Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-02 · Heft 44 (2.11.1894) · p. Seite 523

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 44 (2.11.1894)
Date
1894-11-02
Page
Seite 523 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228085--51230-3274083
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

523 erst wenige Jahre verstrichen sind, seitdem ihre Mutterwiffenschaft, die.Hygiene, nicht mehr belächelt wird und hier und da als obligat an den medizinischen Fakultäten eingeführt wurde. Wer sich gegenwärtig für das Studium der Sozialhygiene interessirt, muß in der hygienischen, medizinischen, geschichtlichen, naturwissenschaftlichen und philosophischen Litteratur Umschau halten. Die Existenzberechtigung eines Werkes, wie die kürzlich in der Deutschen Verlags-Anstalt zu Stuttgart erschienene „Einführung in das Studium der sozialen Hygiene" von Dr. Alfred Nossig, welche ei» möglichst erschöpfendes Bild von der geschichtlichen Entwickelung und Bedeutung der öffentlichen Gesundheitspflege entrollt, ist daher auf den ersten Blick klar. Es ist keiil Unberufener, der sich an diese ebenso zeitgemäße als schwierige Aufgabe herangewagt hat. ' Nossig besitzt auf dem Gebiete der naturwiffenschaftlich begründeten Gesellschaftslehre einen hervorragenden Namen, und insbesondere seine im Jahre 1885 erschienene Abhandlung „Ueber die Bevölkerung", welche durch die Bereinigung der auf allen Wissensgebieten zur Lösung der Bevölkerungssrage gemachten Versuche ein vom Fehler der Einseitigkeit freies Resultat zu gewinnen trachtet und zu diesem Behufe auf die Ansichten der Statistiker, Nationalökononien, Naturforscher und Philosophen eingeht, hat sich in der Litteratur dieses Faches einen danernden Platz erworben; sie wurde sogar von der Fachkritik den klassischen Arbeiten: -,The Inie law of population“ von Thomas Doubleday und „Theory of population“ von Herbert Spencer zur Seite gestellt. In seinem neuesten Werke liefert der Berfaffer zunächst eine quellenmäßige und erschöpfende Geschichte der sozialen Hygiene bei den alten und modernen Völkern; wie sie bisher noch nicht geschrieben wurde, und innerhalb derselben zum ersten Mal eine quellenmäßig bearbeitete Geschichte der Hygiene der orientalischen Völker. Er zeigt, wie unrecht man verfährt, wen» man die Geschichte der öffentlichen Gesundheitspflege von den Griechen datirt und die diesbezüglichen Bestrebungen der orientalischen Völker mit einigen Phrasen abfertigt, welche ein Autor dem andern nachschreibt. Vornehmlich widmet der Verfasser eineeingehende Darstellung der den reifsten, vollendetsten und rationellsten Ausdruck, die Blnthe der altorientalischen Gesundheitsphilosophie repräsentirenden Sozialhygiene der Inden, mit welcher er sich schon in den 1887 veröffentlichten Schriften: „Statistik des jüdischen Stammes" und „Versuch zur Lösung der jüdischen Frage" beschäftigt hat. Der Begriff, der Umfang der Sozialhygiene ist in dem vorliegenden Buche ganz anders abgegrenzt, als es gemeinhin geschieht; er umfaßt nicht nur die gewöhnlichen saiiitären Maßregel», sondern alles das, was auf die Gesundheit und das Leben der Völker von Einfluß ist, also auch die Sitten, die Ehegesetzgebung und das Geschlechtsleben. Von solchen großen, weit ausschauenden Gesichtspunkten getragen und beherrscht, führen die ungeinein interessanten Untersuchungen zur Lösung des historischen Rälhsels, daß der jüdische Stamm die kräftigsten Nationen des Alterthums überdauert hat und die modernen _ Völker, in deren Mitte er lebt, au biotischen Qualitäten übertrifft. Es ergiebt sich nämlich aus den Erhebungen zahlreicher hervorragender Statistiker und Aerzte, daß die Vermehrung bei allen Gruppen der jüdischen Bevölkerung eine, stetige und anßerordentlich, rasche ist. Sie bewirkt im Durchschnitt einen jährlichen Zuwachs von 2,4 Prozent, sie sichert mithin bei ungestörten Entwickelungsbedinguugen eine Verdoppelung in 33,06 Jahren. Die Vermehrung der Juden ist 3,03 mal schneller, ihre Verdoppelungsperiodc 4,02 mal kürzer als jene der ' nichtjüdischen Stämme. Diese bedeutende Zunahme der Juden ist durchaus nicht etwa rein äußerlichen Ursachen, . als da sind zahlreiche Uebertritte von Nichtjuden in den Verband derselben, zuzuschreiben; sie erklärt sich vielmehr durch das Ueberwiegen der Geburtenanzahl über jene der Todesfälle. Die Juden haben eine größere mittlere Lebensdauer als die sie umgebenden nichtjüdischen Bevölkerungen; sie haben mehr Kinder und Greise, weniger Todtgeborene, fast überall eine geringe Kindersterblichkeit und durchwegs eine geringere Sterblichkeit der hohen Altersklyffen. Sie haben verhältnißmäßig mehr männliche Neugeborene als die Nichtjuden; aber dieses Verhältniß wird in dem Maße ungünstiger, als die Juden sich mit andern Stämmen mischen. Die jüdischen Ehen sind fruchtbarer als die Ehen der Nichtjuden; Mischehen hingegen fallen meistens unfruchtbar aus. Die Juden sind kleiner und schwächer gebaut als die meisten nichtjüdischen Stämme, aber gesunder als diese; sie unterliegen in auffallend geringerem Maße den völkervernichtenden Krankheiten, der Lnstseuche und der Tuberkulose. Die für den jüdischen Stamm charakteristische Haar- und Angenfarbe, sowie der Schädel- und Gesichtstypus habe» sich bei der Hauptmasse der jüdischen Bevölkerung erhalte»; der jüdische Stammestypus erwies sich als zäh -und siegreich im Kampfe mit andern Stannnestypen; die Juden stellen einen der reinsten und am wenigsten mit andern Raffen gemischten Stamm dar. Dieser Umstand in Verbindung mit jenem zweiten, daß die Juden ihre biotischen Vorzüge in dem Maaße verlieren, als sie sich mit Nichtjnden paaren, beweist, daß sie ihr Gedeihen weder dem Orte und dem Klima, noch der Beimischung fremden Blutes verdanken, sondern daß sie sich mit ihren Eigenthümlichkeiten allerorten vollkommen akklimatisirt.haben. Von de» modernen Aerzten und Statistikern haben es bereits manche versucht, die bivtischen Kennzeichen der Juden als Wirkungen ihrer hygienischen Gesetzgebung und der durch dieselbe gebotenen Lebensweise, ihrer gesetzlich vorgeschriebcnen Waschungen, der bei ihnen . herrschenden allgemeinen Sitte des frühen Heirathens, der strengen Sittenreinheit der Frauen, der ehelichen Treue und des musterhaften Familienlebens u. s. w. zu erklären. Mit aller Schärfe beleuchtet diesen Zusammenhang Leroy-Beaulieu in seinem Werke: „Israel chez les nations“. „Fünfundzwanzig Jahrhunderte hindurch," sagt er, „war es die Hauptsorge des Juden, rein zu sein. Diese Sorge verfolgte ihn von der Geburt bis zum Tode. Israel allein kannte und beobachtete die Gesetze der moralischen und physischen Reinheit. Dieser Reinheitskodex war eine Macht für Israel, für seinen Körper und für seinen Geist. . . . Der Jude verdankt seine Langlebigkeit, seine Widerstandskraft gegen Krankheiten, seine Immunität gegen gewisse Affektionen seinen Vorfahren, seinem Gesetze, seinen Sitten, seiner Mäßigkeit. Ihre Nahrungsgesetze und die Wachsamkeit ihres Schachet erklären hinlänglich, warum gewisse Epidemien und namentlich die parasitären Affektionen die Juden weniger berühren, als ihre andersgläubigen Nachbarn." Wie sehr diese Ansicht des französischen Gelehrten aus dem vollen Leben gegriffen ist, erhellt ans dem Verbote des als Philosoph und Arzt, sowie als Gesetzgeber seines Volkes zu gleich großer Berühmtheit gelangten Maimonides, eine Gemeinde zu bewohnen, in welcher folgende Dinge nicht vorhanden sind: 1. Ein Arzt, 2. ein Chirurg, 3. ein Bad, 4. ein AnstandSort, 5. Wasser (Fluß oder Quelle), 6. eine Synagoge rc. Diese Reihenfolge ist ein deutliches, eindringliches Zeugniß für die ' hohe Bedeutung, welche der Sozialhygiene innerhalb des Judenthums zukommt. Seine alle Lebensseiten nmsassende Hygiene ist der Ausdruck einer bewunderungswürdigen Anpassung an die Natur des - menschlichen Organismus. Es ist von der Ueberzcugung durchdrungen, daß, wie der Mensch Seel.e und Leib zugleich ist, so auch die Moral Hygiene und die Hygiene Moral ist. Und darum eben konnte Moses denjenigen, welche die Gebote der Moral getreulich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.