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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-10-26 · Heft 43 (26.10.1894) · p. Seite 515

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 43 (26.10.1894)
Date
1894-10-26
Page
Seite 515 (sequence 11)
Language
German
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515 „Wer sagt dies? Weil Ihr de» Ba»er über Jude» schimpfen hört? Der soll de» Ausschlag geben? Mir ist weder der Edelmann maßgebend, der an seinem Vaterlande weit schwerer gesündigt hat, als der Jude, noch der Literat, der Zeitungsschreiber, deffen Gewissen so leicht zu zerreißen ist, wie sein Geschreibsel. In der polnischen Vergangenheit sehe ich Helle, den Juden stets geneigte Geister, welche herrlich gegen das übrige Europa abstechen. Von Kasimir dem Großen bis zu Batory reichte dieEpoche derGeschichte Polens. Und wie benahmen sich jene Herrscher gegen uns Jude». Kasimir ist Euch bekannt. Die ersten Jagellonen betrachteten die Juden nicht als Händler, welche den Finanzen des Landes nützen sollten, oder gar als Eigenthum des Letzteren. Sie wollten sie sogar dem die Republik vertheidigenden Heere einverleiben. . . Siegmund der Alte sprach Worte, wie wir sie vergebens von seinen gekrönten Zeitgenossen erwarten: ich bin nicht der König der Gewissen! (Non sum rex conscientiarum). Batory nahm die Jude» überall in Schutz, und erließ unter Androhung der schwersten Strafen das Verbot, sie der Benützung von Menschenblnt zu verdächtigen, wofür sie im ganzen Abendlande unsägliche Qualen erduldeten. Das sind Thatsachen aus der polnischen Geschichte, die nian nicht vergessen darf. Später kommen dunkle Blätter, aber es war dies zur Zeit der Wasa's und der Sachsen. Welcher Pole denkt nichtmit Schmerz und Schande an die Regierung der Sachsen? Diese Ueberlieferungen dürfen daher nicht in Rechnung gebracht tverden. Und später? Der vierjährige Reichstag, Bntrymolvicz Czacki. Dann die Reformbestrebungen. In der ganzen polnischen Litteratur kann ich keine zwei hervorragende Schriftsteller finden, welche den Juden feindlich gesinnt gewesen wären. Im Gegentheil' von den größten Geistern wurden sie geliebt und idealisirt. Und die höchsten Machthaber unserer Litteratur haben zu ihren Gunsten gesprochen, beinahe ausnahmslos. Mickiewicz, der größte Dichter, Lelewel der größte Historiker, Kraszewski unser größter Romanschriftsteller. Das Urtheil Dieser, als der wahren Repräsentanten des Volkes, müssen wir im Auge behalte». . . Und welche Stellung nehmen gegenwärtig in Warschau die gebildeten, ehrenhaften Juden ein! Dorthin blicke, nicht aber ans den Bauer, der thatsächlich oft vom Kaufmanne oder Arendar zu leiden hat . . . nicht auf den judenfressenden, journalistischen Taglöhner, diesen Diener und Narren der Gaffe, welcher eine Hetz' haben muß um welchen Preis immer." Hier detaillirte Ludwig seine Theorie über die Assinnlirung der Juden. „So hat denn der Schadchen wahr gesprochen," rief Jizchak. „Wir Juden als solche muffen verschwinden!" Mit diesem Gedanken konnte er nicht vertraut werden. Sein Gefühl empörte sich dagegen. Ludwig entwickelte hierauf die wissenschaftliche Theorie, welche gegen die Möglichkeit der Wiederherstellung eines selbständigen Reiches spricht. „In jedem Falle," folgerte Jizchak, „ist es für mich eine unumstößliche Thatsache, daß das chaffidische Jndenthum sich mit dem Geiste dieses Jahrhunderts nicht vereinigen läßt; und daß die Assimilirnng eine Idee ist, die man in der Theorie nicht verwerfe» kann." Um so mehr," schloß Ludwig, „als sie Jedem als der einzige Ausweg aus der gegenwärtigen, beispiellos erbärmlichen Lage erscheint. Was kann uns denn vom langsamen, moralischen Hungertode erretten, wenn nicht die Vaterlandsliebe und die Besiegelung derselben mit unscrem Blute und unserem Schweiße? Und dann? Offenbar nur das Assimilirungsprogramm; denn hier zu bleiben, manches Gebiet der geistigen und physischen Arbeit in Besitz zu nehmen, und dabei besondere, mit dem Geiste des Landes nicht vereinbare Zwecke im Auge zu behalten, dies könnte unsere Gesellschaft nicht dulden!" Diese Argumente und Grundsätze seines Lehrers nahnr Jizchak in sein eigenes Glaubensbekenntniß ans. Wie klein erschienen ihm die früheren, in ihm eingewurzelten Gewohnheiten und Gefühle, angesichts seiner neuen Ideale! Und wer kämpfte gegen dieselben? Ein Wind von Phrasen, der einen Augenblick toben, hier und da etwas zerbrechen konnte, sonst nichts. Gegen diesen, die Segel der Finsterniß und des Aberglaubens schwellenden Wind, war es nicht schwer, zu schwimmen. So erschien ihm in goldene» Träumen die Zukunft, inzwischen aber hielt ihn die graue Wirklichkeit noch fest in ihren Griffen. Manchmal wollte er diese Schale von sich schleudern. Zu Hause trat er entschieden auf, weshalb denn die Mutter kein Fleisch esse. Es war dies gerade während der „neun Tage", vor dem Gedenktag der Zerstörung Jerusalems. Durch diese ganze Zeit darf man zum Beweise der Trauer und des Schmerzes kein Fleisch zu sich nehmen, und die kranke, im höchsten Grade herabgekommene Mirjam beobachtete diese Vorschrift ganz genau. „Was geht das Dich an?" antwortete sie. Und sie überschüttete ihn mit groben Verwünschungen. „Du bist nicht mein Sohn. Er thut, als wenn er wirklich um mich besorgt sein würde, aber wenn dies war wäre, würdest Du mich nicht ins Grab treiben." „Die Mutter soll a» diese Heirath vergessen." „Nein, nein, tausend Mal werde ich rufen, daß Du mein Mörder bist, daß Du die ganze Familie tödtest. Und wenn ich sterben werde, werde ich noch zu Dir kommen und sagen. . . ." Und tvieder brach sie in Thräneu aus. Jizchak verließ die Stube, wie gewöhnlich in solchen Fällen, und suchte entweder auf der Bank vor dem Hause, oder in einem Gewaltmarsch zur Stadt hinaus, Ruhe und Vergessen. Die Kranke aber wiederholte händeringend mit herzzerreißender Stimme: „Gott, Du weißt es, wie sehr ich Dich geliebt habe, wie ich gehorsam war Deinen Gesetzen und den Rabbinen, warum strafst Du mich? Warum, o Gott, warum?" XXIII. Vier Tage später war Jizchak verwaist. Die Mutter war gestorben. lieber vierzig Jahre hatte ihr irdisches Dasein gewährt. Nie hatte sie auf Rosen gewandelt und war von Dornen und Nesseln ganz wund; sie hatte weder Freude noch Erholung gekannt, jetzt ging sie zur ewigen Ruhe ein. Jizchak gedachte jetzt nicht mehr der in letzter Zeit errungenen philosophischen Dogmen, daß der Tod nicht die Grenze des Lebens, daß die Materie unsterblich sei mit) nicht vergehe, sondern andere Forme» annehme. Jetzt weinte er bitterlich, und tiefe Trauer bemächtigte sich seiner. Dieser rasche Tod war aus mehreren Gründen erfolgt. Die Kränkungen der letzten Tage hatten Mirjams geschwächten Organismus sehr erschüttert. Sie erlosch übrigens langsam, aber stetig wegen des Mangels an Kräften, an gesunder Nahrung und rationellen hygienischen Bedingungen. De» Todesstoß gab ihr aber der Eigensinn, mit dem sie bei ihrem Entschlüsse, am „Tischebeaf* (der Gedenktag der Zerstörung Jerusalems) zu fasten, wie es streng befohlen war, beharrie. Sogar Reb Mendel hatte dagegen geeifert, Jizchak flehte, daß sie essen möge, aber sie blieb hartnäckig; seit ihrem zwölften Lebensjahre hatte sie noch diesen Fasttag nicht vernachlässigt, und heute sollte sie sündigen? Nein! So fastete sie denn vierundzwanzig Stunden, und am nächsten Tage war sie todt.

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