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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-02 · Heft 44 (2.11.1894) · p. Seite 528

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 44 (2.11.1894)
Date
1894-11-02
Page
Seite 528 (sequence 12)
Language
German
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528 nur daß der Engel nicht davon flog, sondern am Eingang harrte auf den heimkommenden Hausherrn (den Engel des Bösen habe ichnie gespürt). Alles lauschte, trotz des gedämpften Plauderus, untz sah erwartungsvoll nach der Thür, — endlich jauchzen die Kinder auf: „Vater kommt!" und eilen ihin entgegen. Er tritt herein, lind iudein er nacheinander Jedem der Kleinen die Hände auf das geliebte Köpfchen legt, spricht er leise den Segen (warum nur leise? Beim Segen meine ich immer: je hörbarer, je besser). Dann nahm er die Kleinsten an die Hand, die Größeren gingen hinter, vor und neben ihm (ich glaube, das Dutzend war beinah voll), und so schritten sie im geräumigen Gemach auf und ab und sangen: Rührend mischten sich die hellen Kinderstimmen mit der sonoren Stimme ihres Vaters. Dann gings zur Tafel; der Kiddnsch über Wein und Brod, die religiösen Gesänge mit ihrer herzergreifendeis Abwechslung zwischen lautem Jubel und ernstem, eifrigem Dank für den Allerhöchsten, — der Abend ist mir unvergeßlich." „Aber wenn der Arzt obgerufm wird —" „Das war in der That der Fall. ES kam ein Bote, und Dr. A-. mußte uns für eine halbe Stunde verlassen. Das ist nirgends verboten; im Gegentheil, Bibel und Talmud erlauben, ja fordern) daß man auch am Sabbath seinem Mitmenschen Hilfe leiste." Eine Pause entstand. Die junge Frau sah träumerisch vor sich hin, das Kind starrte mich mit feinen großen blauen Augen an, der Vater nahm zerstreut des Knaben Händchen und spielte damit; Ich fragte:' j „Was haben Sie denn nun statt des Sabbaths?" „Nichts." * „Nichts! — Also — nichts. — Sie, als Arzt, als Naturforscher, als gebildeter Mann und moderner Mensch niüssen wisirp das „Nichts" hat noch nie etwas zu Wege gebracht, mit dem Nichts ist jede Güte und Größe, jede That und Erfindung, alles Dasei« unmöglich. Irgend etwas, — und sei es das Unbedeutendste süß das „Nichts" einzutauschen, — ist — mir fehlt der parlamentarische Ausdruck." J Er antwortete nicht. Noch immer starrten die blauen Kinder^ angen mich an. Ich fühlte, daß es mir heiß zu Herzen und in di« Augen drang. „Wiflen Sie, daß ich mit Ihren: Kinde da in diesem Augenblick wirklich Mitleid habe?" Der Vater sah mich betroffen an. ° „Warum?" ) „Ich kenne ein Bübchen in Karlsruhe — ein dreijähriges, wie das Ihre (d. h. jetzt wird er freilich schon vier Jahre alt sein!) — das sich die ganze Woche auf den Schabbes freut, und am Freitag Morgen schon fängt er an zu singen: ,-sNVVI miK HT DT’ nniJö rotP und so fort den ganzen Tag. und überwacht das Tischdecken und die Toilette seiner Mama, und jauchzt und springt und tollt herum, und sitzt dann bei der Abendtafel mit großen verklärte^ Augen, singt Alles mit, ja, ist so eifrig dabei, daß, wenn der Papa zu langsam ist, oder als aufmerksamer Wirth seinen lieben Gästen ein Wort sagt oder etwas bietet, dann intonirt das Bübchen ganz allein das Folgende und strahlt vor Wonne, daß er Alles weiß) wenn er auch die Worte nicht alle versteht, er fühlt sich in gehobener Stimmung, — und dies ist die Stimmung, auf der allmählich die Religiosität emporkeimt; ja, er wil) auch sein Gebetbuch haben, und, wunderbar genug, er weiß darin Bescheid. Jetzt" — ich sah auf die Uhr — „während Ihr Knabe da still und ernst in der Ecke sitzt und „Nichts" hat — weiß si<H jenes Bübchen im Vorgeschmack des Sabbaths vor Lust und Freudr nicht zu laffen, und das ganze Haus jubelt und singt mit ihm." Wir waren in dem Dorfe vor dem Hüttchen der Kranken angelangt. Auf dein Heimweg hielt die Mutter das Kind auf dem Schooß; es schlief; ihr aber waren die Augen feucht. Plötzlich sagte ihr Mann zu ihr, — es sollte wie Scherz klinge»,. aber deutlich klang die tiefere Bewegung hindurch: „Wie wär's, wenn wir den Sabbath einführten?" „Still, still!" bat ich, „Ihre modern gesinnte Schwiegermutter leidet es doch nicht!" „Ja — aber meine Eltern," murmelte er und brach ab. Als wir die Stadt wieder erreichten, fragt« er auf einmal ohne Weiteres und sehr ernst: „Das aber möchte ich noch hören. Wie denken Sie über die Juden, die sich taufen laffen?" „Nein, lieber Doktor," lachte ich (nur mit den Lippen, meine Augen, glaube ich, führten eine sehr ernste und scharfe Sprache mit den seinigen), „für jetzt ist es genug! Nachmittag fahre ich wieder mit, und dann können Sie meine Meinung hören, die Sie vermuthlich nicht erwarten, — denn ich theile die Juden überhaupt in zwei Gruppen — die eine —" Ich unterbrach mich, denn wir waren angelangt, und das blauäugige Bübchen erwachte. Kprechfaat. Sehr geehrter Herr Redakteur! lljährlich am 28. November vereinigt sich das Osfizierkorps des seit Jahren hier garnisonirenden 16.. Regiments (3. weflfäl Infanterie), um bei gemeinsamem Mahle das Gedächtniß des 28. November, des Tages der Schlacht bei Beaune la Rolande, zu feiern. Es ist dies der Ehrentag des Regiments, der mit dem Namen der Schlacht unauflöslich verknüpft ist. Beim Lesen der Geschichte desselben, angeregt durch einen Artikel in Nr. 38 Ihrer geschätzten Zeitung, finde ich zufällig folgende Episode, die Ihren Lesern nicht uninteressant sein dürfte, und die ich hier im Auszuge wiedergebe. Die ganze Stadt war in Dampf gehüllt, die Hitze fast unerträglich, die Lage des Regiments immer mißlicher. Das Kommando lautete: „Die Position muß auf alle Fälle event. mit dem Bayonett gehalten werden, Rückzug unmöglich." Die Dämmerung des unfreundlichen Herbsttages begann früher als gewöhnlich hereinzubrechen, die Franzosen wichen nicht, dem Patronenmangel war keineswegs überall abgeholfen, es mehrten sich die Verluste. Mit den Nebeln, die verdunkelnd sich auf ihre Umgebung niedersenkten, sank auch für Manchen Hoffnung und Vertrauen, noch länger die Stadt vor der Uebermacht gehalten zu sehen. Doppelt unermüdlich schien sich der Einzelne zu beeiferm so weit seine Kräfte reichten, das unabwendbar nahende Geschick, das die ganze blutige Arbeit des Tages zu einer fruchtlosen zu machen drohte, durch Ruhe und Besonnenheit, durch pünktlichen Gehorsam und angestrengte Leistungen noch wenigstens auszuhalten, wenn nicht mehr abzuwenden. Durch Nebel und Pulverdampf aber leuchtete sogar ein Blitz unverwüstlichen Soldatenhumors. Gerade war es 4 Uhr, als eine Granate den Kirchthurm und mit ihm das Uhrwerk traf, dessen Zifferblatt klirrend zu Boden fiel. „Centtum" ruft der Musketier Abraham Windesheim der 4. Kompagnie, der sich schon „vorher durch besonders sicheres Schießen ausgezeichnet" (wie es wörtlich in der Geschichte des Regts. heißt), lachend aus, und wiewohl die Schlacht gerade furchtbar tobt, pflanzt fich das Wort, pflanzt sich das.Lachen in der ganzen Schützenlinie, fort „belebend und ermuthigend" (wie es auch wörtlich heißt): Windesheim erhielt später das Eiserne Kreuz. Köln, 24. September. Moritz Stiel. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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