Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1894)
- Date
- 1894-11-02
- Page
- Seite 527 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228085--51234-3274087- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
527 hatten, sondern gleichförmige Töne, verworren, mit Verbesserungen wiederholt und schattirt — offenbar Hebungen oder eine Lektion. Dieses Spiel machte ihn ungeduldig, ärgerte ihn, und doch bebte er vor Erregung: ach, wenn er dort sein dürfte! Er hatte nicht heinerkt. daß er seit einigen Augenblicken von einem jungen Herrn beobachtet wurde. „Seid Ihr Jizchak Gras?" fragte dieser endlich. Jizchak wandte sich erschrocken um. „Ja, Herr," sägte er, seiner Verlegenheit Herr zu werden trachtend. „Ich warte hier auf den Herrn Bauer." „Der bin ich eben." Jizchak verbeugte sich und drückte warm die ihm gereichte Hand, wie die eines guten Freundes, wiewohl der junge Herr wenig seinem Bruder glich. (Forts, folgt.) Gine Spazierfahrt. Bon Nahida Remr>. I. as heißt, eigentlich keine richtige Spazierfahrt, keine zum bloßen müßigen Vergnügen, auch keine zur Erholung, sondern die Landfahrt eines Arztes aus einer Stadt (60—70,000 Einwohner) hinaus auf ein Dorf, in welchem ein armes Weib krank darniederlag, — dies war die Fahrt, die ich mitmachte, um Land und Leute kennen zu lenwn. Das von hohen Pappeln bestandene Ufer des breiten Flusses, die saftigen Wiesen, die gemüthlichen Mühlen, deren Flügel freilich stillstanden, weil kein Wind wehte, die Alles vergoldende und verklärende liebe Sonne, dazu ein bequemer Wagen, treffliche Pferde — Alles regte mich an, und überdies amüsirte ich mich über den gemeinsamen Typus, den wir vier Jnsaffen des Wagens trugen, der Mann blond, seine Frau blond, fein Kind, blond und ich blond — Alle blond! Aber jene: Juden, und ich — Nichtjüdin. Und ich sah vergnügt aus (freilich fuhren wir zu einer Kranke», aber wir brachten ihr doch den Arzt) und Jene — nicht vergnügt. Warum? Forschend blickte ich das Ehepaar an, und prüfend fixirte mich der Arzt. Da lachte ich hell auf. „Man sieht's, daß wir uns erst seit gestern kennen! Wir studiren noch unsere Mienen!" „Das nicht, wer Sie nie gesehen/ kennt Sie doch, gnädige Frau, —" „Bitte, blos „Frau Doktor" — „Aber ich wundere mich, daß Sie bei Ihrem ernsten Studium so wohl, so blühend ausseheu und sich solche Frische und Fröhlichkeit bewahrt haben." „Als ob inein Studium mich nicht beglückte! Glück macht froh und erhält gesund. Werden Sie denn nicht auch höher und freier gestimmt, wenn Sie wiffenschaftlich beschäftigt sind? Oder" — ich wandte mich zur Frau — „wenn Sie sich z. B. in die großartige Geschichte Ihres Volkes vertiefen und die Fortschritte —" „Geschichte meines Volkes?" unterbrach mich die junge Frau mit halblauter Stimme und sah zur Seite — „die kenne ich gar nicht." ' Weg Fröhlichkeit! Weg Frische und munteres Lachen! Ist es möglich, daß ein Wort die Sonne verdunkeln kann? — So war mir zu Muthe. Pappeln, Ufer, Wiesen, Mühlen, Sonne — Alles weg. Ich fühlte nur das Stoßen der Rüder auf dem holprigen Sandwege, das ich vorhin nicht bemerkt, und sah nur die blassen Gesichter um mich, und glaube, wurde selbst blaß. Jüdin seii«! Angehörige des Volkes, das sich schon einer hohen Kultur erfreute, als die Germanen noch in Fellen herumliefen und Wurzeln fraßen, — Angehörige des Volkes, welches das Weib so ehrte, daß es sie die „Gehilfin" des Mannes nannte, seinen Stolz und seine Krone, während die Germanin so verachtet war, daß sie den Tisch des Mannes, .ja, das Gemach meiden mußte, wenn er eintrat. Jüdin sein! Angehörige des Volkes, das der Menschheit die Bibel schenkte, das der Welt die ewigen Grundlinien der Religion und Moral vorzeichnete, Grundlinien, welche wohl mit auslaufenden und abschweifenden Schnörkeln und Schattirungen versehen und, ach! wie oft verdunkelt worden, aber nimmer.(nein, wahrlich!!), nie und nimmer verbessert und übertroffen werden können! — Und eine Angehörige dieses Volkes weiß von alledem nichts?! Sitzt stumpf und dumpf da und zuckt die Achseln, sieht zur Seite in den Sand und murmelt: „Kenne ich ja gar nicht!" Ich weiß es, die Erscheinung ist mir nicht neu. Sie bereitet mir seit Jahren, seit ich mehr mit Juden in Verkehr komme, einen steten, stillen Schmerz. Der Widerspruch ist so ungeheuer! Dem Volke angehören, das den Gesetzgeber aller zivilisirten Nationen, das die Propheten, Wortführer einer Ethik für Alle, hervorbrachte, die Psalmisten, deren Gesänge alle Kirchen füllen, in denen die .menschliche'Stimme zum Lobe Gottes ertönt-- und diese Auszeichnung mit Gleichgiltigkeit hinnehmen, ja, vielleicht sich ihrer schämen . . . ein Widerspruch, so häßlich, wie eine klaffende, eiternde Wunde . . . aber viel, viel erschreckender als diese, i Sollte ich die Frau fragen: „Warum interessirt Sie nicht die Geschichte Ihres Volkes?" Dann hätte ich die unzählige Mal gehörte Antwort erhalten: „Ich habe keine Zeit," oder dergleichen, wo -sich doch Zeit, für Alles findet, selbst für Towöte und ähnlichen Talmi. Ein Schweigen lag ringsum. Der niedrige Flug der Raben und heraufziehende Wolken verkündeten nahendes Unwetter, aber es lag noch weit, weit hinten . .. nur schweigende Spannung um uns, in uns, auf uns. Still grübelten wir Alle und doch unterredeten -sich unsere Augen. Da fiel mir ein: „Heute ist Freitag", — und zur Frau gewendet: — „es war doch wohl unbescheiden, Ihre Einladung anzunehmeu; Sie haben heute zu viel zu thun, heute zum Schabbes." „Wir feiern keinen Sabbath." Keinen Sabbath! — Wenn ich das Wort höre, berührt es mich wie Blasphemie. Der Arzt aber kam seiner Gattin zu Hilfe. „Wir können keinen Sabbath halten, denn ich habe als Arzt zu viel zu thun." Ein liebes Bild der Erinnerung nahm mich plötzlich ganz gefangen. Ich erzählte: „Es war in Hamburg, im Hause eines vielbeschäftigten, hochangesehenen Arztes. Der Sabbathabend war herangekommen, die Hausfrau hatte ihre liebgewohnten Vorbereitungen beendet und sich -schön gemacht, die Lichter brannten auf der festlich geschmückten Tafel, die Familienmitglieder kamen im Sabbathstaat alle herbei und begrüßten^ sich mit Mein ernsten Frohsinir, den ich — in welchem Lande ich auch immer war — gerade an diesem Abend, in dieser Art und Weise bei guten Juden fast überall getroffen; — ein Gespräch wollte nicht recht in Gang koninren, nur ein trauliches Winken 'und Fragen, ein freundliches Blickeir und Aneinanderschmiegen der -Kinder untereinander oder an die Mutter und Großmutter (ich kenne -kein gutes jüdisches Haus ohne zärtlich geliebte Großmutter!). Leise Worte flogen hin und wieder; — wenn das Sprichwort vom Engel, der durch die Lust fliegt, je Sinn für mich hatte, so war's hier,