Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1894)
- Date
- 1894-11-02
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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welches das rituelle Schlachten (Schächten) sowie den Koscherfleisch-Verkauf den Religionsgesetzen gemäß ordnen und Mißbräuche verhüten soll, und in welchem das Kirchenvorsteheramt auf Grund seiner seit längerer Zeit gepflogenen Berathungen und Verhandlungen im Einverständnisse mit der Königl. rsr. Oberkirchenbehörde den Grundsatz aufstellt: „Das rituelle Schlachten und Untersuchen, sowie der Koscherfleischverkauf wird als religiöse Gemeindeeinrichtung erklärt." Charakteristisch für die hiesigen Verhältnisse ist es, daß das als „Grundsatz" aufgestellt werden muß, was in anderen Gemeinden von jeher als selbstverständlich galt. Es wird in dem Rundschreiben bestimmt, daß das rituelle Schlachten und Untersuchen der Thiere von nun an nicht mehr durch die Metzger, sondern nur durch die der Aufsicht des Stadtrabbinats unterstellten und von demselben zugelassenen Personen ausgeübt werden soll, und daß diejenigen Metzger und Fleischwaarenhändler, welche ihren Koscherfleischverkauf der religiösen Aufsicht des Stadtrabbinats unterstellen und allen rituellen Anordnungen desselben gewissenhaft nachzukommen sich verpflichten, der Gemeinde bekannt gegeben werden. Nicht minder eifrig hat Dr. Kroner die Arbeit der religiösen und geistigen Hebung seiner Gemeinde ausgenommen. Es ist durch seine Verwendung den Schülerinnen des Olgastifts und des Katharinenstifts, — Mädchenschulen, die unter dem Protektorat der Königin stehen, — gestattet, am Sabbath nicht zu schreiben, wenn die Eltern es wünschen. Für einen besseren Religionsunterricht wird demnächst in der neugestalteten siebenklassigen Religionsschule gesorgt sein, für die bereits neue Lehrkräfte gewonnen sind. Auch das Vereinsleben nimmt einen neuen Aufschwung, ein „Tifereth-Bachurim- Verein", in welchem allwöchentlich am Vereinsabend Vorträge gehalten werden, und ein „Jsr. Jungfrauen-Verein", der bereits 130 Mitglieder zählt, sind ins Leben gerufen, denen hoffentlich bald ein Litteraturverein nach dem Vorbilde norddeutscher Gemeinden folgen wird, um auch hier das nur schlummernde, nicht erstorbene Interesse für Wissenschaft und Judenthum zu wecken. (D München, 26. Oktober. Im Frühjahr verunglückte in den Bergen um Partenkirchen ein Lieutenant. Der um Hilfeleistung telephonisch angegangene praktische Arzt Dr. Eder hatte im Telephongespräch u. A. die Frage gethan, ob der Verunglückte wohlhabend sei. Diese Bemerkung machte das antisemitische „Deutsche Volksblatt" zum Gegenstand eines Artikels, worin dem Dr. Eder (einem Juden) der Vorwurf gemacht wurde, er habe seine Hilfeleistung von den Zahlungsverhältnissen des Verunglückten abhängig machen wollen. Dr. Eder stellte deshalb Klage. Das Schöffengericht verurtheilte den Redakteur und Herausgeber des „Deutschen Volksblatt" zu 3 Wochen Gesängrnß. In den Urtheilsgründen wird ausgesprochen, es sei nichts nachgewiesen, daß Dr. Eder in gewinnsüchtiger Absicht die kritische Frage gestellt, vielmehr spreche sein ganzes sonstiges Verhalten zu seinen Palienten dagegen. Die Wahrung berechtigter Interessen könne dem Angeklagten nicht zugestanden werden, er habe sich nur an einem politischen Gegner rächen wollen. Oesterreich Ungarn. □ Wien, 29. Oktober. Professor Dr. Ludwig Mauthner, dessen Ableben ich Ihnen schon gemeldet, wurde mit großen Ehren zu Grabe getragen. Bei der Trauerfeier waren insbesondere die ärztlichen Kreise Wiens ungemein zahlreich vertreten, und fast sämmtliche Professoren der medizinischen Fakultät erwiesen dem dahingeschiedenen Kollegen die letzte Ehre. In der Halle des Centralfriedhofes widmete Oberrabbiner Dr Güdemann dem Dahingeschiedenen einen warmen Nachruf. „Siebzehn Jahre hat Ludwig Mauthner, wie er selber eingestanden, nach dem Lorbeer gerungen, den er als heißbegehrten Lohn seines unermüdlichen Strebens und seiner hervorragenden Tüchtigkeit betrachtete, nach der Berufung aus eine ordentliche Lehrkanzel seines Faches an der hiesigen Hochschule. Aber der Tod hat dafür gesorgt, daß dieser redlich ersiegte Lorbeer ihm nur noch um das entseelte Haupt gewunden werden kann und der Mann, der sein ganzes Leben der Erkenntniß des Auges gewidmet hat, der diese Erkenntniß durch geniale Forschungen bereicherte, und der als ausübender Arzt so Manchem das langentbeHrte Augenlicht wiedergab, er mußte seine Augen für immer schließen, in dem Augenblicke, in welchem er wie Moses das gelobte Land seiner Sehnsucht vor sich liegen sah, das er aber nicht betreten sollte. So wollte es jener Dichter, der mit rauher Hand die besten Entwürfe des Menschengeistes zerstört, um seine eigenen an ihre Stelle zu setzen, so wollte es jener Tragiker, der keine fünf Akte braucht, um uns zu erschüttern, sondern dem ein Augenblick genügt, um die größte Freude in die tiefste Trauer zu verwandeln, so wollte es der Tod. Wenn aber auch Dr. Mauthner das gelobte Land seiner Sehnsucht nicht betreten hat, so hat er es doch Bielen bereitet, er ist Vielen theuer gewesen als der beste, uneigennützigste Mensch, als der anhänglichste Freund. Er war in sich selbst ein Segen und er wird es bleiben durch sein Wirken, durch seine Forschungen, durch die Liebe und Herzensgute, die ihm Tausende verbanden. Darum wird fein Andenken gesegnet sein für alle Zeiten!" Als der Prediger unter allgemeiner Rührung geendet halte, wurde der Sarg zum offenen Grabe getragen und in die Tiefe gesenkt. Darauf trat der Dekan der medizinischen Fakultät, Professor Weichselbaum, an das Grab heran Und rief dem Todten den letzten Gruß der Hochschule zu. Er wies darauf hin, wie selten ein Ereigniß so erschütternd gewirkt hatte, wie Mauthners jäher Tod, und daß ein derartiger Fall in den Annalen der Universität ganz vereinzelt dasteht. Namens der Poliklinik sprach Professor Dr. von Reuß, ein Fachkollege Mauthners. Im Namen seiner Schüler sprach zum Schluffe Professor Mauthners bisheriger erster Assistent an dessen poliklinischer Abtheilung, Dr. Aladar Bekeß. Schmerzlich bewegt kam sodann die Trauergemeinde der pietätvollen Pflicht nach, die ersten Schollen in das Grab zu werfen. Auch Hofrath Professor Nothnagel hielt in seiner letzten Vorlesung seinem Freunde, dem verstorbenen Professor Ludwig Mauthner, einen warmen Nachruf. — Wie uns aus Graz berichtet wird, hat Landesingenieur AloisHeide gegen das im Murecker Ehrenbeleidigungsprozesse gegen den Bürgermeister Mravlag von St. Leonhard erflossene Urtheil durch seinen Vertreter Dr. Webbenau die Berufung einbringen lassen. Dieselbe richtet sich sowohl gegen den erfolgten Freispruch nach 8 496 St.-G., als auch gegen die zu geringe Strafbemessung wegen der vom Gerichtshof als vorliegend anerkannten Ehrenbeleidigung. — In der Plenarversammlung des „Donauklub" hielt Professor Dr. E. Sueß einen Vortrag über die politische Lage. Im Laufe seiner Rede berührte der Gelehrte auch den Antisemitismus, von dem er sagte: „Der Antisemitismus sei nur die Maske für eine streng reaktionäre Bewegung. Der Antisemitismus sei von der früheren Regierung als Kampfmittel gegen die liberale Partei gern geduldet worden. Der Antisemitismus ist eine mehr gesellschaftliche Frage als eine Frage der Gesetzgebung. Der gesellschaftliche Ton in Wien hat sich zum Nachtheile geändert, er ist verroht." Abg. Demel, mit lebhaftem Beifall begrüßt, wendet sich dagegen, als ob die liberale Partei ihren Gegnern ohne Kampf das Terrain überlasse. Gegen den Antisemitismus komme man mit Vernunftgründen nicht auf. Alle die vorgehrachten Lügen und Entstellungen könne man nicht entkräften. Der Antisemitismus sei eine Hydra, welche immer wieder neu auflebt, wenn man sie auch schon zerschmettert glaubt. Unter solchen traurigen Verhältnissen ist es auch oft schwer, geeignete Kandidaten für Wahlen zu finden. Denn nicht Jeder lasse sich und seine Familie, sein Privatleben und seine Vergangenheit in den Koth zerren und sich mit dem Gifte der Verleumdung und der Scheelsucht begeifern. Der Antisemitismus sei eine Pest, welche um sich gegriffen hat, jetzt aber schon im Niedergange begriffen ist. Gerade die Städte, die von derselben betroffen sind, werden am ehesten gesunden. — Der Gemeinderath hat der israelitischen Kinderbewahranstalt im 2. Bezirk eine Subvention von 200 fl. bewilligt. E. BL Budapest, 21. Oktober. Die unter dem Vorsitze des Abgeordneten Paul Mandel stattgehabte Versammlung der Freunde und Gönner des israelitischen Schulvereins entsendete eine aus den Herren Dr. Paul Mandel, Paul Temzer, Prof. Dr. Ignatz Goldzieher, Max Szabolist und Dr. Bernhard Munkäesi bestehende Kommission, welche nach gehörigen Vorarbeiten und Vorstudien der später einzuberufenden Versammlung Vorschläge zu machen hat. Mit der Ausarbeitung des Elaborats wurde Max Szabolist, der eifrigste Propagator der Schulvereinsidee, betraut. — Die Repräsentanz des vierten Distrikts hielt in Rozsahegy ihre Generalversammlung ab, welche nach Annahme eines Religionsunterrichtsplanes die laufenden Angelegenheiten erledigte und der Regierung Dank votirte. — Dr. Ignatz Heu mann, der im Tisza-Eszlares Prozesse sich als Vertheidiger hervorthat, wurde vom Obergespan des Szaboliser Komitates zum Honoraranwalt des Komitates ernannt. In Nyiregyhuza, wo man ihm sein energisches Auftreten gegen das antisemitische Beamtenpersonal noch nicht vergessen kann, wurde er vom Obergespan in den Central-