Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1894)
- Date
- 1894-11-02
- Page
- Seite 524 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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524 befolgen, Gesundheit, langes Leben und zahlreiche Nachkommenschaft; verheißen, und die Drohung, daß die Sünden der Väter sich bis ins vierte Glied rächen werden, auch in physischem Sinne aussprechen. Man hat den Verfasiern des rabbinischen Gesetzes den Vorwurf gemacht, daß sie durch ihre zahllosen religiöseil Ceremonien die jüdische Orthodoxie geschaffen, den Geist des jüdischen Volkes für Jahrhunderte in Fefleln geschlagen hätten. Mögen sie nun thatsächlich die Urheber dieser Erscheinung im geschichtlichen Dasein der Juden sein, oder mögen sie blos, wie Nossig dies ansemandersetzt, die Unvermeidlichkeit einer solchen Epoche vorausgesehen lind sich derselben in ihren Einrichtungen anbequemt haben, — immerhin war das gesammte Ceremonienwesen nach der Absicht seiner Schöpfer nichts Anderes als ein weise angelegter Zaun um das Gesetz und um die Nation. Es war ein politisches Werkzeug, ein sozialhygienisches Mittel, welches den Endzweck aller Politik und Sozialhygiene verfolgte: die Sicherung der Dauer des Volkes. Es war kein leeres Wort für die Söhne Israels, es war, um mit der Bibel zu sprechen, ihr Leben. Vortrefflich kennzeichnet der Verfaffer die sozialhygienischen Einrichtungen und Vorschriften der altorientalischen und der klassischen Völker dahin, daß sie von dem Grundprinzipe beseelt sind, ein Volk könne nur dann wahrhaft gedeihen und bestehen, wenn es in sozialhygienischer Beziehung nicht seiner Willkür überlassen, sondern planmäßig geleitet wird, und wenn diese planmäßige Leitung alle Hauptseiten des Volkslebens in entsprechender Weise regelt. Ebenso zutreffend bemerkt er, indem er sich zu dem zweiten Theil seines Werkes wendet, welcher die Geschichte der modernen Hygiene behandelt, daß wir das Modell für die Organisation der sozialhygienischen Leitung der heutigen Völker weder von Lykurg oder Plato, noch von Moses oder Maimonides entlehnen können, da die Menschheit in steter und stetiger Entwickelung begriffen ist. Demgemäß müffen da, wo früher die Gründe der Autorität allein siegreich waren, heute immer mehr die der Aufklärung und der Urberzeugung wirksain werden. Das Gesetz der Entwickelung hatte es auch zur Folge, daß der Sieg des Christenthums, welcher für die ethische Kultur der europäischen Völker von großer Tragweite war, für die hygienische Kultur eine Epoche des Verfalls inaugurirte. Die christliche Religion, welche eine so durchgreifende Macht über die Seelen errang, daß sie fast alle Seiten der privaten Lebensführung und den Charakter des Staatslebens beeinflußte, lehrte nämlich in unerbittlicher naturuothwendiger Reaktion gegen die Ausartung der antiken Lebensanschauung in wüsten Materialismus die vollständige Verachtung des irdischen Lebens und die unbedingte Aufopferung des leiblichen Wohles zu Gunsten eines ewigen seligen Lebens im Jenseits. Erst die großen geistigen Befreiungsthaten, welche den Anbruch der Neuzeit bezeichnen, die Renaiffance und der Protestantismus, haben die Wiedergeburt der Hygiene als Wissenschaft und Praxis angebahnt. Einen höheren Flug konnte sie freilich erst dann nehmen, als die Naturwissenschaften sich mächtig entfaltet hatten. Die Geologie mußte uns mit der Beschaffenheit des Bodens vertraut machen, ehe man den Einfluß des Bodens auf die Gesundheit des Menschen untersuchen konnte; die Zoologie und Botanik mußten die Vermehrung und Verbreitung der Schmarotzer in helle Beleuchtung rücken; die physikalischen Wissenschaften mußten den Einfluß der Wärme, des Lichtes und der Elektrizität auf unseren Organismus feststellen; die Chemie mußte den Werth der Nahrungsmittel und die Veränderungen derselben in der Wirthschaft und im Organismus klar machen. Die Anatomie und die Physiologie, die genaue Kenntniß des Baues der Organe und des Mechanismus der Funktionen des menschlichen Körpers, svar eine conditio sine qua pon für beit Hygieniker, welcher den Einfluß verschiedener Agentien auf diese Organe und ihre Verrichtungen erforschen sollte. Und schließlich mußte einer wissenschaftlichen, zielbewußten und wirksamen Hygiene eine weit gediehene Erkenntniß der krankhaften Veränderungen der Organe und ihrer Funktionen vorangehen. Wollte man die Gesundheit schützen, so mußte man zuvor wissen, gegen welche Feinde matt sie zu vertheidigen habe; die Hygiene mußte also die Entwickelung der modernen Pathologie abwarten. In der That setzte der ungeahnte Aufschwung der Naturwissenschaften und der Medizin, die gleichzeitige Entwickelung der Sozialwissenschaften und besonders die der Nationalökonomie und der Statistik die Hygiene in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Stand, die Ursachen und die Natur der massenmordenden Krankheiten,- die Bedingungen der Uebertragung, der Aufnahme und der Entwickelung von Giftstoffen, sowie den Zusammenhang der Volkskrankheiten mit den ökonomischen Verhältnissen von dem prophylaktischen Gesichtspunkt aus zu erhellen. Das Buch, welches durchwegs auf tief eindringenden Quellenstudien beruht, bietet vieles, was für Fachkreise neu und von hohem Interesse ist; es ist jedoch seiner ganzen Anlage nach für das große Publikum bestimmt. Manche brennende soziale Angelegenheit, und insbesondere, wie schon oben erwähnt, die jüdische Frage, ist in demselben von einem originellen Standpunkte in sehr belehrender Weise erörtert. Bei seiner Aktualität und seinen litterarischen Vorzügen wird es ohne Zweifel den redlich verdienten großen Leserkreis finden. EA Das Kaddrsch-Getret. Bon Rabbiner Dr. I. Kohn in Jnowrazlaw. 1 _ II. allem Anderen wollen wir die Bedeutung des Wortes *10* resp. erklären, und das Verhältniß vom Kal ■ zum Hiphil dieses Verbums klar auseinandersetzen. Jbn j Esra bringt über "rTH38!Vn 7iK„ (Deut. 26, 17) zwei verschiedene : Meinungen. Seine eigene „du hast Gott erhoben" wie "*Vlfi8 (Jesaja 17, 6) „an der Spitze des Wipfels". Ihm folgt i Nachmanides "17,18 DnööHl*. Jehuda Halevi aber übersetzt „du hast Gott sprechen lassen". Ihm folgt Gesenius im Thesaur. „tu > hodie dicere fecisti Dominum“. Wir glauben, man braucht nur auf die ursprüngliche Bedeutung des. Wortes "Iö8„ zurückzugehen, um zu erkennen, daß in "7>"1!28N„ Beides, sprechen und erhöhen, zugleich enthalten ist. Was heißt sprechen? Einem Gedanken, den wir innerlich hegen, einen klaren und aller Welt verständlichen Ausdruck verleihen. Ich sage: klar und verständlich, denn auch , der Stumme, auch das Kind kann durch Geberden, pantomimisch, durch Lallen seinen Gedanken Ausdruck verleiben; aber nur mangelhaft, unvollkommen; "1128,, bedeutet aber die Ideen, Gedanken vollständig klar, aller Welt begreiflich zum Ausdruck bringen und nicht halb und dunkel, daher ",V8^ — so und nicht anders. . Gehen wir einen Schritt weiter. Die Gottesidee ist so alt, als die Menschheit besteht. Es giebt kein Volk auf Erden, in dessen Innerem .die Gottesidee nicht latent vorhanden wäre; es kommt nur darauf an, wie die verschiedenen Völker dieser Idee Ausdruck verleihen, wie , sie diese Idee in die Erscheinung treten lassen. Der Fetischverehrer, der , Götzendiener, der Thier- und Feueranbeter, in Allen lebt die Gottesidee wie im intelligentesten Menschen; aber sie bringen diese Idee so I unvollkommen zum Ausdruck, wie der Stumme, wie das Kind seine Gedanken äußert. Israel war das erste Volk, das der Gottesidee vollen, klaren Ausdruck verliehen, Allen verständlich, Allen