Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1894)
- Date
- 1894-10-26
- Page
- Seite 514 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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514 haben?! Die heilige Schrift spricht unzählige Mal von der Heiligung des göttlichen Namens, warum soll Jesus nicht selbstständig und unabhängig gebetet haben: „Dein Name werde geheiligt"?! Die heilige Schrift spricht unzählige Mal vom Reiche Gottes "D’übp 72 fVD^tt warum sollen die Verfasser von Kaddisch oder „Vaterunser" nicht auf unabhängige Weise mit ähnlichen Worten vom „Reiche Gottes" gesprochen haben, ohne daß sie von einander gewußt, oder an einander gedacht haben? Aber angenommen. — nicht zugegeben — es wäre an dieser Vater-Unser-Kombination auch nur ein Körnchen Wahrheit, und man hätte schon im erste» Jahrhundert vor Chr. das Kaddisch-Gebet gekannt, auch dann will ich dem Wunsche des Herrn Profeffor Steinthal genügen und beweisen, daß die Asel-Form von "i£K° hebr. “T^xn in dieser Bedeutung (erhoben, gewählt) in der chaldäischen resp. rabbinischen Litteratur nicht einmal, sondern unzählige Mal gebraucht und angewcndet wurde. 000 Gin Gedicht auf Iunz. Von Ludwig Geiger. Sjhn Anschluß cm den kürzlich gefeierten Sälulnrtng vouLeopoldZunZ 7 inug es nicht uninteressant sein, auf eine poetische Würdigung hinzuweisen, die Zunz vor bald 00 Jahren erfuhr. Sie findet sich in dem „Gruß au Berlin" (Leipzig 1838) und rührt von Heinr. Stieglitz her, dem bekannten Dichter, der freilich durch den Selbstmord seiner Frau berühmter wurde, als durch seine Dichtungen. In seinem genannten Werke Zählte er auf und charakterisirte alle damals lebenden Schriftsteller, Dichter, Künstler und Gelehrten Berlins. In dem am Ende stehendere Berzeichniß der vorkonnnendeu Namen wird der an letzter Stelle stehende Zunz näher bezeichnet als „ein Ritter erster Klasse vom Orden der Selbstständigkeit mit Eichenlaub". An der Stelle, auf die hirrgewiesen wird, folgt Zurrz auf Ferd. Benary, dem ein Ordinariat an der Universität gewünscht wird. Darrrr heißt es: Ihm wüßt' ich einen würdigen Genossen Im Amt: den Mann, den keine Erdenmacht, Auch nicht des Schicksals harte Hagelschlossen, Nicht Samiel mitsammt der wilden Jagd, Noch des Gewinns verführerische Spenden Jemals den Sinn vermocht zu wenden. Zurückzuhalten mit dem Wort, dem scharfen. Wo nichtiges Getreide zu entlarven. Wo ehrenhaftem Thun sein Recht zu geben. Verkannte Wahrheit hell hervorzuheben. Der lieber in verborgener Stille leben Entbehrend mag, als Judaslohn verdienen. Begleitet von erbschleicherischen Mienen, Die Köder witternd lecken Hinz und Kunz, Drohnen, Verdränger treuer Arbeitsbienen — Respekt, ihr Herrn, ich sprach von Ehren — Zunz. Tie Stelle, von einem Christen herrührend, der sonst auch mit dem Tadel nicht sparte, kennzeichnet recht wohl die Achtung, welche Zunz schon damals auch außerhalb des engen Kreises genoß, in dein er sich bewegte. v.. ■ iiminnimiii MMMi w w MUMM MWM m I 1 FEUILLETON 1 &! sreiinminnuxii, HSlÜrnUilffifil: ü -—- | —I niwitÄnwn2?5 i- Ber Iudensunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feld mann. (Fortsetzung.) XXII. eil größten Theil des Tages verbrachte er im Walde oder bei der Familie Bauer. Alle hatten sich an ihn gewöhnt, Alle empfanden Sympathie für ihn. Des Abends füllte sich seine enge, dunkle Stube mit wunderbaren Gestalten, welche — lebendige Ebenbilder des Fräulein Bauer — einander an Wuchs und Aussehen vollständig glichen. Der Jüngling lächelte sie an, und erhielt freudliche Blicke dafür. Er sprach schüchtern zu ihnen, oft aber sehr warm und beredt, und hörte außerordentlich gnädige Antworten. Tausendmal beschloß er, ebenso mit Lola zu reden, tausendmal entwarf er glatte Phrasen, welche gewiß einen größeren poetischen Werth besessen hatten als die Phantasien der kleinen Pensionärin, und tausendmal stand er vor ihr, demüthig, bescheiden, etwas ganz Anderes, seine Aufgaben nämlich, hersagend. Ach, dieser Unterricht war ihm sehr nothwendig, aber er wurde manchmal unausstehlich, wenn er das Schmollen und Lachen seiner Lehrerin auf den unverbesserlichen Talmudisten lenkte. Mochte die ganze Welt ihn auslachen, nur nicht sie. ... Was sollte er thun? Wenn ihn Jemand gefragt hätte, was er wünsche, würde er antworten: „Das; der heutige Tag ewig währen möge!" Und so war es auch. Er lernte und hörte Ludwigs Reden an. An das absonderliche Gebahren des Schadchens anknüpfend, besprachen sie oft verschiedene, auf das Judenthum Bezug habende Dinge. Ludwig machte seinen Schüler mit den neuesten Strömungen auf jüdischem Gebiete bekannt. Er, der die hebräischen Schriftzeichen nicht zu entziffern vermochte, er kannte die Geschichte der Hebräer genauer als der Theologe von Beruf. Voll Stolz sprach er von jenen Zeiten, wo die Juden der sich zivilisirenden Welt eine Straße bahnten, voll Verehrung von den Männern, welche Leuchten der lernenden Menschheit waren. Auch Jizchak begann, dieselben mit anderen Augen zu betrachten. Bauer erzählte ferner, wie seit dem Verluste ihrer staatlichen Unabhängigkeit sich die historische Rolle der Juden geändert habe. Die Ergebnisse der Knechtschaft und der Finsterniß brachten keine neue Errungenschaft in die Schatzkammer der europäischen Gedankenwelt, im Gegentheil. ... Wo aber die Juden wieder auf geistigem Gebiete erglänzten, dort traten sie als Bürger eines einzelnen, nicht jüdischen Landes auf. liebten ihre zweite Heimath und benützten deren Sprache, ohne deshalb ihrem Judenthum Abbruch zu thun. In Griechenland und Alexandrien sprachen und schrieben sie griechisch. Im maurischen Spanien spanisch. Gegenwärtig aber in Deutschland — deutsch. In Frankreich französisch. — „Alle diese edlen, patriotischen, verdienstvollen Männer" sprach Ludwig, „stelle ich unfern Juden als Muster auf. Ist dies so verwerflich?" „Wir sollen uns also mit den polnischen Juden vereinigen?" „Ja." „Sie wollen uns aber nicht."