Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1894)
- Date
- 1894-11-02
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 ausschuß kandidirt. Das unversöhnliche Beamtenpersonal stimmte gegen Heumann und er fiel durch. Die erwähnte Auszeichnung soll dem wackeren Vertheidiger zur Genugthuung dafür dienen. — Ueber die schon gemeldete Grabsteinaffaire in Nagy-Jda wird nun gemeldet, daß nicht der Vorstand der Kultusgemeinde, sondern jener der Chewrah Kadischah bestraft wurde. In der gegen die behördliche Verfügung eingereichten Appellation wurde die ungarische Sprache als fremde bezeichnet, weshalb der Vorstand stch zu verantworten hatte.—Unser in Konstantinopel lebender Landsmann H. Back spendete der ungarischen Akademie der Wissenschaften, um das Studium der orientalischen Sprache zu fördern, zahlreiche türkische, arabische Werke und Manuskripte. — Dr. Joses Er dös wurde zum Richter an dem Budapester königlichen Gerichtshof, Dr. Sigmund Reichard zum Unterrichter an dem Wechselgerichtshof ernannt. — Die israelitische Religionsgemeinde, welcher Sigmund Brody 500,000 und andere Wohlthäter 70,000 Kronen zur Verfügung stellten, beginnt im Frühjahr den Bau des Kinderspitals auf dem von der Hauptstadt überlassenen Baugrunde. — Ein Mitglied der Rozsnyoer Kultusgemeinde wurde vom Vorstände wegen eines während des Gottesdienstes verursachten Skandalös zu einer Geldstrafe von 600 Kronen verurtheilt. Rußland. -- Petersburg, 19. Oktober. Aus einem Prozesse, der soeben in Katherinoslaw zu Ende ging, wird erst bekannt, daß in dieser Stadt im Monat April dieses Jahres sehr umfangreiche antisemitische Unruhen stattgefunden haben. Wie aus dem Verlaufe des Prozesses hervorgeht, trugen sich diese Unruhen in folgender Weise zu: Im Monat April war eine größere Anzahl von Juden aus der Umgebung Katherinoslaw in diese Stadt gekommen, um daselbst das Passahfest zu feiern. Dieser Zufluß von Juden von dem Lande führte zu großen Unruhen. Zunächst entstanden Streitigkeiten zwischen russischen und jüdischen Gassenjungen, woraus sich rasch ein Zusammenstoß zwischen den erwachsenen Männern beider Parteien entwickelte. Die Aufregung ergriff im Handumdrehen die ganze Bevölkerung der Stadt und es entwickelte stch eine regelmäßige Jagd auf die Juden, welche auf den Straßen mit Schlägen traktirt, deren Läden geplündert und in deren Häusern die Fensterscheiben durch Steinwürfe zertrümmert wurden. Ein jüdisches Gasthaus wurde sogar in Brand gesteckt. Die Polizei war für sich allein nicht im Stande, die Ordnung wieder herzustellen, und erst als der Gouverneur den Truppen befahl, der Polizei zu Hilfe zu kommen, gelang es, diesem barbarischen Vorgehen der Bevölkerung in Katherinoslaw ein Ende zu bereiten. Es wurden ungefähr hundert Verhaftungen vorgenommen und nach dem Verhöre sind fünfzehn Personen im Gefängniß zurückbehalten worden. Gegen diese Fünfzehn wurde soeben der Prozeß geführt, und das Urtheil lautete dahin, daß neun von ihnen frei ausgingen, während sechs zu Arreststrafen' zwischen zwei Monaten und einem Jahre und Verlust der bürgerlichen Rechte verurtheilt wurden. Afrika. Sänger, im Oktober. Aus Marokko sind in Spanien nähere Nachrichten über die Unruhen bei Marrakesch eingegangen. Danach fanden Ausschreitungen nicht in Marrakesch selbst, sondern in verschiedenen, östlich am Fuße des Atlas gelegenen Ortschaften statt. Dort sollen kleine jüdische Mellahs bestehen, gegen die sich namentlich die Volkswuth richtete. Mehrere-Händler sollen ihr zum Opfer gefallen sein, während man sich bei Anderen mit Plünderung der Läden begnügte. Einige jüdische Frauen sollen als Sklavinnen verkauft worden sein. Eine andere Ursache der Unzufriedenheit bildet dort einer der stch in Marrakesch aufhaltenden Gouverneure. Er hat die Kabylen von Rajanea, Chembran und Kiuta gegen sich, und diese scheinen nach der Stadt gezogen zu sein, um seine Bestrafung oder Auslieferung durchzusetzen. Von Nah und Fern. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Wettbewerbe um die Preise der Michael Beerschen Stiftungen für Bildhauer und Maler jüdischer Religion. — Der hier tagenden Generalsynody liegen u. A . auch der Antrag der brandenburgischen Provinzialsynode über das Ueberhandnehmen christlich-jüdischer Mischehen und der der westfälischen Synode über die Eidesleistung vor Gericht vor.— Am 16. Oktober starb in Posen der frühere Lehrer Benjamin Potsdamer im hohen Alter von über 90 Jahren. Der Verstorbene, ein Mann von umfassendem Wissen und makellosem Charakter, hat in der Gemeinde Schroda fast 50 Jahre hindurch als erprobter Lehrer in strengster Pflichterfüllung gewirkt. — In Krotofchin wurde in der Synagoge, deren Renovation über 40 000 Mark gekostet hat, während der hohen Feiertage zum ersten Mal der Orgelgottesdienst abgehalten. Nach den Feiertagen^ soll ein ständiger Damenchor daselbst eingeführt werden — In Stolp i. P. ist der Stabsarzt a. D. Dr. med. Julius Born zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt worden. — Der Viehhändler Jakob Nußbaum von Bettenhausen wurde bei Trübes ermordet und ausgeraubt. — Der in München verstorbene Augenarzt Dr. Perles war in Folge von Infektion durch bakteriologische Reinkulturen, welche er zu wissenschaftlichen Zwecken angelegt hatte, erkrankt. — Oberkantor M. Rosenhaupt in Nürnberg, der als Kantor sowohl in sanglicher als auch in musikalischer und fachwissenschastlicher Beziehung allseitig geschätzt wird, feiert am 4. November d. I. seine silberne Hochzeit. — Die Großherzogin von Baden besuchte jüngst das israel. Kranken- und Pfründnerhaus in Mannheim, wo-sie von den Oberräthen Bens- Heim und Dr. Staadecker und dem Hausarzt Dr. Kahn empfangen wurde. Die hohe Frau sprach stch über Alles, was sie gesehen, sehr befriedigt aus. — Der Gemeinderath in Straßbuvg i. E. hat den Bauplatz für die Errichtung einer neuen Synagoge unentgeltlich überlassen und 200,000 M. Baarzuschuß zu geben einstimmig beschlossen. — Der Hörer des jüd.-theol. Seminars in Breslau, Dr. Josef Bur st yn, Sohn des Herrn Bezirksrabbiners Burstyn in Sereth (Bukowina), wurde einstimmig zum Rabbiner und Prediger in Rakonitz (Böhmen) als Nachfolger des Rabbiners Dr. I. Rabbinowiez gewählt. — Aus Budapest wird berichtet: Die Ausschüsse des Magnatenhauses verhandelten um 29. d. M. das Renuntium des Abgeordnetenhauses über die unveränderte Zurückleitung der Gesetze betreffend die freie Religionsübung und die Judenrezeption. Die erstere Vorlage wurde nach längerer Debatte mit Aufnahme mehrerer Bestimmungen, welche die religiöse Erziehung konfessionsloser Kinder sichern, angenommen. Der vereinigte Dreierausschuß des Magnatenhauses nahm sodann auch den Gesetzentwurf, betreffend die Rezeption der Juden, unverändert an. — Unter andern berühmten Schätzen besitzt die portugiesische Synagoge in Amsterdam ein Becken, das die Kohanim bei der Händewaschung benutzten: es ist ein Meisterwerk Benvenuto Cellini's, für welches bereits wehr als 150,000 M. geboten wurden. Die Gemeinde will es aber um keinen Preis verkaufen. — Ein sehr feierlicher Bittgottesdienst für die Genesung des Zaren fand in der großen Synagoge zu Petersburg statt, bei welcher Gelegenheit eine Kollekte für die Armen der Stadt Petersburg ohne Unterschied der Religion veranstaltet wurde. Der Betrag dieser Geldsammlung ist an das Stadtoberhaupt von Petersburg, General v. Wahl, abgeführt worden. — Bon 273 Juden, welche in Odessa die öffentlichen Schulen befriedigend absolvirt und um Zulassung zur Universität gebeten haben, ist nur 7 (sieben) dieses Recht gewährt worden. In der Universität Kiew find von 197 Applikanten 39 als Studenten ausgenommen worden. — In Gibraltar ist einer der angesehensten und wohlthätigsten Bürger, Y. Bergel, gestorben und unter allgemeiner Theilnahme der Bevölkerung und der Behörden begraben worden. — Der englische Archäologe Dr. Bliß, der im Aufträge des „Palestine Exploration Fonds" im heiligen Lande Ausgrabungen voruimmt, meldet, daß er in einer Tiefe von wenigen Fuß in Jerusalem auf die alte Stadtmauer gestoßen ist. Er will die Fundamente dreier großer Thürme entdeckt haben. Ebenso hat er ein Thor aufgefunden, dessen Schwelle noch zu sehen ist. Diese Schwelle befindet sich vier Fuß über der alten gepflasterten Straße, die an diesem Punkte durch die Mauer führte. Als Dr. Bliß tiefer grub, fand er die Schwelle eines noch älteren Thores. — Die Direktion der Bahn Jaffa-Jerusalem hat soeben ein Gesuch nach Konstantinopel geschickt, damit ihr von der Hohen Pforte die Konzession ertheilt werde, ihre Bahnlinie über Jericho bis zum Jordan und dem Tobten Meere verlängern und zugleich auch auf letzterem einen Dampfschiffsverkehr errichten zu dürfen. — Nach spanischen Blättern wurden kürzlich in Mexico in einer Grotte drei jüdische Leichen gefunden. Näheres über diesen interessanten Leichenfund ist bis jetzt nicht bekannt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion- Mar Bauckwitz in Berlin.