Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1894)
- Date
- 1894-10-26
- Page
- Seite 513 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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-513 - Bas Kaddrsch-Geket. Von Rabbiner De. I. Kohn in Jnowrazlaw. I. fie jüdische Wissenschaft hat vor wenigen Monaten erst zur Erinnerung an den unsterblichen Leopold Zunz ei» vieltausendstinimiges „Kaddisch" gesprochen, so ernst und innig, so laut und vernehmbar, daß es auf dem ganzen Erdenrund gehört und vernommen, im Herzen Israels die Liebe zur jüdischen Wisseuschaft von Neuem geweckt und entzündet hat. Und so sei denn auch diese Arbeit dem Andenken des „Vaters der jüdischen Wissenschaft" in Ehrfurcht und Pietät gewidmet. Ist er es doch, der in seinen „Gottesdienstliche» Vorträgen" S. 372 schreibt: „Merkwürdig genug hat man schon seit 700 Jahren sich mit der Erklärung des "drnüMI,, umsonst gequält, da die „Hagadischen Vorträge" in jener alten Zeit "mbn31 1712*12 „ „Segnungen und Tröstungen" genannt wurden, und die Worte 8178M1 «172*72 *72 jö «Pp1?, wie Rapoport schreibt, ganz unzweideutig auf jene „Hagadischen Vorträge" Hinweisen." Die Leser dieser geschätzten Zeischrist erinnern sich, wir haben — nachdem wir das Schwierige und Unzureichende der Zuuz- Rappoportschen Erklärung nachgewiesen — im Jahrgang 1892, Nr. 12 dieser Zeitschrift eine ganz neue Erklärung und Uebersetzung für das 121 ^2 |Ü KpP*7 veröffentlicht. Um das dort Gesagte hier ganz kurz zu rekapituliren: Im fünften Auch Moses (26, 17—19) heißt es: 'm mx:*CT 'n 17« „ "am '■jTÜXn „Du hast heute den Ewigen erwählt (erhoben) und der Ewige hat heute dich erwählt (erhoben), daß er dich (Israel) macht zum Höchsten über alle Völker, zum Ruhm, zum Namen und zum Schmuck." Der Chaldäer hat bekanntlich als Extensivform anstatt der hebräischen Hiphil die Afelform, anstatt “ptt«!! — XD« und "«8*722 p’8«X heißt, daß Er (Gott) uns in der Welt erhoben, erkoren hat. Wir übersetzen also: p’a«*7 «178M1 ««7212117" "•«8^22 Es ist der Ruhm und der Trost Israels, daß Er (Gott) uns in der Welt erhoben, erkoren hat. . . . Diese Wohlthat und Gnade Gottes ist aber «m’tPl «172*12 *72 ja «*7'P*7„ hocherhaben über jedes Lob und jeden Preis," d. h. wir können Gott für diese Gnade nicht geuug danken. Die Uebersetzung des ganzen Satzes würde also lauten: „Hocherhaben über jedes Lob, über jeden Preis (Gottes) ist der Ruhm und der Trost Israels, daß Er uns erhoben und erkoren hat unter allen Völkern in der Welt...." Dies meine Erklärung in Kürze. Der berühmte Gelehrte, Herr Prof. Steinthal, bekämpft meine Erklärung, indem er im Jahrgang 1892, Nr. 22 dieser Zeitschrift schreibt wie folgt: „Die Uebersetzung des Kaddisch, die Herr Dr. Kohn giebt, halte ich für unmöglich, so lange nicht nachgewiesen ist, daß die Afelform von la« und zwar in solcher Bedeutung „erwählt", und in solcher Form *va« hebr. “pa«!*! im chaldäischcn Sprachgebrauchs des ersten Jahrhunderts v. Ehr. gegeben sei. Steht dies unerschütterlich fest, so folgt daraus und aus der Uebereinstimmung des christlichen Vater-Uuser, daß der Kaddisch u. s. w. . . ." Ich bin dem greisen, ehrwürdigen Herrn Professor Steimhal dankbar, daß er nlir Gelegenheit giebt, den geforderten Beweis, ich glaube in erschöpfender und unwiderleglicher Weise, zu führen und dem unbegreiflicher Weise arg vernachlässigten, sich etwas schüchtern versteckt haltenden Worte *va« zu seinem, guten Rechte zu verhelfen. Die erste Bedeutung des Wortes "*ia«„ resp. "*i'8«N„ ist, wie wir weiter hören werden, etwas Verborgenes ans Licht bringen. „Primaria significatio est — sagt Gesenius Thesaur. s. u. “lös* in lucem protulit — dixit“, und so wollen wir denn diese Wohlthat dem Worte Ta« — T8«n selbst erweisen, indem wir cs der dunklen Verborgenheit entreißen ititb dem Lichte und der Klarheit zuführen. Herr Prof. Steinthal fordert den Nachweis, „daß das Wort T8« bn chaldäischcn Sprachgebrauchs des ersten Jahrhunderts vor Christi gegeben sei." Er nimmt also als zweifellos an, daß das Kaddisch- Gebet schon vor Christi Geburt vorhanden war, und er m n ß das anuehmen,wegen seiner Behauptung von der „Uebereinstimmung" und „Gleichheit" des christlichen Vater-Unser mit dem jüdischen Kaddisch; denn wäre das Kaddisch-Gebet, wie es ans dem Talmud erwiesen ist, erst nach der Zerstörung Jerusalems verfaßt, also 70 »ach Christi, dann konnte ja das Pater Noster nicht dem Kaddisch- Gebet nachgebildet sein. Oder haben etwa die Juden das Vater- Uuser als Modell für ihr Kaddisch gewählt?!! Bisher galt als allgemein anerkannte Wahrheit, was Hamburger in seiner Encyclopädie s. v. Kaddisch sagt: „Von den Lehrern des zweiten, dritten und vierten Jahrhunderts wissen wir. daß sie das Kaddisch schon gekannt, ob wir demselben ein höheres Alter zuzuschreibe» haben? Nur die Sage führt dasselbe schon auf die Lehrer des ersten Jahrhunderts nach Chr., auf R. Jochanan ben Sakai und R. Akiba, zurück." Also selbst die Sage kommt nicht höher, als bis auf das erste Jahrhundert nach Chr. herauf; daß aber schon Jesus oder gar im ersten Jahrhundert vor Chr. das Kaddisch- Gebet vorhanden, bekannt war, das sagt Niemand. . . . Die Behauptung des Herrn Professor Steiuthal ist also, abgesehen davon, daß seine Uebersetzung des Vaterunser eine sehr freie, nichts weniger als treu, abgesehen, daß Matthäus und Lukas verschiedene Lesarten des Vaterunser haben '), und es noch keineswegs feststeht, welche Lesart die richtige ist-), abgesehen, daß die sogenannte Doxologie, d. i. der Schluß des Gebetes „denn dein ist das Reich, und die Kraft und die Herrlichkeit", entschieden uuecht als spätere Hinzufügung zu betrachten ist und in keinem der genannten Evangelien vorkommt, abgesehen von all' dem ist die Behauptung des Herrn Professor Steinthal, daß das jüdische Kaddisch-Gebet mit dem christt. Vaterunser irgend einen gemeinsamen Berührungspunkt, irgend einen Zusammenhang hätte, historisch wohl nicht haltbar. Nach Professor Steinthal muß entweder Jesus den Juden das Kaddisch nachgebildet, oder die Juden Jesu, das Vaterunser nachgemacht haben. Beides aber ist unmöglich. Daß das „Vaterunser" seinen Ursprung jüdischen Quellen verdankt, ist bekannt. Strauß (Leben Jesu, Band I S. 584) sägt in seiner Kritik der Bergrede: „Was das Einzelne dieses Gebetes (Vaterunser) betrifft, so ist es zwar unleugbar was Wetstein sagt: „tota ha«; oratio ex formulis Hebraeorunt concinnata est"; N. T. 1. S. 323. (Man sehe die Parallelen bei ihm und Lightfoot); aber eben so richtig bleibt, was Fritzsche erinnert, „daß so allgemeine Wünsche gar wohl von Verschiedenen auf unabhängige Weise im Gebete, und zwar selbst mit ähnlichen Worten ausgesprochen werden könnten"! Und gilt das, was Fritsche hier sagt, nicht voll und ganz auch von Kaddisch und „Vaterunser"?! Konnten die beiden Verfasser dieser Gebete nicht solch' allgemeine Wünsche ans unabhängige Weise selbst mit ähnlichen Worten ausgedrückt 0 Lulas 11, 2-4, lautet das Vaterunser; „Vater, dein Name werde geheiligt! dein Reich komme! Unser tägliches Lrod gieb uns heute! Und vergieb uns unsere Sünden, wie auch wir jedem Beleidiger vergeben. Und führe uns nicht in Versuchung!" Matthäus 6, 9 - lg, hingegen: „Vater unser, der du im Himmel bist, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himml also auch auf Erden u. s. w. 2) Vide Strauß' Leben Jesu, Band 1. S. 869.