Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1894)
- Date
- 1894-10-26
- Page
- Seite 511 (sequence 7)
- Language
- German
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- 511 - über die Rezeption der Juden, welches im zweiten Paragraphen den Uebertritt zum Judenthum erlaubt, zur Annahme zu bringen. Es ist jedoch kaum zweifelhaft, daß Wekerle's Energie schließlich doch noch de» Widerstand der Magnaten brechen wird. Rußland freilich wird sobald nicht folgen; es ist aber auch schon jetzt der einzige christliche Staat, welcher den Abfall von der Kirche als Verbrechen bestraft,'^) auf den Uebertritt zum orthodoxen Glauben dagegen eine Prämie setzt.^) Iu den synagogalen Melodien. Von Dr. I. Babad, Bibliothekar in Greifswald. sA^T^och klingen die Melodien der Feste in unfern Ohren — 6g\y, und da ist es wohl angebracht, über den Ursprung derselben ein wenig nachzuforschen. Früher einmal (Nr. 45, 1893) hat Herr Leop. Katz über dasselbe Thema, namentlich über das Kol nidre gehandelt, und ist zum Resultat gelangt, daß die Heimath der von uns sogenannten „alten jüdischen Melodien" der Orient sei. „Darauf läßt," fährt er fort, „mit unfehlbarer Sicherheit das aramäische Kol nidre schließen." Nun, wenn das das einzige Argument seiner Hypothese ist, so steht sie auf sehr schwachen Füßen: Die Sprache, das Aramäische, ist noch lange kein Beweis für das Alter des Kol nidre, trotz Zuuz, der es in der Litteraturgeschichte der synagogalen Poesie, Berlin 1865 (S- 19), mit anderen Formeln und Gebeten für einen Ueberrest aus dem alt-babylonischen Ritus hält. Nun ist es aber allgemein bekannt, daß die jüdischen Gelehrten des Mittelalters, die zum großen Theil zugleich „Poetanim" (Dichter, Sänger) und Verfasser liturgischer Gebete und Lieder waren, das aramäische Idiom mit derselben Leichtigkeit handhabten wie das hebräische. So ist, um nur ein Beispiel anzuführen, das bekannte, noch heute in alten Synagogen am ersten Tage des Wochenfestes vor dem Vorlesen aus der „Thora" recitirte „Akdamoth", dessen 90 Zeilen ganz aramäisch sind, nicht etwa in Babylon entstanden, sondern im elften Jahrhundert unserer Zeitrechnung in Worms von einem gelehrten Vorbeter Namens Meir ben Jsaac den Samuel verfaßt, der 1096 dort gestorben ist (S. Zunz a. a. O., S. 145 fl.). Ist etwa das kabbalistische standardwork, der Sohar, altorientalischen, babylonischen Ursprungs, das Werk Simon ben Jochais, und nicht vielmehr das Werk von Mose de Leon in Spanien aus deni 13. Jahrhundert, weil es ganz aramäisch abgefaßt ist? Gegen das hohe Alter des Kol nidre spricht auch schon der Talmud (Tract. Nedarim 23, Bl. 2). Zu dieser Stelle bemerkt der Kommentator zum genannten Traktat, R. Nissim ben Rüben („Ran"), der 1376 in Barcelona gestorben ist: „Es scheint, daß das in einigen Gemeinden" — nicht in allen, wie wir gleich sehen werden — „gesprochene Kol nidre rc. die später zu thuenden Gelübde für nichtig zu erklären bezwecke." Man sieht also, daß das Kol nidre aus babylonischer Zeit nicht stammen kann, sonst würde es schon der Talmud gekannt haben, es würde außerdem von allen Gemeinden recipirt worden sei», was bis auf den heutigen Tag nicht der Fall ist; in Rom z. B., in einer ganz orthodoxen Gemeinde, habe ich vor einigen Jahren kein Kol nidre gehört, gleich nach dem bejescliiba it. s. w. begann das Maarib-Gebet. Dagegen hatte ich allerdings 29) Leroy-Beaulieu, l’empire des Tsars et les Russes, t. III, Paris 1889, p. 575. 80) Allg. Zeitung des Judenth., 1891, S. 223. Gelegenheit, jenes zu hören am vorigen Jomkippur in Nizza, in dessen beiden Synagogen der Machsor und das Ritus von Livorno maßgebend waren. Aber wie klang das Kol nidre?! Da war auch nicht ein Ton darin, der an eine Melodie bei den Inden in Deutschland und Polen hätte erinnern können: es war vielmehr ein monotones, nichtssagendes Recitativ; aber von irgend lvelcher Melodie war auch nicht die Spur zu finden. Deshalb glaube ich auch nicht, daß, wie Herr Katz (a. a. O.) vermuthet, der Kol nidre-Gesang, ivie die anderen jüdischen Melodie», aus Italien zur Zeit Karls des Großen nach Deutschland gekommen seien, und der Rabbi Kalonymos aus Lucca, den Jener als Vorsteher der Judenschaft nach Mainz berief, sie dorthin gebracht habe. Wäre das der Fall gewesen, so uiüßten doch, meines Erachtens, jene zunächst in Italien sich erhalten haben, zumal hier die Juden das ganze Mittelalter hindurch weit weniger Verfolgungen und Vertreibungen ausgesetzt waren als ihre Glaubensgenossen in Frankreich und Deutschland, so daß bei dem bekannten konservativen Sinne der Juden sich die alten Melodien wohl bis auf den heutigen Tag würden erhalten haben, was aber ganz und gar nicht der Fall ist: Weder in Rom, wie ich in Nummer 39. vorigen Jahrganges der „Allgem. Ztg. des Judenthums" gezeigt habe, noch in Mailand, wo ich ani vorigen Roschhaschanah mich aufhielt und die Synagoge besuchte, »och in Nizza, noch endlich vor sechs Jahren in der sephardischen Synagoge in Paris habe ich dem Aehulichcs oder auch nur entfernt Anklingendes gehört, lvas ich in Polen und Deutschland von meiner frühesten Kindheit an an den hohen Festtagen in den Synagogen zu hören gewöhnt bin. Was nun den Ursprung der jüdischen synagogalen Melodien betrifft, so glaube ich nicht, daß sie bei den Juden aus babylonischer oder gar palästinensischer Zeit hcrstaunnte», denn, da jene »ach aller Herren Länder zerstreut wurden nnd Die Notenschrift nicht kannten, so war die Fixirung der Melodien im Gedächtnisse auf Jahrhunderte hinaus ein Ding der Unmöglichkeit; denn sonst mußten sie, so gut wie die Gebete, mit geringen Abweichungen, den Juden des Morgeu- und Abendlandes gemein sind, ebenfalls ihnen Allen gemein sein, was aber, wie wir sahen, nicht der Fall ist. Biel eher glaube ich, hat das Christenthum, speziell die katholische Kirche, wie manches Andere, dem althebräischen Gottesdienste im Tempel auch liturgische Melodien entlehnt nnd bis heute erhalten, denen durch Hinzutritt griechischerTonartenFormundGestalt, Betonung und Rhythmikvcrliehen wurden. Es ist nämlich ganz falsch, zu glauben, cs sei unwahrscheintich, „daß die ersten Christen bei ihrem Abscheu gegen alles Heidnische und bei ihrer Absonderung von den Juden, sich griechischer oder jüdischer Melodien bedient hätten." Das Christenthum hat von Anfang an so viel Indisches wie Heidnisches anfnehmen müssen, das; ein wahrer Synkretismus entstand, dessen Elemente sich »och heule bei unserer Kenutuiß der alten Formen der heidnische» wie der jüdischen Religion mit Leichtigkeit erkennen lassen. So sind, nm nur Einiges anzusühren, nicht blos die Verwendung der Psalnien im Gottesdienst den Juden entlehnt, sondern auch die christlichen Feste, wie noch heute ihre Bezeichnungen, italienisch pasqua, französisch paque und päques, spanisch pascua, portugiesisch paseoa einerseits, holländisch paschen, dänisch paaske und schwedisch pask andererseits für „Ostern", oder „Pfingsten" ans nivTixoatti (nämlich wfya, vgl. 3. B. M. 23, 16) zeigen, jüdischen Ursprungs, wogegen die Bilder-Heiligen-, Märtyrer- und Reliquienverehrung und noch manches Andere — worüber Viktor Schnitze in dem sehr lehrreichen Kapitel über „Religiöse Ausgleichungen" im zweiten Bande seines Buches „Geschichte des Untergangs des griechisch-römischen Heidenthums", Jena 1892 (S. 340 ff.), gehandelt hat — dem Heidenthum entnommen sind. Nicht anders m