Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1894)
- Date
- 1894-11-02
- Page
- Seite 526 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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526 II. Als er ziemlich spät aus seinem ungewöhnlich bequemen Bette sprang, nahm er ein frisches Hemd, band ein röthliches Tuch um den Hals, putzte sauber seine samstägliche Bekesche und den Hut, und machte sich auf den Weg. Das Herz klopfte ihm gewaltig. Schon oben hatte ihn das Geräusch der Straße, das Wagenrafseln erreicht. „Ja, das ist Lemberg!" sagte er sich mit Angst und einer gewissen Befriedigung. „Wie wird es mir auf diesem Meere ergehen? Werde ich ertrinken, oder mich auf der Oberfläche erhalten können?" Auf der Treppe begegnete er einigen Jude», welche gleich ihm lange Röcke und Seitenlöckchen trugen. „Ihr seid kein Hiesiger?" fragten sie ihn vertraulich. „Nein." „Was macht Ihr hier?" Das Gespräch begann ihm peinlich zu werden. „Ich habe ein Geschäft zu besorgen," erwiederte er sich eiligst entfernend. Auf der Straße begann er umherzuschauen. Das Getöse betäubte ihn. Es mochte beiläufig zehn Uhr sein. Auf dein breiten Trottoir bewegten sich ganze Schaaren lärmend und eilig, sich gegenseitig stoßend und vorwärts schiebend. Der Himmel hing gleich einer riesigen, blaugefleckten Bleikuppel iiber der Stadt.. Die Luft war faul und neblig. Die zweistöckigen Häuser waren düster und schmutzig. Durch die Mitte der Straße zog träge die Pferdebahn, welche Jizchak neugierig betrachtete, fortwährend eilten einzelne Personen oder kleine Häuflein vorüber, Wirthinnen mit Marktkörben am Arme, und Männer, wie die Beamten von Sapiecko am Sonntag gekleidet. Hier erschien eine Uniform, öon der dunklen Kleidung der übrigen Bevölkerung grell abstechend; dort lungerte eine Gesellschaft von Müßiggängern an dem Thore einer Schenke, leise flüsternd, dann wieder in laute Scherze ausbrcchend, ihre Lumpen schüttelnd. In einer Straßenecke standen lachend und schäkernd einige Frauen am Brunne». Droschken fuhren vorüber, hier und da zog ein junger Bursche einen Handwagen.mit Maaren im Thorweg saßen Jüdinnen, verdeckte Mulden auf den Knieen haltend und laut rufend: heiße Bobelech, heiße! (heiße Bohnen). Die jüdische Mundart war in dieser, gleich einem Ameisenhaufen beweglichen Straße vorherrschend. Jizchak ging langsam, er war eigenthümlich verstimmt. Bald sah er sich an einer völlig anderen Stelle. Er stand zwischen einer Doppelreihe hoher, prächtiger, in zierliche Thürmchen anslaufender Bauten, welche mit verschiedenartigen Bildhauerarbeiten und architektonischen Figuren, sowie mit Ballonen ausgestattet waren, auf welchen Oleanderbäume welkten. Die untere Hälfte der meisten Häuser barg Handlungen, deren Schilder glänzten und deren Auslagen strahlten und mit ihren Herrlichkeiten imponirten. In dieser Straße war es reinlicher, ging es ruhiger zu; es gab weniger Menschen, diese hatten aber ein besseres Aussehen; sie eilten raschen Schrittes dahin, von Zeit zu Zeit vor den anderen die Hüte lüftend oder einander mit einem Händedruck begrüßend. Seine ganze Umgebung scharfen Blickes messend, ging Jizchak weiter. Er blieb vor einem großen Gebäude stehen, auf dem der zweiköpfige Adler tronte und die Aufschrift k. k. Gymnasium zu lesen war. Die Frontseite dieses Gebäudes war oben mit walzenförmigen Vertiefungen versehen, an welchen sich die Statuen einiger nationaler Berühmtheiten befanden. Manche dieser Namen kannte Jizchak bereits. Zum ersten Mal aber sah er solche Bildsäulen, zum ersten Mal wurde seine Phantasie von dem Ausdrucke der Huldigung und Verehrung berührt, deren sich die Meister der Gesellschaft erfreuen. Da öffneten sich die Thore des Instituts, und ein fröhlicher, lärmender, aus mehreren Hunderten von Köpfen bestehender Schwarm strömte aus demselben hervor. Jizchak blieb abseits stehen. . Auf den Trottoirs wogte die Kinderschaar. Hüpfend und schreiend, die Bücher unter dein Arm, plauderten sie mit ihren jungen Stimmchen, lachten und tollten sie laut, und als Jizchak diesen, dem Bienenstock entflogenen Schwarm betrachtete, fühlte er sich in der Ueberzeuguug, daß ein jeder dieser Knaben viel mehr als er verstehe und bessere Aussichten für die Zukunft besitze, über alle Maßen gedemüthigt, beschränkt und klein. Weiter bemerkte er einige Reihen Studenten, den früheren an Wuchs und wahrscheinlich auch an Bildungsgrad weit überlegen. Manche hatten einen ernsten, reifen Ausdruck, andere noch ein kindisches Lächeln und Aussehen. Alle aber waren mit Lernuteusilien bewaffnet, alle schwatzten munter, geräuschvoll und lustig, oder zeigten einander etwas in ihren Büchern und Heften. Wie in einem Bienenkörbe sunimte es um diesen Sitz der Jugend und Freiheit, der Hoffnung und des Glaubens; der achtzehnjährige gewesene Rabbinatskandidat aber stand in einer Ecke, mit gepreßtem Herzen und Thränen im Auge. Wie beneidete er einen jeden von diesen Schulbuben, wie gern hätte er Jahre seines Lebens hingegeben, um in ihren Kreis zu gelangeil! Er fühlte sich arm, unglücklich. . . . Wird er ihnen je gleichen, diesen älteren, gewiß den höheren Klassen angehörenden Studenten, deren jeder einen so riesigen Vorrath Wissens besitzt und bald ein fertiger Mensch werden wird, dem alle Schranken geöffnet stehen. ... Er blickte in die Höhe. Dort glänzten im Sonnenschein die Denkmäler großer Männer. Jizchack wußte es: wohl nlancher von ihnen hatte schwer begonnen, bitter gekämpft, und jetzt leuchtet er seinem Volke als Vorbild. Er seufzte und bcgaim sich nach der Straße zu erkundigen, in welcher die Bauers wohnten. Er brannte vor Ungeduld. III. Frau Bauer war die Wittwe eines höher» Bankbeamten; ein bedeutendes Wittwengehalt und eigenes Vermögen reichten zu einem angenehmen Leben und einer sorgfältigen Erziehung der Kinder hin. Jizchak traf sie bei einer Konferenz mit ihrer Köchin. Er näherte sich schüchtern und sprach mit einer tiefen Verbeugung: „Guten Morgen." „Ach, Ihr seid hergekommen," rief sie mit einem gutmüthigen Lächeln, „meine Kinder werden sich sehr freuen." i Sie führte ihn in eilt Nebenzimmer. „Setzt Euch; mein jüngerer Sohn kommt bald." ‘ Jizchak sah sich in der Stndeiitenstube um. Stöße von Büchern lagen am Tisch, im Schrank und auf Regalen; an den Wänden hingen vorwiegend geschichtliche Bilder, auf dein Schreibtisch standen Büsten eines Mickiewicz und Slowacki. Zerstreut ließ er seine Blicke Herumschweifen, ging auf und ab und sah in den Salon hinein. Wird sie denn bald erscheinen? Da erklangen die Töne eines Klaviers. „Ach, da spielt gewiß Fräulein Lola!" An die Thür gelehnt, lauschte er andächtig: wie gern wäre er zu ihr geeilt, üm sie nach alter Gewohnheit zu sehen und zu begrüßen, sie zu fragen, ob sie ihm auch fürderhin so hold sein und ihm Unterricht urtheilen werde, sie um Erkärnng vieler neuerlangter Ausdrücke zu bitten. . .. Vorläufig aber hörte er zu. - Es waren nicht jene herrlichen, durch Ernst und Empfindung hinreißende Weisen, die ihn im Walde berauscht