lügenhaft sind gegen Nichtjuden, und die sie bestehlen, entweihen den Namen Gottes. Im Handel und Wandel darf man keinen Menschen ohne Unterschied der Religion betrügen oder mit Worten täuschen. Der höchste Gottesdienst ist die Liebe zum Schöpfer." Und etwa um dieselbe Zeit lehrte Jehuda Hachasid von Regensburgr „Täusche Niemande», auch keinen Nichtjude»; sei nicht zänkisch gegen die Leute, weß Glaubens sie auch seien. Handle ehrlich in deinem Geschäfte. Mache den Nichtjuden auf seinen Jrrthum aufmerksam." Dieses edle Wohlwollen ist unser Erbtheil, von unseren Ahnen überkommen, es soll von uns gepflegt werden. Güte gegen Jedermann! Schmähen sie unsere Religion, verunglimpfen sie, was unser»! Herzen theuer ist, verkümmern sie unsere Rechte als Menschen, als Bürger, graben sie uns die Quellen des Lebenserwerbes ab, messensie uns mit vielerlei Maaß, rufen sie „kauft nicht bei Juden!" -4wir wollen uns mit reinen anständigen Waffen zwar wehren, M' denn nicht ist Güte etwa Schwäche oder gar Charakterlosigkeit — aber wir wollen unser Gemüth nicht verbittern lassen, wir wollen in den Wegen der Güte, der Wahrheit bleiben, welche vor uns unsere Alten gegangen sind; wir wollen niemals antworten „kaust nur bei Juden." wir wollen gerecht und gut gegen Jedermann sein! — Güte hat nach wie vor für uns keine Grenzen, keine Schranken. An den Wohlthaten, welche der einzelne Jude, wie die von Juden errichteten dem Gemeinwohl gewidmeten Anstalten erweisen, nehme auch fernerhin Jeder Theil, der ihrer bedarf, Jude wie Nichtjude! Wir wenigstens wollen es festhalten, wollen es weiter durch die Jahrtausende tragen, daß wir Alle sind Kinder eines Vaters. Wir wollen unfern irrenden Brüdern Haß nicht »achtragen! Lernen und lehren wollen wir die Tugend des „Wohlwollens"! 4. P. & Mie Iurtrerlrrankheit (Diabetes mellitus) unter den Israeliten. Von Dr. S. Kraemer. f ie Zuckerkrankheit oder der diabetes mellitus ist ein konstitutionelles Leiden, das so alt ist, wie die Medizin selbst: Andeutungen im Sanskrit beweisen uns, daß die Krankheit schon den alten indischen Aerzten bekannt war, und die Aerzte des klassischen Alterthums haben zum Theil ausführliche Abhandlungen über die Krankheit geliefert. Sie findet sich gegenwärtig ganz allgemein verbreitet über die zivilisirte Erde. Wenn einzelne Länderj wie Ceylon, Indien, Italien, in Deutschland namentlich Württemberg und Thüringen, sich durch besondere Häufigkeit und Heftigkeit der Krankheit auszeichnen, so hat nian hierfür eine Erklärung theils in den klimatischen Verhältnissen, theils in der Lebens-, Beschäftigungs- und Ernährungsweise der Bevölkerung gesucht. Viel auffallender und räthselhafter ist die allgemein und seit Langem konstatirte Thatsache, daß unter den verschiedenen Raffen gerade die Israeliten besonders häufig von der Krankheit befallen werden, und es ist ein heftiger wissenschaftlicher Streit darüber geführt worden, ob es sich wirklich hierbei um eine Raffeneigenthümlichkeit, um eine gewisse Disposition für die Krankheit handelt, oder , um eine mehr zufällige Erscheinung, die mit gewissen äußeren Einflüssen zusammenhängt. In der Pariser Akademie der Medizin, die sich eingehend mit dieser Frage beschäftigte, hat neuerdings der Kliniker Gerniain-See mit aller Entschiedenheit die Annahme, daß hier eine Raffeneigenthümlichkeit der Israeliten vorlicge, zurückgewiesen. Er führte u. A. aus, daß für die Entscheidung dieser Streitfrage drei beachtenswerthe Statistiken vorliegeu, die des verstorbenen berühmten Berliner Klinikers Frerichs, die des Karlsbader Arztes Seegen und die des Pariser Professors Bouchard. v. Frerichs giebt in seiner Krankenstatistik an, daß sich unter 400 Zuckerkranken 100 Israeliten befanden. Indessen sind diese Zahlen ohne Weiteres nicht verwerthbar, da Frerichs auf eine diesbezügliche persönliche Anfrage S4e's ohne Zögern zugab, daß unter seinen Patienten das jüdische Bekenntniß entschieden vorherrsche. Ebensowenig maßgebend ist die in ähnlichem Sinn sich äußernde Statistik Seegens (25 pCt.). Erfahrungsgemäß sind die jüdischen Zuckerkranken mehr besorgt um ihre Gesundheit und begeben sich gewissenhaft nach Karlsbad, >vo sie nicht verfehlen, den Autor hervorragender Arbeiten über die Zuckerkrankheit zu konsultiren. Bouchard erklärt: Die Zuckerkrankheit findet sich besonders häufig in den Kreisen oer Bevölkerung, die durch ihre Muße oder ihre Arbeiten der körperlichen Uebung entbehren. Da die Inden Büreauarbeiter und sitzendbeschäftigte Menschen sind, da sie die Tafelgenüsse lieben, da sie untereinander heirathen, sei es nicht erstaunlich, daß der Jude unter diesem dreifachen Einfluß Diabetiker würde. Aber Bouchard vergißt, eine wirklich zuverlässige Statistik zu geben; alle Juden sind auch nicht Komtoir-Menschen, sie sind im Allgemeinen keineswegs Schwelger und Sybariten, sondern meistentheils außergewöhnlich mäßig und anspruchslos im Essen und Trinken; das Fehlen von Kreuzungen verschlimmert keineswegs ihren Gesundheitszustand — die Erfahrungen der Zoologen beweisen eher das Gegentheil — und was schließlich die Erblichkeit der Zuckerkrankheit betrifft, so ist das eine allgenieine Frage, die sich auf alle Raffen und Bekenntnisse gleichmäßig bezieht. Eine wirklich gewissenhafte und maßgebende Berechnung hätte Bouchard in der Weise anstellen müssen, daß er Juden und Andersgläubige unter den gleichen Lebensbedingungen verglich. Wir ersehen ans alledem, daß die drei Statistiken, welche Germain-Säe Vorlagen, in der That einer wissenschaftlichen Kritik gegenüber nicht Stand halten, und daß sie zur Entscheidung der Frage, die uns an dieser Stelle interessirt, nicht verwerthbar sind. Anders liegt es mit einer neuerdings aus Frankfurt a. M. veröffentlichten, durchaus zuverlässigen Statistik, die allen Anforderungen genügt, welche wir an eine wissenschaftlich verwerthbare Erhebung stellen müssen. In Frankfurt a. M. find in den Jahren 1872 bis 1890, also in einem Zeitraum von 19 Jahren, 171 Todesfälle an Zuckerkrankheit vorgekommen. Für unsere Betrachtung sind hiervon aber nur die 13 letzten Jahre zu verwcrthen, da nur während dieses Zeitraums Notizen bezüglich der Konfession der verstorbenen Zycherkrankeii