Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1894)
- Date
- 1894-10-26
- Page
- Seite 512 (sequence 8)
- Language
- German
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512 - wird es sich niit der christlichen Musik verhalten haben. „So viel," sagt Ambros („Geschichte der Musik". Bd. II. S. 9, Breslau 1864), „wird zugegeben werden können, daß die Apostel ihre Gesänge, . . . sicherlich nach den oft gehörten, ihnen Allen geläufigen Psalmenmelodien anstimmten, und daß auch die erste Christengemeinde in Jerusalem zum Psalmengesang auf keinem Fall andere als die gewohnten Singweisen wird haben hören lassen," oder, wie es an einer andern Stelle bei ihm heißt (Bd. I, S. 196, 1862): „Von der musica sacra der Hebräer holte sich die Musik des Christenthuins die Heiligung, von der Tonkunst der Griechen holte sie sich Form, Gestalt und Schönheit." (Vgl. auch Meusel, Kirchliches Handlexikon, Leipzig 1887 st., Bd. I, S. 110, unter: „Ambrosianischer Lobgesang"; Bd. II, S. 757, unter: „Der kirchliche Gesang" und Bd. III, S. 73, unter: „Gregorianischer Gesang".) Daß aber der jüdische, synagogale Gesang, wenigstens zum größten Theil, nicht altheimisches, ererbtes Gut ist, sondern anderswoher stammt, hat bereits vor dreißig Jahren Ambros gesehen. „Die Juden," sagt er (a. a. O. S. 203), „so fest sie an dem Wesentlichen ihrer Nationalität und ihres Glaubens von jeher hielten, schließen sich in allem Uebrigen mit wunderbarer Elastiziiat den Völkern an, unter denen sie seit ihrer Zerstreuung wohnen, sie bauten z. B. ihre Synagogen im gothischen, maurischen u. s. w. landesüblichen Stil, ohne etwa architektonische Reminiscenzen aus Palästina eigensinnig festzuhalten. So mag auch auf ihren Gesang der übrige Gesang des Landes nicht ohne Einfluß geblieben sein. . . . Die deutschen Juden singen in Weisen, die eine Verwandtschaft mit dem gregorianischen Choral haben und mitunter erhaben heißen durften, wenn der Vortrag ruhiger, weniger bunt (?) wäre." In der That wird uns auch schon sehr früh bezeugt, daß zwischen Juden und Christen in Betreff der synagogalen resp. kirchlichen Melodien ein Austausch stattgefunden hat; denn sonst würden, als die Beziehungen zwischen den Bekennern der beiden Religionen sich mit der Zeit verschlimmerten, nicht solche Verbote ergangen worden sein, daß man Kirchengesänge nicht ins Hebräische übersetzen und in der Synagoge singen, und daß man Christen nicht Synagogenmelodien zum Gebrauche für Kirchengesänge lehren soll, wie es in dem aus dem 13. Jahrhundert unserer Zeitrechnung stammenden „Buche der Frommen" geschehen ist (vgl. Güdemann, „Geschichte des Erziehungsweseus und der Kultur der Juden in Frankreich und Deutschland." Wien 1880. S. 185 und 23). Endlich wird sich auch bei der notorischen Befähigung der Juden für die Liebe zlir Musik nicht in Abrede stellen lasten, daß manch' eine Melodie, die bei ihnen seit Jahrhunderten in synagogalem Gebrauch ist, von ihnen selbst herstammt, wie man schon daraus ersehen kann, daß ihre liturgischen Gesänge fast ausnahnislos elegischer Natur und gleichsam der Ausdruck sind ihrer Jahrhunderte lang währenden Leidensgeschichte. Ja, noch heute kann man die Beobachtung machen, daß die Juden, die, wie in Osteuropa,, (in Polen und Rußland), nicht die leiseste Kenntniß von Notenschrift und irgendwelcher musikalischer Technik haben, sehr hübsche, selbstgefundene Melodien singen, die auch musikalisch gebildeten Ohren gefallen dürften. So erinnere ich mich ganz lebhaft aus meiner Knabenzeit in Galizien, daß nicht blos Kantoren von Beruf, denen selbst die Anfangsgründe musikalischer Bildung fehlten, an den hohen Feiertagen mit ihren „Singern" mehrstimmige, selbstverfaßte. Kompositionen — namentlich beim „Halle!" (Psalm 113—118) — hören ließen, die manchem gefeierten Komponisten unserer Zeit zur Ehre gereichen würden, sondern auch Laien, natürlich mit völlig ungeschulten Stimmen, neben Bizarrem und Abstoßendem auch manches dem Ohre Gefällige zu hören gaben, was fast jeden Sabbath der Fall war. Und zwar ist der Vorgang, der vielleicht manchen Leser dieses Blattes interessiren dürfte, und der übrigens bis auf den heutigen Tag dort fortbesteht, folgender: Bei dem „Wunderrabbi" — der „gute Jüd'" genannt — der eine wahre Leibgarde um sich hat, und bei dem namentlich der Sabbath, in gleicher Weise allerdings auch das „Fest der Gesetzesfreude", der letzte Passahtag und der zweite Pfingsttag sehr festlich begangen wird, da wird gut gegessen und getrunken und sehr viel gesungen, ganz besonders aber letzteres bei der sogenannten „dritten Mahlzeit" des Sabbaths; nach dem Talmud nämlich (Tract. Sabbath S. 117 Bl. 2) soll man an diesem Tage drei Mahlzeiten essen; zu dieser dritten nun, die übrigens auch in derselben Weise bei anderen streng orthodoxen Rabbinen — was dort ja fast alle sind — gefeiert wird, kommen außer dem genannten Anhang verschiedene Mitglieder der Gemeinde, Jung und Alt, Reich und Arm in das Haus des Rabbi, — es geschieht kurz vor Sonnenuntergang — esten hier ein wenig, sitzen da, bis es ganz finster wird, denn Licht niachen darf man noch nicht, und singen, bisweilen Einer, bisweilen die ganze Versammlung, die Sabbathgesänge (die „Semiroth") oder diesen und jenen Psalm, in Weisen, die irgend ein Sangeskundiger aus ihrer Mitte sich im Laufe der Woche erdacht hat, und die, wie gesagt, gar nicht übel klingen. Die Gesänge werden weiter verbreitet, theils durch Rath- und Hilfesuchende beim „Wunderrabbi" aus weiter Ferne, die in ihre Heimath zurückkehren, theils durch reisende Kaufleute, und werden so bei festlichen Gelegenheiten, da und dort, Wochen, ja Monate lang weiter gesungen, bis wieder neue auftauchen, ohne daß auch nur ein einziger Ton schriftlich fixirt worden wäre. Man sieht also, daß es mit der geschilderten jüdisch-polnischen Musik ganz so bestellt ist, — wenn der Vergleich gestattet ist, — wie mit der Zigeunermusik, bei der bekanntlich von irgend welcher Schulung ebensowenig die Rede sein kann, wie bei jener, und die, wie Jeder zugeben wird, bisweilen ganz entzückend ist. Aber hier wie dort ist der Gesang resp. die Musik aus dem Volke selbst ohne jede Beeinflussung von außen hervorgegangen. Man ist daher, meine ich, berechtigt, anzunehmen, daß auch die synagogalen Melodien zum großen Theil bei den Juden selbst entstanden sind, ohne daß mit dieser Annahme der Einfluß von außen, d. h. der sie umgebenden, nicht jüdischen Völker ausgeschlosten wäre. Das zu ermitteln, wie weit nämlich jener reicht, was die jüdischen Gesänge in Deutschland und Polen der römischen, wie der griechischen Kirche verdanken, — denn, wie mann jetzt so ziemlich sicher weiß, (vgl. besonders die aus dem Russischen ins Hebräische übersetzte Schrift von Abr. Harkavy: „Die Juden und die slavischen Sprachen. Wilna, 1867" und Güdemann (a. a. O. S. 114 ff.) stammen die Juden Osteuropas aus den ehemaligen griechischen Kolonien und später griechisch-katholisch geivordenen Ländern, wie dem heutigen Südrußland und der Krim, und sind dann im Laufe der Jahrhunderte weiter bis an die Weichsel vorgedrungen, so daß auch von dort her, von der griechischen Kirche, Entlehnungen von Melodien seitens der Synagoge stattfinden konnten, — all' dieses, sage ich, zu ermitteln, iväre sowohl für die Musik-, als auch für die allgemeine Kulturgeschichte von hohem Jntereste, und geeignet, uns in der Ueberzeugung zu bestärken, daß die Juden von Alters her trotz aller freiwilligen und noch mehr unfreiwilligen Abschließungen den sie umgebenden Völkern gegenüber von diesen gelernt und das Gelernte zu nutzen und geistig zu verarbeiten verstanden haben.