Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1894)
- Date
- 1894-11-09
- Page
- Seite 533 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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^''‘5, ^^S'ry. «'^s.p>i.'?wn> '/-"''XrV'-'y nw; - 533 von Neuem auf das Eindringlichste zu empfehlen. Der geschäftsführende Ausschuß verdient aber den wärmsten Dank der jüdischen Gesammtheit für seine aufopfernde Mühewaltung, die in dieser Zeit so Hervorragendes geleistetkchat. . ’n' Eine Aufgabe für den Verband der Litteraturvereine. Von M. Friedeberg. Mn England giebt es eine jüdische Gesellschaft zur Verbreitung religiöser Einsicht (Jewish association for the diffusion of religious knowledge), welche Flugblätter aussendet zur Befestigung im ererbten Glauben, und wohl auch mit der Absicht, dem höchst angriffslustigen Missionswesen entgegenzuarbeite». Ein von dieser Gesellschaft herausgegebenes Flugblatt „Moses Mendelssohn" (Nr. 57) fand bei Abrah. Geiger das höchste Lob, daß es würdige Ruhe halte, Wärme mit verständiger Auffassung verbinde und heilsam wirke. Geiger sagte: „Was aber geschieht in Deutschland? In dem Lande, dessen jüdische Bevölkerung in dem letzten Jahrhundert vorzugsweise den Beruf erhalten zu haben schien, Führerin zu sein in der Entwickelung des Judenthums, läßt sich keine Gesammtthat Nachweise», ja es wird nicht einmal die Lust danach verspürt." Nun, es ist seitdem sicherlich besser geworden; auch in Deutschland haben sich seitdenr Bestrebungen geltend gemacht, um durch Vereinigung der Kräfte den geistigen Zusammenhang zu befestigen (wie z. B. im Deutsch-israelitischen Gemeindebund, im Rabbinerverband u. A.), und gerade in jüngster Zeit gehen auch unsere Lebrer ans Werk. Um der bisherige» Zersplitterung ein Ende zu machen, hat der Verband der Litteraturvereine vom Pregelstrand im Norden bis zum Schwarzwald, in dem die Wiege Berthold Auerbachs stand, ein gelungenes Werk der Einigung durchgeführt. Hier aber kann noch mehr geschehen, und warum soll das oben genannte Mittel der Flugblätter, mit dem die Abwehrvereine nach außen wirken, nicht auch nach innen angewandt werden? So gilt es insbesondere, diestudirendeJugend, welche während ihres Aufenthalts auf der Universität gar zu leicht in dem Erbe der Väter gelockert wird, auf den Ernst der Zeit mehr als bisher hinzuweisen. Nur ein geringer Theil dieser Kreise ist von der Kanzel herab zu erreichen. Gerade der gegenwärtige Augenblick, in dem die „Burschenschaften" offiziell das Kommerstischtuch zwischen sich und den jüdischen Kommilitonen zerschnitten haben, während sie in den „Burschenschaftl. Blättern" das Andenken Berthold Auerbachs preisen, wäre zu einem Flugblatt geeignet, das unfern Antheil an diesem Manne den akademischen Kreisen insbesondere schildern müßte. Auerbachs begeistertes Mitarbeiten an dem Aufgang der denrschen Einigung und seine große Bedeutung für das deutsche Volksthum ist ebenso hervorzuheben, wie seine Treue zum Judenthum. Er war auch in seinem Berufe, in seiner schriftstellerischen Thätigkeit weit entfernt, den Juden zu verleugnen; es giebt in seinen volksthümlichen Schriften eine Menge Stellen, in denen er da, wo es hiugehört, den Juden mit als ein vollberechtigtes Glied des Ganzen herbeizieht. Vorbildlich ist hier sein „Hol' über! Eine Juligeschichte vom Rhein." Diese Geschichte ist die Herzensgeschichte unser Aller, sie ist die Erzählung von den Schlachten, die wir Alle im Geiste gekämpft haben und noch kämpfe», und die tiefere Wunden im Gemüth zürücklassen, als so manche anf dem Schlachtfelde, sie malt die Verzweiflung an den edlen Zielen, de» Jammer darüber, daß wir uns an Erfolgen, die wir heiß ersehnt, nicht voll erfreuen können. Inmitten der Geschichte kommt ein Gespräch zwischen zwei Schiffern vM Der Eine erzählt dem Andern: „Drei Mann aus imserm Orte sind gefallen, zwei Christen und ein Jud',", worauf dieser entgegnet: „Was sagst du da, sie kommen Alle in eine Grube, im Tode sind alle Menschen gleich, sie sollten's auch im Leben sein." Der Erzähler reicht ihm die Hand und wir mit ihm. . . . Auf solche Männer zurückgehen, heißt fortschreiten. Darum in den äußern Kämpfen des Tages ein wenig mehr Distance, in der Arbeit im Innern etwas weniger Ghettoromantik, — in dem Mittelfeld liegt die Aufgabe der Litteraturvereine. Wohlwollen. ohlwollen, Herzensgüte ist die wahre Voraussetzung für Wohlthun. Wohlwollend und gütig sollen wir sein. — Wohlwöllen ist nicht ein Ausdruck des Temperaments, sondern die Frucht eigener, verantwortlicher Erziehung, der Erfolg einer bewußten, gewollten Veredelung des Gemüths. Seinen Willen so zl> bilden, sich durch fortwährende Schulung des eigenen Wesens zu solcher Höhe der Auffaffung zu bringen, sein Gemüth derart zu vervollkommnen, daß der Wille stets auf das Gute, das Gütige gerichtet sei, das ist das Erste, was die Sittlichkeit von uns fordert. Es ist keine Leistung, gütig zu sein gegen denjenigen, der mir Wohlwollen zeigt, oder gegen denjenigen, der mir Gutes erweist, denn Liebe erzeugt Gegenliebe, das Wohlwollen Anderer bringt nothwrudig in unserer Brust die gleiche Empfindung hervor, wenn nicht Härte und Verstocktheit darin wohnen. Wohlwollend aber zu bleiben Personen oder Klassen von Personen gegenüber, welche gegen uns gleichgiltig sind, oder welche uns übelwollen, oder welche noch stärkere, häßlichere Gefühlsäußerungen, gar Haß oder Verachtung uns eutgegenbringen, — darin zeigt sich die Bildung des Charakters, die wir anstreben. Das ist nicht leicht! Das erfordert zunächst Einsicht in die Verhältnisse. Nichts, was ist, tritt ohne bewirkende Ursache ein. Nach den Ursachen wüffen wir forschen auch der Dinge, die häßlich in die Erscheinung treten, wir müffen die Verhältnisse um uns verstehen lernen, — „Alles verstehen, ist Alles verzeihen". Begreifen wir die Schwächen, die Fehler Anderer, kennen wir deren Ursachenso schwindet gar häufig auch der Anlaß zu herbem Tadel, zu harter Verurtheilung. Es war aber auch von jeher eine tiefe sittliche Forderung unserer Religion, daß wir bei schweren Schicksalen, welche den Einzelnen wie unsere Gemeinschaft trafen, zunächst zu eigener gewissenhafter Selbstprüfung kommeil mußten: Wie war unser eigenes Verhalten, wie war unser eigenes Leben? Haben wir Gott die Treue gehalten, haben wir den Menschen die Liebe gewährt, die wir ihnen schulden? Schicksalsschläge führten immer zur Läuterung, zur Vervollkommnung, sie waren Gewitter, welche die Luft reinigten, aus welcher unsere Seele den lebenerhaltenbm Athem gewonnen hat. — Dem Bedrücker dagegen trat von unserer Seite Nicht Haß gegenüber; Verachtung vergalten wir nicht mit Verachtung. Das stille, schmerzliche Lächeln eines edlen Dulders war auf den Lippen unseres alten Israel gegenüber allem Wahn, allein Aberwitz und allen Verfolgungen! Wenn die Gemeinde Israels uni Vergebung für Verfehlungen gegen das göttliche Wesen flehte, — jahraus, jahrein. — so erflehte sie die Versöhnung nicht nur für sich: „Vergeben sei der ganzen Gemeinde der Kinder Israels, wie