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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-26 · Heft 43 (26.10.1894) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 43 (26.10.1894)
Date
1894-10-26
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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-4 ' f Zend an der Ecole des hautes Etudes. Später wurde er Mitdirektor dieser Anstalt und Professor am College de France. Sein Andenken wird in Ehren fortleben! Großbritannien. Ü London, 24. Oktober. Ein antisemitisches Blatt hatte die geradezu empörende Behauptung aufgestellt, man sehe die „gesammte Presse des Judenthums in förmlicher Verzückung über das angeblich bevorstehende Ende des kranken Zaren," eine Behauptung, für die selbst jenes Blatt auch nicht den Schatten eines Beweises zu erbringen vermochte Demgegenüber sind die Nachrichten aus Paris (siehe „Von Nah und Fern") und die folgende aus London wahrhaft charakteristisch Man meldet dem „Berliner Tageblatt" aus der Themsestadt: „In der großen Versammlungshalle von Milesend versammelten sich gestern Tausende fremder Juden zur Begehung des letzten Festtages, als der aus Rußland vertriebene Rabbiner Szewczik die Versammlung aufforderte, für den Zaren zu beten Anfänglich er-- folgten Proteste. Als der Geistliche dann aber auseinandersetzte, daß ihre Religion verlange, auch für den. Verfolger zu beten, und daß der Zar doch nur das Werkzeug in der Hand der Vorsehung gewesen, deren Wege unerforschlich seien, stellte sich tiefe Ruhe und Andacht ein. Man solle außerdem bedenken, sagte der Geistliche, daß trotz alledem der Zar vielen Millionen Glaubensgenossen Schutz gewähre. Vielleicht würde die dem Kranken auferlegte Prüfung, wenn er genese, diesen zur Milde stimmen. Der Geistliche trat dann vor die geöffnete Bundeslade und rezitirte hebräische Gebete, in welche die Gemeinde mit begeisterter Andacht respondirte. Die Rede des Rabbiners soll von unbeschreiblicher Innigkeit und Wirkung gewesen sein." Und nun denke mau, daß diese Tausend?, die mit solcher Inbrunst für das Leben des Zaren in London beteten, vertriebene und verjagte, ihres Eigenthums und ihrer Heimath beraubte russische Juden waren, Das ist Israels Ethik! Amerika. n. New-Avrk, 20. Oktober. Der Orden Bnai Brith hat wieder eins seiner ältesten und hervorragendsten Mitglieder durch den Tod verloren, Herrn Joseph Abraham. Seit 1869, als die Konstitution des Ordens in der jetzigen Gestaltung zum Grundsatz gemacht wurde§ gehörte er dem obersten Gerichtshof als Mitglied an. Sein Tod erfolgte vergangenen Sonntag in Cincinnati, im 78. Lebensjahre. Dem Orden gehörte er seit 1845 an; er war während der langen Jahre seiner Mitgliedschaft ein thätiger Mitarbeiter und besaß ein eminentes Rednertalent, eine reiche Phantasie und vielseitiges Wissen. Er war ein geschätztes Mitglied des Cincinnatier Barreau's, war er doch der erste Jude, welcher westlich von den Alleghanies zur Advokatur zugelassen wurdet Ein Mitglied der ältesten jüdischen Gemeinde Cincinnatis, nahm er eine geehrte einflußreiche Stelle dort ein und war eine lange Reihe von Jahren deren Präsident. Sein Tod findet einen schmerzlichen Widerhall in den Reihen der Ordensbrüder, man wird sein frisches, aufmunterndes Wort in detr Versammlungen der Großloge des 2. Distrikts vermissen, umsomehr, als im nächsten Frühjahr die fünfjährige Generalversammlung des ganzen Ordens in Cincinnati stattfinden wird. F. Philadelphia, im Oktober. Das Jahrbuch unserer Reform ge me in de Keneseth Israel es ist das sechste — ist auch in diesem Jahre zu Roschhaschono pünktlich erschienen. Es ist geschmückt mit einer Abbildung der prachtvollen Synagoge der Gemeinde Keneseth Israel und einem Kalendarium, in dem uns die amerikanische Schreib^ weise unserer Feste (so z. B. Sh’mini Atzereth) das einzig Fremde, sonst aber Alles wohl bekannt ist. Der beigefügte Jahresbericht dieser den äußersten Standpunkt der Reform vertretenden Gemeinde bietet diesmal durch die Miltheilungen über die Reise des Hauptrabbiners der Gemeinde, Dr. Krauskopf, nach Rußland besonderes Interesse. Ein bekannter Berliner Musiker, Professor Biala, ist seit dem 19. November vorigen Jahres bestallter Organist der Gemeinde. Am 30. November beging, der Orden B'nai B'rith im Tempel sein 30. Jahresfest. Gouverneur R. Pattison, Rabbiner H. Berkowitz und Rabbiner I. Krauskopf leitetet die Feier. Am 15. August empfing die Vertretung der Gemeinde den Dr. Krauskopf anläßlich seiner Rückkehr von seiner russischen Mission in Hoboken und bereitete ihm dann nach seiner Ankunft in Philadelphia^ in der Synagoge noch einen offiziellen Empfang. Da Dr. Krausköpst in diesem Sommer in Odessa Gelegenheit hatte, eine jüdische Muster- Farm kennen zu lernen, welche jetzt drei Jahre besteht und 100 Acker Land umfaßt, auf denen vorzüglich Waisenkinder die Technik des Ackerbaues sowie der Gartenkunst erlernen, so bestimmten ihn diese Eindrücke, in der Nachbarschaft von Philadelphia eine ähnliche Einrichtung zu begründen und einen Musterfarm-F'onds ins Werk zu setzen, in denen fähige Kräfte unterunseren Glaubensgenossen zu Ackerbauern ausgebildet werden, so daß sie später als Leiter jüdischer Ackerbaukolonien verwendet werden können. Don Dah und Fern. Die Synagogen - Gemeinde „Westen" hat in ihren Räumen Tauentzienstr. 9 eine mehrklassige Religionsschule errichtet, welche unter der Leitung des Predigers Dr. Salo Stein steht. — Der antisemitische Reichstagsabgeordnete Dr König wird nicht nur sein Mandat für den Wahlkreis Rintelen - Hofgeismar in der nächsten Session niederlegen, sondern, nach Angabe des Mark. Tgbl. in Witten, sich auch gänzlich von der Politik zurückziehen. Sollte das, sosagt die L. C., das erste Opfer der antisemitischen Gesammtpartei sein? — Die neukonstituirte Synagogen-Gemeinde Barmen hat bereits zwei Grundstücke, das eine zu einem Friedhofe und das andere zum B.au eines Gotteshauses für M. 88,000 angekauft. Herrn Dr. Koch vom Breslauer Seminar wurde die Stelle als Prediger, Lehrer und Kantor übertragen. — In einer Versammlung in München haben die bayerischen Antisemiten, die zum Parteitag in Eisenach nicht eingeladen wurden, ausdrücklich Widerspruch dagegen erhoben, daß die Eisenacher Konferenz als die Gesammtvertretung der deutschen Antisemiten ausgegeben werde. — P. Pius Morlara hat jüngst in Mainz und Frankfurt a. M. Missionspredigten gehalten. Nachdem er den Zweck seiner Reise nach Deutschland (Spenden für ein Missionshaus zu sammeln) verkündet batte, erwähnte er seiner eigenen Schicksale. Durch eine ganz „besondere göttliche Gnade" sei er zu seinem apostolischen Berufe gekommen „Unendlichen Dank" schulde er Pius dem Neunten, der sich seiner, eines „Unwürdigen", angenommen — und ihn auf den Weg des Heils gebracht habe.. .. Doch noch ein schwerer Kummer nage an seinem Herzen, viele seiner Verwandten seien noch im „Irrglauben" befangen; „gelänge es ihm, auch nur einen zu bekehren, gern opfere er dafür sein Leben .. ." Er ersuchte die Anwesenden, für seine Verwandten, besonders für seine „theure Mutter" zu beten. ... — Nach amtlicher Festsetzung find während des Jahres 1892 in Wien 20 männliche und 50 weibliche Personen zum Judenthum übergetreten. — Die jüdischen Tabaktrafikanten in Wien, welche um die Bewilligung nachsuchtey, am Jom Kipur ihre Verkaufslokale gesperrt halten zu dürfen, wurden abschlägig beschieden. Es ist dies zweifellos darauf zurückzuführen, daß im Vorjahre das antisemitische Hstzorgan „Deutsches Volksblatt" über den Umstand, daß einige Tabaktrafiken am Versöhnungstage geschlossen blieben, aus dem Häuschen gerieth. — Am 30. d. M. wurden in den Synagogen von Paris und in ganz Frankreich Gebete für die Genesung des Kaisers von Rußland gesprochen. — Der Bankier Aron Efendi Le o n in Konstantinopel erhielt vom Sultan den Rang eines Uta I. Klasse, mit welchem der Titel „Exzellenz" verbunden ist. -- Aus Konstantinopel schreibt man: Der türkische Kultusminister erbat von der Hohen Pforte die Erlaubniß, 15,000 Piaster für Reparirung einer Moschee im peträischen Arabien, die das Grab Arons enthält, verwenden zu dürfen. Diese Moschee befindet sich in einem verfallenden Zustand und würde sammt dem heiligen Grabmal zu Grunde gehen, wenn nicht schleunige Hilfe käme. Wie man vernimmt, hat der Kultusminister nicht gezögert, die geforderte Summe für den genannten Zweck sofort zu bewilligen. Die jüdische Alterversorgungsanstalt in New-Aork versendet soeben ihren Jahresbericht. Die Einnahmen beliefen sich im verflossenen Jahre auf 82,000, die Auslagen auf 59,000 Dollars, der Baarüberschuß auf 22,000 Dollars. 163 Pfleglinge verblieben in der Anstalt mit Ende des Jahres, während am Ende des vorigen Jahres die Anstalt 150 Insassen beherbergte. — Die Reformgemeinde in Altoona Pa. hat den Rabbiner Philo zu ihrem Seelsorger gewählt, der zuletzt in Vancouver an der kanadischen Pacific-Küste sich den Ruf eines tüchtigen Predigers erworben hat. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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