Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1894)
- Date
- 1894-11-09
- Page
- Seite 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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^nfWSP 532 Nun verbot sich die Einwanderung in manche Länder schon vermöge der politischen Lage von selbst, andere konnten neue Einwanderer vyrläufig nicht unterbringen, andere endlich (vor Allem Nordanierrka) durften nicht unvorbereitet mit Einwanderern überfüllt werden, während eine wohlvorbereitcte Einwanderung für Land und Einwanderer Aon Erfolg sein konnte. Deshalb waren durch unsere Freunde in den einzelnen Ländern die Verhältnisse derselben näher zu erkunden, dann entsprechende Vereinbarungen mir den ausländischen Hilfskomitees zu treffen. Dann erst konnten die Auswanderer von den Hauptgrenzkomitees nach der Centralstation Charlottenburg — später Ruhleben —, von dort in die Häfen und von den Hafenkomitees in das auf ihr Eintreffen vorbereitete Ausland befördert werden, — dann erst war Aussicht vorhanden, daß die richtigen Leute, auf dem richtigen Wege, an den richtigen Ort gelangten, und daß die Auswanderung den Auswanderern selbst und den in Rußland Zurückgebliebenen von Segen sein konnte. Eben darum dursten wir auch keine Massenansiedelung bewirken, mußten vielmehr jeden Ort, der den geschilderten Bedingungen entsprach, für die Verschickung der Auswanderer ins Auge fassen. Unter Anwendung dieser Grundsätze sind seit dem 1. Juni 1891 56,238 Personen vollständig auf Kosten des Deutschen Central-Komitees befördert worden, während im Ganzen 191,482 Personen von hen Deutschen Komitees verpflegt und weiter befördert worden sind. Und die Grundsätze haben sich bewährt, denn von all den Beförderten sind Weniges nach Rußland zurückgekehrt; die Allermeisten haben im Auslande ihr Unterkommen gefunden. Viele haben sich bereits behaglichere Lebensverhältnisse schaffen, ja eine große Anzahl hat ihre näheren oder entfernteren Familienangehörigen auf eigene Kosten ins Ausland Nachkommen lassen können. Wenn trotzdem eine große Anzahl Ausgewanderter alljährlich nach Rußland zurückkehrt, so sind das in der Regel solche, die nicht von den deutschen Komitees ins Ausland befördert worden, die auf eigene Gefahr und unter Umgehung der deutschen Komitees gereist waren, schließlich berufsmäßige Wänderbettler. Daß alle Auswanderer, deren sich das Deutsche Central-Komtzee annahm, auf jeder Station ärztlich untersucht und ausreichend verpflegt wurden, darf nicht unerwähnt bleiben. Die Kontrole ist so geführt worden, daß auch nicht ein einziger, mit ansteckender Krankheit behafteter Auswanderer zur Beförderung gelangen konnte, und daß selbst während der vorjährigen Choleraepedemie kein einziger Auswanderer, der rüit jener Krankheit -behaftet war, die deutschen Komitees berührte. In Deutschland selbst sind nur vereinzelte Personen (in Hamburg) von jener Krankheit befallen worden. Konnte das Deutsche Central-Komitee hiernach unter Anwendung der geschilderten Grundsätze einigen Erfolg erreichen, so hat es dies her unermüdlichen und aufopfernden Thätigkeit der Mitglieder seiner Sub- Komitees zu danken, deren Leiter mit emer Erfahrung und Umsicht, Mit einer Ruhe und Besonnenheit zu Werke gegangen sind, die des höchsten Lobes würdig sind. Vor Allem aber haben von den Sichtungskomitees Königsberg, und von von den Hafenkomitees Hamburg die größte Arbeitslast zu bewältigen gehabt, und sie haben in rühmenswertester Weise alle Schwierigkeiten überwunden, den unglücklichen Auswanderern die Wege geebnet. Endlich muß noch hervorgehoben werden, wie sehr die Thätigkeit der Komitees durch die Staatsbehörden gefördert wurde. Sowohl in Preußen, wie in Hamburg haben diese Behörden dem Hilfswerk jede nur denkbare Erleichterung zu Theil werden lassen. Nicht nur das Interesse des Staats, auch Gründe der Menschlichkeit waren es, welche die Staatsbehörden ausgesprochenermaßen veranlaßten, Hilfsmaßregeln zu gestatten und selbst zu treffen, und so an der Lösung einer Kultüraufgabe mitzuhelfen, deren Bedeutung erst in späteren Zeiten ihre Anerkennung finden kann. 5lfcer Allen für das Geleistete zu danken, bleibe dem Abschlüsse des Werkes Vorbehalten. Vorläufig müssen alle Kräfte noch weiter gemeinsamthätigsein. Zwar hat die Bedrückung in Rußland zur Zeit etwas nachgelassen, auch hat die politische Lage mancherlei Maßnahmen zum _ •!/•!) Unter diesen Wenigen sind zudem Jene inbegriffen, die zufolge Todes von Familienmitgliedern, oder ergener Erkrankung, endlich aber, um in der Heimath ihrer Militärpflicht zu genügen, nach Rußland zurückkehrten. zeitweiligen Stillstand gebracht; zwar ist auch in Folge dessen der Strom der Auswanderer ein wenig eingedämmt; immerhin ist dieser Strom noch lange nicht versiegt. Tagtäglich treffen noch Auswanderer an der deutschen Grenze, bei den deutschen Komitees ein, die unserer Hilfe bedürfen. Auch muß abgewartet werden, ob und wie lange jener Stillstand fortdauern wird. Deshalb ist es auch unsere, wie unserer Freunde Pflicht, auszuharren und sich für die Zukunft gerüstet zu halten; jedoch auch gegenwärtig müssen wir, wenn gleich in geringerem Maaße den an uns herantretenden Anforderungen genügen. Bezüglich unserer Thätigkeit seit Jahresfrist ergiebt sich bereits aus dem Vorstehenden, daß seit unserm Bericht vom Oktober v. I. der Zuzug russsischer Auswanderer sich allmählich verringert hat. In Folge der Choleragefahr hatte Hamburg zunächst sein Staatsgebiet vollständig den russischen Auswanderern verschlossen. Als Verschiffungshäfen kamen daher eine Zeit lang nur Rotterdam und Bremen in Betracht. Später milderte der Hamburger Senat allerdings seine Absperrungsvorschriften, so daß die Auswanderer, wenn auch in beschränkten Grenzen, wieder Zutritt zu dem Hamburger Hafen erhielten. Andererseits aber wurde wiederum die Zulassung in Nordamerika erschwert, und zwar waren hierfür theils politische Ereignisse, theils der Umstand maßgebend, daß die amerikanischen Glaubensgenossen die große Masse der zur Einwanderung ungeeigneten Personen, welche den Wohlthätigkeits-Anstalten zur Last fielen, — es sei nochmals betont, daß dies nicht unsere Schützlinge waren — kaum mehr unterbringen konnten. Nach eingehenden Verhandlungen mit New-Uork sahen wir uns deshalb zu dem Beschlüsse veranlaßt, zur Zeit und bis auf Weiteres nur solche Auswanderer zu unterstützen, die mit vollen Schiffskarten für ihre sämmtlichen Famienmitglieder versehen bei uns eintreffen, und die mithin die Wohlthätigkeit nicht allzusehr in Anspruch nehmen Nichtsdestoweniger hat der Zuzug der Auswanderer keinen Tag geruht. Die Aufstellung über die Beförderungen vom 1. Oktober 1893 bis 30. September 1894 ergiebt, daß wir 2242 Personen befördert haben. Außerdem sandten wir nach Beuthen O /Schl., Eydtkuhnen, Thorn, Bentheim, Antwerpen, Memel ansehnliche Geldbeträge zur Bestreitung der nöthigen Ausgaben. Bentheim mußte deshalb als Zwischenstation errichtet und mit reichlicheren Mitteln versehen werden, weil dort alle an der holländischen Grenze zurückgewiesenen Auswanderer sich ansammelten. Eine schwierige Aufgabe war in Berlin zu erfüllen. Nachdem wir auf dem Auswandererbahnhof Ruhleben unsere Thätigkeit eingestellt hatten, sammelten sich viele Auswanderer in Berlin selbst. Mehrere Hunderte haben sich nach und nach im Asyl für Obdachlose aufgehalten und sind dort durch die Munifieenz des hiesigen Magistrats verpflegt worden. Von diesen Auswanderern wurde ein erheblicher Theil, der nach und nach Schiffskarten vom Auskande zugeschickt erhielt, befördert, der Rest mußte in die Heimath zurückgeschickt werden, da die Leute zur Ansiedelung im Auslande nicht geeignet erschienen. Schließlich wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß wir auch in diesem Jahre eine gewisse Anzahl Auswanderer aus Libau über Stettin via Bremen und Rotterdam nach Amerika befördert haben, für welche Herr Baron von Hirsch die Beförderungskosten zur Verfügung gestellt hatte. Der Thatsachen, die uns zur Fortsetzung unserer Thätigseit nöthigen, ist bereits gedacht. Mögen uns unsere Freunde hierin mit derselben Thatkraft und Herzenswärme zur Seite stehen, wie bisher. Der geschäftsführende Ausschuß: Justizrath Siegm. Meyer, Vorsitzender. Karl Emil Franzos, Schriftführer,. Rechtsanwalt Bernhard Breslauer, Schriftführer. Generalkonsul Eugen Landau, Schatzmeister. Fabrikbesitzer Dr. Edmund Lachmann, stellvertretender Schatzmeister. Bernhard Croner. Dr. Felix Liebermann. Regierungsrath a. D. Dr. jur. Ernst Magnus. Da der Kassenbestand sich in Folge der weitverzweigten Thätigkeit des Komitees erheblich verringerte, sind die Betriebskosten auf das geringste Maaß herabgesetzt worden. Angesichts der hier geschilderten Thätigkeit ist, da der Durchzug jüdischer Auswanderer aus Rußland, auch noch nicht eiMN-Tag-Mestockt hat, dieses Hilfswerk allen edlen Menschenfreunden, allen warmfühlenden Glaubensgenossen