Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-26 · Heft 43 (26.10.1894) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 43 (26.10.1894)
Date
1894-10-26
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228084--51221-3274073
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

3 größer ausgefallen ist. Während des Banketts flatterten von der Galerie zahllose Zettel und Papiermedaillons auf die Gäste herab, vor Allem gegen den Landtagsabgeordneten Vergani, der gemahnt wird, er solle seine Schulden zahlen, und dem Korruption re. vorgeworfen wird. — Die Untersuchung gegen den ehemaligen Pfarrer von Schrick, Pater Scherzer, ist bereits abgeschlossen; derselbe wird sich vor dem hiesigen Schwurgerichte wegen Verbrechens der Amtsveruntreuung zu verantworten haben. Die Verhandlung findet in den ersten Tagen des Dezember statt, doch bleibt Scherzer bis dahin in Verwahrungshaft. — Gleichzeitig ereilte das Geschick einen seiner treuesten Freunde, den antisemitischen Agitator und Religionslehrer im Bezirke Ottakring, Dr. Georg Battisti, denn das „Wiener Diöcesanblatt", welches das offizielle Organ der Wiener Erzdiöcese ist, bringt in seiner letzten Nummer eine Warnungsnotiz folgenden Inhalts: „Die hochw. Herren Kirchenvorsteher werden aufmerksam gemacht, daß der in Wien sich aufhaltende Priester der Trienter Diöcese, Dr. Georg Battisti, dermalen weder eine Meßlizenz, noch eine Beichtjurisdiktion für die Wiener Erzdiöcese besitzt." Dr. Battisti spielte eine große Rolle in den antisemitischen Versammlungen und agitirte hauptsächlich für Fürst Liechtenstein; er war einer von Jenen, welche in diesen Versammlungen am wüthendsten gegen die jüdische und liberale Korruption loszogen. Schon damals also munkelte man in Ottakring, woselbst Dr. Battisti als Religionslehrer an der Bürgerschule fungirte. Manches über den Herrn Katecheten. Es hieß, derselbe durchschwärme ganze Nächte in unpassender Gesellschaft und bewege sich allzu ungenirt in Damenkreisen. Dr. Battisti, der vor ungefähr zehn Jahren als junger Weltpriester von der Wiener Erzdiöcese in Ottakring als Religionslehrer angefiellt worden war, zeigte sich anfangs sehr „liberal"; als er sich aber von seinen damaligen liberalen Freunden wegen diverser seltsamer Vorgänge plötzlich gemieden sah, entdeckte er sein antisemitisches Herz und wurde Agitator der Partei des Prinzen vom „Goldenen Luchsen". Als solcher brachte er es selbstverständlich bald zu großem Ansehen; was kümmerte sich auch diesePartei um die moralische Qualität ihrer Wortführer? — Baron Berthold Popper ist mit dem Ritterkreuz des rumänischen Kronenordens ausgezeichnet worden. — Hier ist nach langem schweren Leiden der kaiserliche Rath Großhändler Viktor Ritter v. Boschan, welcher in der kommerziellen Welt Wiens eine hochgeachtete Stellung einnahm und der Verwaltung hervorragender Institute angehörte, im Alter von 32 Jahren gestorben. — In Reichenau a. K. starb am 14. d. M. der dortige Rabbiner Salomon Lengsfelder, Besitzer des goldenen Verdienstkreuzes, im 84. Lebensjahre. Der Verstorbene war durch lange Jahre in Warasdin als Rabbiner thätig gewesen und erfreute sich allgemeiner Sympathien. B. Budapest, 17. Oktober. In den heutigen Parteikonferenzen, in welchen die vorn Magnatenhause abgelehnten kirchenpolitischen Entwürfe besprochen wurden, wurde, nachdem hinsichtlich des Entwurfes über die Rezeption der Juden keine Meinungsdifferenz bestand und auch das Prinzip der Religionsfreiheit keine Gegner hatte, der Beschluß gefaßt, beide Entwürfe — den über die Rezeption ganz unverändert — neuerdings an das Magnatenhaus zu leiten. Interessant war die Erklärung, welche Koloman Thaly in der Konferenz der Unabhängigkeits- und Achtundvierziger Partei abgab. „Er habe," sagte er, „dieser Vorlage bei der Verhandlung im Prinzips opponirt, weil er gewünscht hätte, daß die Juden ihre Glaubensartikel vorlegen möchten. Jetzt tritt er von diesem seinen Wunsche zurück und rezipire mit Freuden das ungarische Judenthum, denn dasselbe hat anläßlich des Todes Ludwig Kossuths an der Trauer des Landes in solch patriotischer und herzerhebender Weise theilgenommen, daß vor dieser Thatsache sich jeder Ungar beugen mußte." (Allgemeine Eljenrufe). — Die orthodoxe Gemeinde in Nagyida wurde wegen ihres exklusiven und gesetzwidrigen Vorgehens in einer Grabsteinangelegenheit zu einer Geldstrafe von 100 Kronen verurtheilt und angewiesen, die Statuten der Chewra Kadischa zur Ueberprüfung einzureichen. In Nagy-Jav sollte nämlich ein Grabstein, der neben einer hebräischen auch eine ungarische Inschrift hatte, gestellt werden, was aber die Gemeinde mit Rücksicht auf die ungarische Inschrift nicht gestatten wollte. Die betreffende Partei wendete sich an die Behörde, welche den Stein mit Gewalt stellen ließ unv das erwähnte Urtheil fällte. — Dem Rabbiner S. L. Brill wurden aus Anlaß seines 80. Geburtstages, dem Professor Dr. Ignatz Goldzieher aus Anlaß seiner Ernennung zum ordentlichen Universttätsprofeffor herzliche Ovationen bereitet. — In Mischkolz, wo die Predigerfrage noch immer nicht gelöst ist, hielt Dr. Gustav Levy aus München eine Gastpredigt. — Die Pest er isr. Religionsgemeinde faßte den Beschluß, die geplante neue Volksschule als Knabenschule einzurichten. B. Budapest, 21. Oktober. Nachdem der Antrag des Ministerpräsidenten, die Vorlage über die freie Religionsübung mit großer Majorität angenommen wurde, wurde das Nuntium des Magnatenhauses bezüglich des Gesetzentwurfes über die Rezeption der Juden verhandelt. Ministerpräsident Wekerle brachte einen Beschlußantrag ein, es möge die Vorlage abermals unverändert an das Magnatenhaus behufs gefälliger Annahme zurückgesandt werden. Graf Karl Pongracz nimmt die Vorlage an, lehnt aber den Uebertrittsparagraphen ab. Sein Votum begründete der Herr Graf mit einigen abgeschmackten und nichts weniger als delikaten Ausführungen. Julius Saghy überhäuft die Juden mit Lob und lehnt die Vorlage ab. Albert Kovacs nimmt die Vorlage im Namen der Majorität der Nationalpartei mit der Begründung an, daß dadurch die ungarische Nation gesinnungstüchtige Männer gewinnt. Geza Papp, der gewesene Referent des Entwurfes, widerlegt die Gegenentwürfe der Kontraredner und empfiehlt die Annahme der Vorlage. Nachdem noch Merey in einer längeren Rede die Rezeption befürwortete, folgte die Abstimmung, nach welcher die Vorlage beinahe einstimmig an das Magnatenhaus geleitet wurde — Der jüngst verblichene Wunderrabbi Markus Läufer genoß als „Sonderling" unter den Chassidim einen weitverbreiteten Ruf. Sein religiöses Leben, sein ganzes Thun und Lassen unterschied sich wesentlich von der Lebensweise der anderen Wunderrabbi, und gerade in seinen Bizarrerien lag das Geheimniß seines Zaubers, mit dem er auf die kulturfeindlichen Elemente unwiderstehliche Anziehungskraft ausübte. Auch zu seinem gestern stattgehabten Leichenbegängniß strömten Tausende herbei; sie mußten aber abziehen, weil der Ort mit Rücksicht auf die Choleragefahr abgesperrt wurde. Frankreich. Paris, 20. Oktober. Gestern ist hier einer unserer hervorragendsten Glaubensgenossen im blühendsten Mannesalter gestorben: James Darmesteter, der unter den Orientalisten der Gegenwart mit in der ersien Reihe stand. Er war als Forscher ungemein vielseitig. Am schärfsten treten in dem Bilde seines Schaffens die vergleichendreligions wissenschaftlichen Forschungen hervor. Den Untergrund dieser bilden die sprachvergleichenden Studien. Am meisten pflegte Darmesteter von den einzelnen orientalischen Sprachen das Persische. Seine Arbeit hierin war sehr breit angelegt. Nicht nur die Sprache, sondern nicht weniger Litteratur und Kultur fesselten ihn. 1849 zu Chateau Salins im Meurthe-D^partement geboren, wandte sich James Darmesteter, ein jüngerer Bruder des Romanisten, Arsene Darmesteter, zuerst dem Rechtsstudium zu. Erst, nachdem er dieses zu Ende gebracht hatte, begann er unter der Leitung des Bayern Breal, eines Schülers von Bopp und Weber, das Studium der orientalischen Sprachen. Bereits 1875 trat er mit der ersten Arbeit, einer Studie zur Mythologie des Avesta an die Oeffentlichkeit. Bei seiner Promotion gab er zwei Jahre später die Schrift „Ormuzd und Ahriman, leurs origines et leur histoire“ bekannt. Von der Universität Oxford wurde Darmesteter kurze Zeit später der Auftrag ertheilt, für deren Sammlüng der heiligen Bücher des Orients eine Uebertragung des Zendavesta zu liefern. Von den übrigen Schriften Darmesteters zur persischen Sprache und Litteratur find anzuführen: „Etudes iraniannes“ (1883), „Etudes sur 1’Avesta“ (1883), ,,Les orgines de la poesie persanne“ (1888), „Epic legends of aneien Persien“. In den letzten Jahren beschäftigte sich Darmesteter auch viel mit dem Afghanischen. Hervorzuheben sind seine Studien über afghanische Volkslieder und über buddhistische Erinnerungen in Afghanistan. Von der Akademie durch einen Preis ausgezeichnet wurden 1883 Darmesteters „Orientalische Essays", die Nachrichten über die Orientalin in Frankreich, Prolegomena zur Geschichte der Religionen u. A. m. enthalten. Ihnen anzureihen sind Darmesteters „Indische Briefe" (1888), sein Buch über den Mahdi (1885) und seine Uebertragung von Max Müllers Buch über Ursprung und Entwickelung der Religionen. Auch auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft hat Darmesteter Vortreffliches geleistet. Sein Vortrag: „Coup d’oeil sur l’histoire du peuple juif“ erregte seiner Zeit allgemeines Aufsehen. Im vorigen Jahre erschien sein Buch über die Propheten Israels. Auch an allen jüdischen Angelegenheiten nahm er warmen Antheil. Seine Lehrtätigkeit begann Darmesteter als Repetitor für

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.